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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 47 - 48

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Mein erster Fasttag
Date
1919-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 2)
Language
German
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Mein erster Fasttag; 48 hatte plötzlich stark an Reiz verloren. Meine Mutter, das Urbild nie versiegender Fröhlichkeit, machte sich häufig in ihrer schalkhaften Weise über meine junge Männlichkeit lustig und lud mich alLemal ein, auf ihrem Schoß Platz zu nehmen, was ich heftig errötend ablehnte... Natürlich hätte es meinem erwachenden Jünglingsstok sehr geschmeichelt, am neunten Ab volle vierundzvanzig Stunden zu fasten, wie die Großen, obgleich ich dazu gar nicht verpflichtet war, und sogar vierzehn- und fünfzehnjährige Jungen an diesem langen, heißen Sommertag nur bis drei oder vier Uhr ohne Speise und Trank gelassen wurden. Diesmal fiel der neunte Ab auf einen Sonntag. Am Sabbat zuvor versammelten sich die Nachbarn aus unserem und den umliegenden Dörfern zum Gottesdienst in einem größeren Zimmer unseres Hauses, welches als Miniatursynagoge eingerichtet war. Hier standen auch die Bücherschränke, und hier lernten' wir, sechs bis acht Knaben verschiedenen Alters, weswegen wir dieses Betgemach „Chedcr" nannten. An jenem Sabbat trug diq in die Ostwand eingemauerte heilige Lade einen schwarzen Vorhang, was auf uns Knaben einen besonders düstern Eindruck machte und stark unsere Munterkeit .dämpfte. Spät am Nachmittag kamen :die Nachbarn mit ihren Knaben, meinen Schulkameraden, anermals zusammen. Man nahm,-nach Minchah, das dritte Sabbatmahl ein, jetzt zugleich das ,,Vorfasten"2), und am Abend sollten nach dem Abendgottesdienst die Klagelieder Jeremias nebst den. Kinoth3) vorgetragen werden. Nach Tisch wurden wir Knaben übermütig und tummelten uns draußen herum, unter den Augen der Erwachsenen, die in dem großen Vorgarten unseres Hauses saßen und gemütlich plauderten. j,Rabbi Akiba," sagte Berl, der Brauer, zu unserem Lehrer, der, trotz seiner unverwüstlichen Heiterkeit und Spottlust, ein Asket war, „für Sie müßte man am neunten Ab und den anderen drei Fasttagen eigentlich eine besondere Kasteiung ersinnen, das 'gewöhnliche Fasten scheint Ihnen eher ein Genuß zu sein. Jeden Montag und Donnerstag fasten Sie, Schovavim Thath4) fasten Sie, zwischen Rosch ha Schanah und Jörn Kippur fasten Sie, jeden Erev Rosch Chodesch fasten Sie, dann haben Sie noch eine ganze Menge von Sonderfasten, Sie fasten im Jahre mehr als Sie essen." „Gottlob, ich bin trotzdem munter und gesund", erwiderte Rabbi Akiba, und reckte, seine hagere Gestalt, jugendfrisch trotz' seiner achtundsechzig Jahre. „Am morgenden Tag ist das Lernen verboten," bemerkte mein Vater maliziös, „das ist für unseren Rabbi Akiba genug der Pein." „Er wird sich zur Erde setzen und die Knaben herbeirufen und das Buch Hiob und den Midrasch Echah mit ihnen lernen, das ist erlaubt." 2) Letzte Mahlzeit vor einem Fasttag. 3) Trauergesänge für den neunten Ab. 4) „Schovavim Thath" bildet das Anagramm der acht Wochenaöschnitte von zwei Wintermonaten, ungefähr Januar-Februar, in denen die Strengfrornmen ein Sonderfasten abhalten, 'währenddessen, vom Sabbath abgesehen, nur am Dienstagabend eine MaMzeit eingenommen wird. „Dafür wird unser Reb Chajkel gewiß nicht fasten" sagte meine Mutter, die den Reb Chajkel gern aufzog. „Er kann nicht fasten", bemerkte unser Lehrer. „Warum denn? Hat er ein Leiden 1" „Sobald er anfängt, wird er gleich hungrig", erwiderte Rabbi Akiba. (Man lachte. Reb Chajkel war ein sehr frommer Mann, ein Chassid, und zwar ein vielfacher; er betete eine ganze Anzahl von Wunderrabbis an, die mit einander in bitterer Fehde lagen und sich gegenseitig verketzerten. Jeder dieser Zaddikim gewährte, im Bewußtsein seiner hohen Geltung bei der himmlischen Macht, seiner Gemeinde eine Anzahl besonderer Erleichterungen. Reb Chajkel, der bei allen Gemeinden abwechselnd hospitierte, machte sich alle diese Erleichterungen zunutze. Zu diesen Privilegien gehörte es, sich über die gebotenen Fasten hinwegzusetzen. In unserer ganzen Umgegend gab es nur zwei chassidische Familien. Mein Vater lachte über ihren Aberglauben und ihre Unwissenheit, unser Lehrer hielt ihre Zaddikim für ausgepichte Gaukler, Schwindler und Ignoranten, die dem unwissenden, betörten Pöbel das Geld aus der Tasche lockten, sah in ihrem ganzen Gebaren eine Art verkappter Ketzerei und verfolgte sie mit seinem grimmigsten Spott. Reb Chajkel hielt sich trotzdem gern in unserer Gegend auf, obwohl er uns alle als MLthnaggdim5) im stillen verachtete, und für eine gemeine Menschensorte hielt, die mit Blindheit geschlagen war, sich auf der allerniedrigsten Stufe der Erkenntnis befand und zu nichts besserem taugte, als sich schwer ums alltägliche Brot zu plagen, und ihn, Reb Chajkel, zu ernähren, der ein Begnadeter war, ein Auserwählter, an dem der himmlische Vater seine Freude hatt«. Nur aus Liebe zu ihm und seinesgleichen ließ Gott die anderen leben, gab ihnen ihre Nahrung und (die bescheidenen Mittel,, ihren Kindern Lehrer zu halten, damit sie sich Tag und Nacht mit dem Studium der Thora mühten. Die beiden chassidischen Familien kamen für ihn. nicht in Betracht. Die eine war faul und arm und lebte meist von Unterstützungen; die andere war freilich wohlhabend, aber von berüchtigtem Geiz. In unserem Hause venveilte er gern, beehrte uns sogar wochenlang mit seinem Aufenthalt, da meine Mutter vorzügliche Kräpfchen kochte und an Sabbaten die Fische, der „Kugel" und der Schalet ganz ausgezeichnet schmeckten und reichlich dargeboten wurden. Auch alle unsere Nachbarn waren nicht geizig, und Reb Chajkel verließ die Gegend nie oke einen vollen Beutel mit Kupfer- und Silbermünzen. „Ich bin ein schwacher Mensch," seufzte er und blickte zum Himmel hinauf, „wenn ich den ganzen Tag faste, kann idh nicht Gott dienen." Er diente Gott auf chassidische Weise. Des Morgens ratterte er unter Jammern und Stöhnen ganze Kapitel aus dem Sohar herunter, von denen er kein Wort verstand, aber das machte nichts. Der bLoße Klang der heiligen Laute, aus solch geweihtem Munde kommend, bereitete Gott eine unsagbare Wonne, und brachte Schutz und Gnade allen diesen anderen armseligen Menschen rings- 5) Gegner des Chassidismus.

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