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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 41 - 42

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes
Date
1919-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 2)
Language
German
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41 Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes. 42 vorzudringen und deren Wesen tiefer zu erfassen als ihren protestantischen Kollegen. Der Verfasser legte bei der Ausarbeitung „großes Gewicht auf religionsgeschichtliche Parallelen oder Analogien, um zu sehen, was das Gebet im Alten Testamente mit den Gebeten anderer Religionen gemeinsam hat und worin es sich von diesen unterscheidet". Im Lichte dieses Grundsatzes besehen, erscheint das vom Verfasser zitierte Wort Kittels, „das Gebet sei die natürliche und notwendige Lebensäußerung jeder Religion", in bezug auf das Judentum einer sehr starken Einschränkung zu bedürfen, denn es gilt nur für primitive Religionen. Die natürliche und notwendige Lebensäußerung der jüdischen Religion auf der Höhe ihrer Entwicklung, auch im Ahen Testament, ist die Tath die aus der Gesinnung fließt. Das Gebet ist nur ein Bewußtwerden des Verhältnisses zum Ueberweltlichen. Darum ist es auch müßig, der Etymologie des Wortes „Thephillah" bis auf den Ursprung nachzugehen. Es ist ganz gleichgültig, ob die Wurzel „palal" ehemals, in vorhistorischer Zeit, „einkerben, einschneiden" bedeutete oder nicht, in historischer Zeit bedeutet sie „sinnen", „erwägen", „contemplieren", und der Kern des jüdischen Gebetes war von Abraham bis auf den heutigen Tag, trotz aller Wandlungen, das Bekennen; es galt, die Stellung des Menschen zu Gott, zur Welt und zum Schicksal sich klarzumachen, aber nicht auf rationalistische, sondern auf intuitive, gefühlsmäßige Weise, getragen von Stimmung, Erinnerung und Affekt. Darum tritt im Judentum auch schon im Alten Testament das Bittgebet (thechinnah) weit hinter die Thephillah zurück. Und auch das Bittgebet betraf überwiegend das Gemeinwohl des ganzen Volkes und der ganzen Welt. Es ist sehr bezeichnend, daß die für Frauen bestimmten Gebete, besonders in nichthebräischer Sprache, Thechinnoth par excellence genannt werden. Der Talmud ließ das Gebet um die privaten Bedürfnisse des einzelnen zu, gleichsam als Konzession, gestattete, es in das allgemeine einzuflechten. Innerhalb der ThephilLah überwiegt das Dankgebet. „Dankgebete sind der menschlichen Natur weniger natürlich als Bittgebete", sagt der Verfasser. Zum Dankgebet gehört die wehfreudige Genußfähigkeit der Güter dieser Welt, zugleich mit dem Bewußtsein, daß der Spender Gott ist. „Bei Homer dagegen finden wir keine Dankgebete, bei den Indern sind von Dankbarkeit wenig Spuren zu sehen. Das Wort „danken" fehlt überhaupt der vedischen Sprache." Sicher ist die Dankbarkeit die stärkste und edelste Triebfeder des religiösen Lebens, ohne sie ist der Enthusiasmus als Ansporn zu großen Taten überhaupt undenkbar. — Auf das Gefühl der „Gotteskindschaft" legt die christliche Theologie so viel Gewicht, daß sie, zum größten Staunen jedes jüdischen Bibellesers, gern dieses Gefühl als die ureigenste Schöpfung Jesu ausgeben möchte, während die alten Juden sich nur als unterwürfige Knechte ihrem Gott nahen durften. Unser Verfasser ist von dieser Auffassung weit entfernt. Er gibt zu, daß die Israeliten in, der Mehrzahl die Söhne Gottes genannt werden. „Aber kein Psalmist redet ihn als seinen Vater an oder bezeichnet sich selbst als seinen Sohn" (zitiert nach Riehm). Hierzu sei bemerkt, daß Riehm merkwürdigerweise den 7. Vers des 2. Psalms übersehen hat: „Gott sprach zu mir: du bist mein Kind, heut bist du mir geboren worden". Im übrigen werden bekanntlich nicht nur die Israeliten, sondern sogar Assur. und Aegypten als Kinder Gottes bezeichnet. Die jüdische Auffassung ist, daß der einzelne als Mitglied der Gesamtheit, als Bekenner ihrer. Lehre und Befolger ihrer sozialen Gebote ein Kind Gottes ist. Sobald der einzelne anfängt, sein persönliches Kindschaftsverhältnis zu Gott zu betonen, gewinnt es einen ausgesprochen physiologischen Beigeschmack und klingt wie die Versicherungen heidnischer Großer, daß sie von diesem oder jenem Gott in direkter Linie abstammen. — In der Beurteilung der „gesetzlichen" Vorschriften, die das jüdische Gebet und den ganzen Gottesdienst regeln, ist der Verfasser nicht frei von der beengten Anschauung der christlichen Theologie. Die jüdische „Gesetzlichkeit" im allgemeinen ist nur Ordnung, der sich jeder freiwillig unterwirft. „Im Alten Testament treffen wir keine detaillierten Vorschriften über die Art und Weise des Gebetes. Es war dem einzelnen überlassen, hierin seinen. Gefühlen zu folgen." Das ist im Grunde immer so geblieben — noch die Mischnah lehrt: „Dein Gebet sei nie starre Satzung, sondern ein Erguß der Liebe und der Innigkeit vor Gott" —, obwohl sich im Verlaufe der Zeiten natürlich eine Ueberlieferung herausbilden mußte, indem aus der Fülle der Schöpfungen das Lebensfähigste, Kraftvollste, Inhaltreichste alles andere überlebte und zum dauernden Besitztum der Gemeinschaft wurde. Das ist der Werdeprozeß aller höheren Kulturgebilde. Jeder einzelne konnte in dem allgemeinen sein Persönlichstes hineintragen und es darin wiederfinden. Damit erledigt sich auch die Frage nach dem „betenden Ich" in den Psalmen, die so viele philologische Pedanten beschäftigt hat, weil sie vom Wesen des poetischen Schaffens keine Vorstellung hatten. Die Psalmen entstanden und verbreiteten sich wie die großen Volksdichtungen, Das Ich ist der Dichter, dem Gott gab zu sagen, was alle, alle leiden, wovon alle bewegt werden. Es trifft nicht zu, daß der Prophet Jeremias den Exulanten zu Babel befahl, für das Wohl dieses Landes zu beten; das Wort „dirschu" bedeutet:

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