Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Mein erster Fasttag
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 4)
- Language
- German
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51 Mein erster Fasttag. 52 Kippur saßen die ältesten und angesehensten Gemeindemitglieder in Gruppen zu je drei, und* die anderen kamen herbei und baten demütig um Lösung der Gelübde und Bindungen, die sie im Verlaufe des Jahres unachtsam etwa auf sich genommen haben könnten und nicht erfüllt hatten^ weil sie ihrem Gedächtnis entschwunden waren. Sonst gab es für sie keine Sündenverzeihung, auch wenn die Sache keinen "Menschen in der Welt etwas anging, So jung und dumm ich war, wußte ich doch ganz genau, daß es1 eine ernste Sache war um einen Neder. Im vorigen Jahr hatte ich bei mir im Herzen einen Neder_ getan, beim Schreiben die Tinte meines Freundes und Sitznachbarss Schalom, mit dem ich mich verzankt hatte, so lange nicht zu benutzen, bis er mich um Verzeihung bitten würde. Ich hielt Wort, und trotzte allen Verlockungen der schönen roten Tinte, obgleich keine Seele eine Ahnung davon hatte/. Auch jetzt wurde mir ein wenig bange zumute. Aber das Wort war gesprochen, und ich nahm mir mutig vor, es getreulich zu halten. Der Sabbatausgang verlief bei gedämpfter Stimmung. Sonst erstrahlte zu dieser Stunde das ganze Haus in. hellem Licht, man rüstete zum Gelcitemahl. Jetzt erschollen keine Gesänge, ein paar Kerzen brannten trübselig im „Cheder" und verbreiteten einen düsteren Schein, den der schwarze Vorhang vor der Heiligen Lade noch erhöhte. Strohmatten wurden, über den Boden gebreitet und die Bänke umgestülpt, damit die Versammelten, sich zur Erde setzen konnten, um die Klagelieder des Propheten Jeremias vorzutragen. Diese beklommene Stimmung hinderte uns Knaben nicht, allerlei Unfug zu treiben. Wir versammelten uns in einer Ecke und beratschlagten tuschelnd über einen Ausflug in die benachbarten Gärten, um uns mit Distelköpfen zu versehen; die heute eine übermütige Verwendung finden sollten. Es bestand nämlich eine alte Unsitte, die den Knaben, am neunten Ab erlaubte, sich mit Distelköpfen zu bewaffnen, die sie während des Vortrages der Trauerlieder aus den Taschen, zogen, um sie den Erwachsenen hi die Bärte oder Schläfenlocken zu schleudern. Die Alten brummten über diese dreiste Störung des Gottesdienstes, schalten die kleinen Missetäter aus, taten dies aber nur mit halbem Munde. In den Tadel mischte 'sich ein gewisses befriedigtes Schmunzeln. Es war eben ein überkommener alter Brauch, den man zu respektieren hatte; in ihrer Knabenzeit hatten sie es ja selber nicht anders getrieben. Auch wir gedachten heute von unserem Vorrecht ausgiebigen Gebrauch zu machen. Mein. Vater Avar jedoch anderer Meinung. „Paßt mal auf, ihr dummen Jungen/' rief er zu uns herüber, „ich ahne, was ihr im Schilde führt. Wenn ich bei einem von euch einen Distclkopf erwische, kriegt er auf der Stelle eine Tracht Prügel, daß ihm Hören und Sehen vergeht." „Ach, die Knaben möchten ihren Mutwillen treiben." bemerkte Jankel, der Fuhrmann, nachsichtig. Er hatte eine heilige Scheu vor allem, was Sitte und Brauch war, und ahnte darin, einen tieferen Sinn, den seine Einfalt sich nicht vermaß, ergründen zu wollen. „Ueberall, wo ich herumgekommen bin, machen es die Knaben auch so. Zuweilen beteiligen sich sogar die Erwachsenen daran." „In meinem Hause nicht," entschied mein Vater kurz. „Wo mag diese Unsitte herrühren?" fragte Berk der Brauer. „In früheren Zeiten", meinte unser Lehrer, „als die Menschen noch wahrhaft fromm und' gottesfürchtig waren, ging ihnen der Schmerz um die Zerstörung! des Tempels so sehr zu Herzen, daß sie beim Singen der Trauerlieder Gefahr liefen, die Seele auszuhauchen. Da kam das' junge Volk auf den Gedanken, durch allerlei Schabernack die Trauer abzulenken. Das hat sich dann von einem Geschlecht auf das andere vererbt. „Die Erklärung ist ein. bißchen gezwungen,'4 bemerkte mein Vater. „Auf jeden Tall sind wir Pleutigen leider nicht so gottesfürchtig wie unsere Altvordern, und bedürfen nicht des Mutwillens der Jungen, um vor einer Ohnmacht geschützt zu sein." Reb Chajkel, dessen zottiger, ewig ungekämmter Bart die beliebteste Zielscheibe unserer Geschosse sein sollte, hielt es auf alle Fälle für angezeigt, Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Er zog sein riesengroßes, fettiges, mit Spuren von Schnupftabak über und über bedecktes Taschentuch hervor und fing an, es in Falten zusammenzulegen. Er wollte es sich zur größeren Sicherheit um das Kinn binden. Das sah nicht schön aus, aber auf das Aesthetische legte er nicht viel Gewicht. Da er sich vor der Gefahr geschützt wähnte, machte er sich zum Verteidiger der Distelköpfe. „Israel ist ein heiliges Volk," fing er an. „Jeder Brauch, wenn er uns auch noch so widersinnig scheint, hat einen tiefen Sinn, pflegte der große Maggid zu sagen. Wer daran, rüttelt, stört die göttliche Weltordnung und dreht die Zinoroth8) um, durch die die himmlische Gnade auf die sündige Erde herabträufelt. In dem Minhag, am neunten Ab Distelköpfe zu werfen, lehrte der heilige Zaddik Reb Uri Wolf von Stretyn, den man den Seraph nannte, in diesem Minhag steckt ein großer Söd9). Der Bart des Juden ist ja bekanntlich eine heilige Sache, darum hat die Thora verboten, ihn. zu scheren. Wirklich fromme Männer achten streng darauf, daß nicht ein einziges Haar daraus verloren gehe, und wenn eins herausfällt, legen sie es in ein heiliges Buch. Die Kelippoth1") jedoch tragen gerade nach den heiligsten Dingen das stärkste Gelüste. Darum nisten .sie sich gerade im Bart des Juden ein. Die Distelköpfe verscheuchen nun die Kelippoth. Darum soll man den Knaben, nicht wehren. So sagte Reb Uri Wolf," den man, den Seraph nannte. Ihr könnt euch darauf verlassen. Er hatte recht." „Gewiß hatte Reb Uri Wolf, der Seraph, vollkommen recht," versetzte unser Lehrer. „In gewissen Bärten. nisten viele unreine Dinge. Allein um sie zu verscheuchen, würde ein einfacher Kamm genügen." 8) Kanäle, 9) Mysterium. 10) Unreine Geister. (Schluß folgt.)