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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 43 - 44

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes
Date
1919-01-01
Page
Seite 43 - 44 (sequence 3)
Language
German
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43 Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes. 44 werktätig fördern. — Alles in allem haben vir in dem Buche Döllers eine sehr tüchtige Leistung vom philologischen, exegetischen und historischen Standpunkt aus. Die paar kleinen Schnitzer kommen wenig in Betracht, zumal uns die protestantischen Theoliogen an Aergeres gewöhnt haben. Andere Ziele hat sich Heiler in. seinem Werke „Das Gebet" gesetzt. Man darf dieses Buch getrost als eins der bedeutendsten auf dem Gebiete der modernen Religionsforschung bezeichnen, sowohl was den Umfang des Materials als was die Großartigkeit der Gesichtspunkte anbetrifft. Der Verfasser betrachtet die Religion als ein Urphänomen des psychischen Lebens, ein Phänomen, das seine Wurzel im Irrationalen hat. Und dieses Urphänomen sucht er zu verstehen. Als dessen Ausdruck betrachtet er das Gebet, und darum liefert er eine auf einer außerordentlich reichen Fülle von Material sich aufbauenden psychologischen und literaturgeschichtlichen Analyse des Gebetes aller Religionen von den primitiven bis hinauf zu den höchstentwickelten. Er enthält sich strengstens jeder konfessionellen Apologie sowie jeder rationalistischen Kritik des Gebetes als solches. „Weil das Ziel kein anderes war als die lebenswahre und anschauliche Deskription des zentralen religiösen Phänomens, darum mußte er sich auf die geschichtliche und psychologische Untersuchung beschränken und ebenso auf eine apologetische Rechtfertigung, wie auf eine philosophische Kritik des Gebetes verzichten. Es gilt, das religiöse Leben in seiner ursprünglichen Eigenart, seiner irrationalen Wertfülle und geheimnisvollen Wundermacht zu begreifen und selbst innerlich von ihm ergriffen zu werden." Zunächst galt es also, die schier unübersehbare Fülle von Urkunden zu gewinnen, zu sichten und zu ordnen, sodann sie psychologisch zu bewältigen, d. h. sie nicht nur philologisch und historisch zu untersuchen, sondern auch als Dokumente inneren seelischen Lebens zu begreifen. Hier reichten nun die Methoden der Experimentalpsychologie nicht aus. „Wenn es gilt, 'das tiefe und geheimnisvolle religiöse Erleben zu verstehen und zu verdolmetschen, dann versagen alle die kunstvollen Methoden der empirischen Gesetzespsychologie. Die moderne Religionspsychologie hat, soweit sie nach exakter Methode die religiösen Bewußtseinsvorgänge erforschen wollte, uns keinen Schritt näher zum Verständnis der lebendigen Religion ge'führt. Die echte Religionspsychologie besteht nicht in einer gefühllosen Anatomie der religiösen Psyche, sondern in einem intuitiven Nachfühlen fremden religiösen Erlebens. Ohne persönliches religiöses Erleben und ohne feinste Empfänglichkeit -für religiöse Werte ist eine fruchtbare religions psychologische Untersuchung nicht möglich. Einem Religionsforscher, der seinem Forschungsgegenstande nicht wie einem Heiligtum mit den religiösen Urgefüblen der ehrfürchtigen Scheu und Bewunderung gegenübertritt, dem wird das Wunderland der Religion immer verschlossen bleiben. Die Eigenart der Religion ist es, die eine solche Einstellung zum* Erfordernis macht." Aber so notwendig es ist, daß der Religionspsychologe nicht als kühler Beobachter außerhalb der Religion steht, sondern in ihr lebt und mit ihr fühlt, ebenso notwendig ist es, daß er seinen Standpunkt in souveräner Freiheit über die einzelnen Religionen und Konfessionen nimmt. Nur der, welcher den mannigfachen Religionen, und religiösen Gemeinschaften in polier Unbefangenheit gegenübersteht, ist imstande, den individuellen Sondergeist, den das religiöse Leben in allen Religionen und Konfessionen offenbart, zu erfassen und zu würdigen. Von dieser ungewöhnlich hohen Warte mustert Heiler das religiöse Bewußtsein der Menschheit in seiner Entwicklung, von den primitiven Formen angefangen, wie sie uns bei den Naturvölkern entgegentreten, bis zu seiner höchsten Entfaltung: in den großen Kulturreligionen, insofern es im Gebet zum Ausdruck kommt. Ueber das Verhältnis des christlichen Gebets zum jüdischen sagt er: „Aus der wimmelnden Menge der individuellen christlichen Beter ragen die wenigen Größten hervor . . . aber die letzten Wurzeln des christlichen Betens liegen, in dem prophetischen Mittlertum des Mose zwischen Israel und dem Ewigen . . Der ungeheure dramatische Realismus, der dem Gebetsverkehr der großen christlichen Persönlichkeiten eigen ist, ist die Schöpfung des Mos e." Treffend, charakterisiert Heiler die Abhängigkeit des erangelisch-reformierten Gottesdienstes vom jüdischsynagogalen. Während im Mittelpunkt des urchristlichen und katholischen Gottesdienstes das. Mysterium steht, welches der Gemeinde die Gemeinschaft mit dem unter sinnfälligen Gestalten gegenwärtigen Herrn bringt, fehlt das Mysterium im jüdischen Gottesdienst völlig, im evangelischen ist es nur rudimentär enthalten- Der Gottesdienst der Synagoge und der Reformation ist vielmehr ein völlig geistig-sittlicher Wortgottesdienst, bestehend aus Schriftlesung, Predigt, Gebet und Gesang . . . Der evangelische Gemeindegottesdienst hat ebenso wie der synagogale nicht kultisch-sinnlichen, sondern persönlich-geistigen Charakter. Was den (evangelischen) Reformatoren bei der Erneuerung des syna'gogalen Gottesdienstes vorschwebte, war die Uebertragung des rein geistigen Gebetslebens der großen prophetischen Genien in die gottesdienstliche Versammlung . . . ,,Aber diese Uebertragung des individuellen Gebetsgeistes

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