Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 3-4 (März-April 1919)
- Article
- Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
- Date
- 1919-03-01
- Page
- Seite 77 - 78 (sequence 4)
- Language
- German
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77 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 78 Schwärmereien des Jünglin gs herab, und gute Freunde rieten seinen Eltern, ihn auf seinen Geisteszustand untersuchen zu - lassen. Der junge Mann mußte auch versprechen, die Arbeiten an seinem Projekte bis zur Beendigung der medizinische» Brotstudien ruhen zu lassen. Zamenhof ließ sich davon nicht abschrecken, arbeitete, forschte, erprobte, verbesserte im stillen seinen Entwurf, und nachdem er sich in Warschau als Augenarzt niedergelassen und ein Sümm-. chen erübrigt hatte, gab er im Jahre 1887 in polnischer, deutscher, russischer, und französischer Sprache ein Buch heraus, das den Titel führte: »Internationale Sprache. Von Dr. Esperanto." (Esperanto — Hoffender.) Es enthielt die Erklärung: »Die internationale Sprache ist, wie jede nationale, allgemeines Eigentum. Der Autor entsagt für immer allen persönlichen Rechten an ihr." Zwei Jahre hatte der Verfasser erfolgtos nach einem Verleger für sein. Geistesprodukt gesucht. Das Lehrbuch fand rasche Verbreitung, ohne diß der Name des Verfassers bekannt wurde. In demselben Jahre 1887 hatte die American Philosophical Society in Philadelphia an alle wissenschaftlichen Körperschaften der Welt Einladungen zu einem Weltkongreß ergehen lassen, der die Prüfung der Frage einer internationalen Verständigungssprache vorbereiten sollte. Der Kongreß kam nicht zustande, der Plan einer internationalen Sprache erschien den Fachgelehrten, utopisch, so daß die genannte Gesellschaft, trotz ihres großen Ansehens in der Welt, im ganzen fünf Antworten erhielt, allerdings vier zustimmende und eine ablehnende. Die Gesellschaft erhielt Kenntnis von dem Lehrbuch des Dr. Esperanto und erklärte die von ihm geschaffene Sprache als die geeignetste zu dem erstrebten Zweck. Die Sprache erhielt seitdem, den Namen Esperanto und trat ihren SiegesziLg über die ganze Welt an, obgleich keine lärmende Reklame für sie gemacht wurde, keine Regierung sie „in die Hand nahm", um sie zu fördern und — zu ihren egoistischen macht - politischen Zwecken auszunutzen, lobgleich keine weltberühmte Akademie ihre schützendem Fittige über sie ausbreitete. Offenbar entsprach die Idee des Esperanto einem tiefgefühlten Bedürfnis der Kulturmenschheit, und die Sprache besaß überdies alle Vorzüge ihrer Vorgänger ohne deren Mängel. Um einen Begriff von der Ausbreitung1 des Esperanto zu geben, genügt hervorzuheben, daß es 3m Jahre 1889 erst drei Esperantovereini- HUGO KRAYN Bildnis Arno Nadel gungen gab. Kurz vor Ausbruch des Krieges aber gab es deren 2200 in 62 Ländern! Esperantozeitschriften verschiedener Art, propagandistische, literarische und fachliche gab es 1914 etwa 120, die Esperantoliteratur umfaßte bereits 3000 Werke, teils Urschriften, teils Uebersetzungen aus den besten Werken . der Weltliteratur, darunter. auch wertvolle wissenschaftliche. Die Ortsgruppen haben sich zu Landesujnjl Fachperbänden zusammen?* geschlossen, und im Jahre 11911 ist" der. Grund zu einer Zusammenfassung aller Esperantovereine der Welt gelegt .worden. Die Universala Esperanto-Asocio hat sich die praktische Verwertung dieser Sprache namentlich. in Handel und Verkehr zur Aufgabe gestellt; sie zahlte 1914 ungefähr 80 0 0 Mitglieder und mehr als 1000 verbandsamtliche Vertreter in allen Kulturländern der Erde. Im Jahre 1905 fand der erste Esperanto- Weltkongreß in Boulogne sur Mer statt. Ihm folgte 1906 der in Genf, 1907 in. Cambridge,' 1908 in Dresden, 1909 in Barcelona, 1910 in Washington, 1911 in Antwerpen, 1912 in Krakau, 1913