Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Zur Geschichte und Psychologie des Gebetes
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 45 - 46 (sequence 4)
- Language
- German
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45 Mein erster Fastlag. 46 in das gottesdienstliche Leben einer großen Gemeinde raubt dem Gebet seine unmittelbare Kraft und Lebendigkeit. Alles echte, naive Beten wurzelt in dem Erleben der geheimnisvollen, unmittelbaren Gegenwart Gottes . . . Aber eine große Gemeinde, die sich zumeist aus Durchschnittsfrommen zusammensetzt, bedarf, um Gottes fühlbare Nähe inne zu werden, eines sinnlichen Reizes, eines sichtbaren Zeichens, eines äußeren Gleichnisses; sie empfängt nur aus der Betrachtung der heiligen Mysterienhandlung und aus der Schau eines Kultusobjektes, in dem Gottes Gegenwart sichtbar und greifbar wird, den Impuls zur Innigkeit und Leidenschaft des Gebetes . . . Mit der Verbannung des Mysteriums hat die Reformation auch die elementaren religiösen Affekte der Ehrfurcht und Bewunderung, die mächtigsten Motive des gemeinsamen Betens, aus dem Gottesdienst verbannt . . Hierzu wäre zu bemerken, daß im synagogalen Gemeindegottesdienst dieses Bedürfnis eines sichtbaren Zeichens, eines äußeren Gleichnisses befriedigt wird durch das Ausheben der Thora und der öffentlichen Vorlesung aus ihr. Wer einen jüdischen Gottesdienst besucht hat, weiß, wie schon diese Kulthandlung, ohne im geringsten ein Mysteriuni zu sein, ohne den sinnlichen Emotionen die geringsten Konzessionen zu machen, ohne durch Prunk zu blenden, ohne durch Duft zu betäuben, die elementaren religiösen Affekte wie Ehrfurcht und Bewunderung weckt. Sehr schön analysiert der Verfasser den Prozeß der Veräußerlichung, dem jeder geordnete Gottesdienst mit Naturnotwendigkeit zu verfallen droht, da der Durchschnittsmensch, von Formalismus getragen, das gesetzlich vorgeschriebene, verdienstliche Beten am Ende mechanisiert. „Trotz aller Veräußerlichung ist aber auch das gesetzliche, verdienstliche Beten eine religiöse Größe. Es gibt immer Fromme, die, von einem persönlichen religiösen Drange beseelt, sich in den Sinn der gebotenen Gebetsformel vertiefen, die nicht gedankenlos, sondern betrachtend beten; sie dringen durch die Worte der Formel zum Geist ihrer Schöpfer zurück . . . Aber auch die ohne volLes Verständnis rezitierten Gebete entbehren nicht gänzlich des religiösen Charakters; auch der mechanisch Betende hat, wenn auch nur undeutlich und schattenhaft, das Bewußtsein, daß er mit etwas Heiligem zu tun hat: die Formel, die er benutzt, trägt religiösen Wertcharakter, sie bringt ihn in Beziehung zu Gott. Alle diese Gedanken vermischen sich in seinem vagen und verschwommenen Andachtserlebnis, das aber doch ein Erlebnis ist." MEIN ERSTER FASTTAG. Aus den Erzählungen des alten Professors der Astronomie. . . . An jenem Tage, dem neunten Ab1), war ich genau vor einem 'Monat in das dreizehnte Lebensjahr eingetreten, und mit mir war eine merkwürdige Umwandlung vor sich gegangen. Nach einem Jahre sollte ich anfangen, Thephillin zu legen. ' Ich sah diesem Tage mit einem Gemisch von wonnigem Bangen und gespannter Erwartung entgegen. Es mußte etwas geheimnisvoll Großartiges sein, in den Bund der Erwachsenen aufgenommen zu werden. Wenn da solch einer morgens Gott pries, der uns1 „umgürtet mit Heldentum", so legte er die rechte Hand an den linken Oberarm, wo die „Thephillin schel Jad" befestigt waren; dann pries er Gott, der uns „gekrönt hat mit Ruhm", und erhob die Hand zur Stirn, wo die „Thephillin schel Rosch" wie ein Diadem über dem Haupt prangten. War man aber noch ein Knabe, so blickte man dabei neidvoll zu den Großen hinüber und zählte die Tage, bis man es auch so würde machen dürfen... In mir war. früh die Begabung für Mathematik und Astronomie erwacht, sie wurde von meinem Vater und meinem Lehrer eifrig genährt. Unser Lehrer, weithin bekannt, als bedeutender Talmudist, war nebenbei ein großer „Rechenmeister" und hatte sich aus der älteren hebräischen Literatur — eine 3) Fast- und Trauertag um die Zerstörung des Tempels. andere Sprache konnte er nicht — gediegene astronomische Kenntnisse angeeignet. Da waren ihm die „Elim" des Josef Salomo del Medigo in die Hand geraten, und die hier vorgetragene kopernikanische Lehre hatte ihn stark beunruhigt; sein ganzes liebes Weltgebäude drohte _ zusammenzustürzen. Auch witterte er darin eine schreckliche Ketzerei, die allen in Bibel und Talmud vorkommenden Anschauungen zuwiderlief. Er sträubte sich, fühlte sich aber schon zu alt und schwach, um! geigen den gefährlichen Revolutionär anzukämpfen. Seitdem er meine Begabung für diese Dinge entdeckt, fütterte er mich, sehr zum Schaden des Talmudstudiums, mit Algebra und Trigonometrie, weihte mich schrittweise in die Systeme von Ptolomäus und Tycho de Brahe ein, in der Hoffnung, aus mir einen großen Astronomen zu machen, der einst Kopernikus widerlegen sollte. Vor mir hatte sich eine neue Zauberwelt erschlossen, die mich unheimlich anzog. Aber was diese erhabenen Studien nicht bewirken konnten, das vollbrachte seit einem Monat das Bewußtsein, daß ich in das Bar-Mizwah-Jahr eingetreten war. Die Spiele mit meinen jüngeren Geschwistern erschienen mir viel zu kindisch, ich fand es unter meiner Würde,, eingemachte Früchte zu naschen, oder mich mit den Bauernjungen herumzubalgen, sogarN das wilde Klettern auf die Bäume und Hinwegspringen über Zäune und Bäche