Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Mein erster Fasttag
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 49 - 50 (sequence 3)
- Language
- German
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49 Mein erster Fasttag. 50 herum, was mit dem guten und reichlichen Essen und klingender Münze nicht zu teuer bezahlt war. Dann, nach einem wohlschmeckenden Kaffee, betete er, später als alle anderen und sehr lang, indem er bei jedem; Worte die Gedanken auf alle EngeL konzentrierte, deren Namen in den einzelnen Buchstaben angedeutet sind; darauf hegoß er sich die Hände, nachdem er das Wassergefäß sorgfältig untersucht hatte, ob nicht 'der Rand eine Scharte habe, in der sich möglicherweise ein böser Geist eingenistet haben könnte, der .'die Hände verunreinigte. Dann frühstückte er gründlich, bedächtig und geräuschvoll, daß man es im angrenzenden Zimmer hörte, nachher paffte er die Pfeife mit dem Langen Rohr, gab sich im Verdauen schmerzlichen. Betrachtungen hin über das Leid der Welt, da die Schechinah sich1 in der Gefangenschaft befand und die Erlösung so lange auf sich warten ließ. Nach dem Mittagessen und einem längeren Schläfchen, schloß er die Augen und versenkte sich stundenlang in die Betrachtung der Größe Gottes und seiner Schöpfung, die voll war von Mazzikin (bösen Geistern), welche allenthalben den Menschen auflauerten, während der Unendliche die Menschen fortwährend vor ihnen beschützte. Was die Thora anbetrißt, so überließ er deren Studium getrost den tief unter ihm stehenden Leuten, wie unserm Lehrer, der sich mit der Ergründung des „Nigleh", der äußerlichen, allen zugänglichen Hülle, nämlich der Bibel, des Talmud und der Poskini6) abrackerte. Er selber vertiefte sich in das „Nisthar", den verborgenen Kern, das Geheimnisvolle, zu dem nur den Geweihten,' Auserwählten der Schlüssel anvertraut war. .4VDrei sind vom Fasten befreit"", sagte unser Lehrer, und legte sein Gesicht in ernste Falten. „Kranke, Schwangere und". . . hier hüstelte er, „und Hungrige." Jankel, der Fuhrmann, der in seiner naiven Frömmigkeit und vollkommenen Einfalt den Reb Chajkel im stillen ein wenig verehrte, nahm ihn in Schutz: '; „Mein Sohn Schalom ist baumstark und kerngesund, und dennoch kommt ihn das Fasten schwer an.i. xGegen Nachmittag ist er immer blaß wie Leinwand und kann sich "nicht von der Stelle rühren," Jankel war ein stämmiger Mensch, wegen seiner außerordentlichen Körperkraft weit und breit bekannt. Sanft und still arbeitete er schwer;, für den Unterhalt seiner Familie und um für seinen begabten Sohn das Lehrgeld aufzubringen und ihm Bücher zu kaufen. Er erstarb in Bewunderung vor alLen, die in den heiligen Büchern, gleichviel welcher Art sie sein mochten, studieren konnten. Er selbst verstand nur die Bibel und die Gebete, und auch dies bloß mit Hilfe der jüdischen Uebersetzung, „He, Schalom/' rief er seinen Jungen herbei, „wie wird es morgen mit dem Fasten sein?" Der siebzehnjährige Schalom war mein Studiengenosse und besonderer Herzensfreund. Mir war er in Bibel und hebräischer Grammatik weit voraus, dafür bewunderte er meine Algebra und Himinelskunde, wozu er nicht die geringste Befähigung aufwies?. 5) Rabbinische Religionsgesetzbücher mit den Kommentaren. „Morgen faste ich den ganzen Tag, Vater," rief -er schüchtern, „du sollst sehen/. . ."■ „Wenn es nur nicht deiner Gesundheit schadet", bemerkte sein-Vater mit weicher Stimme. „Wir fasten alle bis Minchah", riefen einige Jungen beherzt. „Na, na," sagte; unser Lehrer, „wenn die Mütter so gegen Mittag euch sch-ön bitten, zu essen, werdet ihr nicht nein sagen," „Aber wo denken Sie hin, Rabbi! Sind wir kleine Mädchen „Schön, schön, aber wer noch nicht Thephillin legt, braucht nicht zu fasten." „Wenn er es aber kann", erwiderte ich selbstbewußt. „Kannst du das?" „Ich faste den ganzen Tag, das kann ich, das werde ich Ihnen . beweisen." „Gewiß, mein Sohn, du issest dich satt zu Mittag, dann kannst du den ganzen Tag fasten." „Nein!" rief ich verletzt. „Ich faste den ganzen Tag ununterbrochen, von jetzt ab- bis morgen Abend, wenn drei Sterne am Himmel stehen/' „Nimm dich in acht, Kleiner, morgen wirst du es bereuen. ,Dann kommt die Mutter und bittet dich, nur ein Butterbrot zu essen, ein ganz kleines Stück Butterbrot, mit Käse, oder auch ohne Käse. Du widerstehst'nicht. Weißt du, was es heißt, den ganzen Tag zu fasten, für einen so kleinen Jungen?" „Ich bin kein kleiner Junge, und im künftigen Jahr werde ich ja verpflichtet sein". . . „Ganz recht, aber morgen bist du noch nicht verpflichtet, und wenn du so gegen zwei oder drei Uhr kräftigen Appetit bekommst, und die Mutter fühlt es und bittet dich. . . Du wirst nicht widerstehen und dich mit Freuden erweichen lassen." „Nein, das1 tu ich nicht, ganz ge'wiß niieht. Ich faste den ganzen Tag", rief iclt trotzig. „Sag doch wenigstens: beli neder7)", fiel mein Vater ein. „Sonst gilt es ja fast wie ein richtiges Gelübde, und du mußt es einhalten, auch wenn du schwach wirst." „Ich werde nicht schwach. Ich bin ja kein - Kind. Obwohl ich nicht verpflichtet bin, werde ich bis zu Ende fasten. Ich werde mich nicht überreden lassen", sprach ich mit steigendem Eifer. „Ich tue einen Neder." Das Wort war gefallen. Eine Stille entstand. Es war ein leichtsinniges Wort. Mein Vater und mein Lehrer schüttelten mißbilligend die Köpfe. Mit einem Neder war nicht zu spaßen, obgleich ich noch ein kleiner Junge war. Ein Neder mußte unbedingt gehalten werden, kostete es, was efs Wollte. Wenn einem Erwachsenen in der Hitze oder im Zorn ein Gelübde entschlüpfte, und er es später bereute und rückgängig machen wollte, gab es einen ordentlichen Prozeß mit einem Verhör vor einem regelrechten Gerichtshof, es wurde untersucht, ob neue, unvorhergesehene Umstände eingetreten waren, die eine Lösung des Gelübdes rechtfertigten. Vor Rosch ha Schauah und Jörn 7) „beli neder" ohne Gelübde. Diese Formel verhindert, daß das ausgesprochene Worte als Gelübde gelte und verbindende Kraft habe.