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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Im neuen südslawischen Staat
Date
1919-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 3)
Language
German
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33 Im neuen südslawischen Staat. 34 Haim Davicho, ein Abkömmling einer alten, sephardischen Familie Serbiens, betraut. War auch das serbische Königreich damals verhältnismäßig nicht allzu bedeutend, so machte es auf mich immer einen eigentümlichen Eindruck, wenn ich den jüdischen "Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt besuchte und sah, wie er in Vertretung des Ministers die fremden Diplomaten empfing, und zwar die diplomatischen Vertreter solclier Staaten, die keinen Juden im diplomatischen Dienste duldeten. — Kirchenrechtlich war die jüdische Gemeinde vom Staate anerkannt und subventioniert. In gewissen Dhigen stand dem Rabbinat die Gerichtsbarkeit zu (in Ehescheidungsprozessen und den damit verbundenen privatrechtlichen Auseinandersetzungen), und dessen Urteile wurden von den staatlichen Organen vollstreckt. Wirtschaftlich war unter den Juden in Serbien unverkennbar ein bedauerlicher Rückgang zu beobachten. Darauf wirkte» verschiedene Ursachen hin, deren Erörterung hier zu weit führen würde. Der Hauptgrund für diese Erscheinung ist jedoch darin zu suchen, daß die Serben im allgemeinen, kommerziell und industriell sehr begabt sind und die sephardischen Juden darin weit übertreffen; andererseits leiden die Juden an Verschwendungssucht, am Hange zu übermäßigem Aufwand, durch den häufig alte angesehene Familien ihrem wirtschaftlichen Ruin entgegengingen. Durch den Bukarester Frieden vom Jahre 1913 wurde das Königreich Serbien territorial nahezu verdoppelt. Auch die Judenheit erhielt einen bedeutenden Zuwachs an Gemeinden im sogenannten Alt-Serbien und Mazedonien. Die ansehnlichsten unter ihnen waren die von Monastir und Kastoria. Da es in 'der Hauptsache sephardisclie Gemeinden waren, so erlangten diese im vergrößerten Königreich wieder das Uebergewickt gegen die aschkenasische Gemeinde in Belgrad. Die Regierung plante die Organisierung der jüdischen Gemeinden im Lande durch die Errichtung' einer Konsistorial-Verfassung. Da indessen Ende Juli 1914 der Krieg ausbrach, so blieb dieser Plan vorläufig unausgeführt. Vor eine neue schwierige Aufgabe sieht sich die serbische Regierung jetzt gesteilt. Im neuen südslawischen Staat, gegen den das ehemalige serbische Königreich an Bedeutung verliert, befindet sich eine große Anzahl von bedeutenden Gemeinden, die bisher unter ganz anderen Verhältnissen bestanden haben. Vor allem ist es fraglich, ob da noch die eine Organisation genügen würde, denn die wichtigsten Gemeinden gehören dem aschkenasischen Ritus an. Eine große sephardisclie Gemeinde hat bloß Sarajewo, das vielleicht die Hauptstadt des neuen Staates werden wird. Neben der sephardischen Gemeinde ist dort aber auch eine aschkenasische vorhanden, die seit dem Jahre 1878 immer mehr an Bedeutung gewann. Eine kleinere sephardisclie Gemeinde befindet sich ferner in der bosnischen Stadt Travnik und Zwerggemeirtden in der slawonischen Stadt Semlin und in den südungarischen, Städten Panczova und Temesvar. Hingegen kommen große und aalgesehene aschkenasische Gemeinden in Betracht, von denen wohl nicht zu erwarten ist, daß sie sich mit den sephardischen unter einen Hut werden bringen lassen. Sie überragen letztere an Zahl, Bedeutung und kultureller Entwicklung und blicken auf eine ruhmvolle Vergangenheit zurück. Solche Gemeinden sind': Agram und Essek in Kroatien und Slawonien neben mittleren und kleineren Gemeinden in. Semlin, Varasdin, Belovar, Diakovar, Vukovar, Illok, Peterwardein, Karlowic, Karlstadt und Fiume. In Südungarn liegen die Gemeinden: Maria Theresiopol (Szabadka.), Neusatz, Zombor, Groß- Bec'skerek, Groß-Kikinda, Temesvar und Werschetz, von denen einige bisher zu den ansehnlichsten Gemeinden Ungarns zählten und deren Verlust die ungarische Judenheit schmerzlich empfinden, wird — der deutschen Gemeinde in Sarajewo ist bereits oben Erwähnung getan. In, den ehemaligen österreichischen. Kronländern, die zu dem südslawischen Staat geschlagen werden sollen, wohnen, Juden nur vereinzelt und sind nirgends zu Gemeinden vereinigt. Vermerkt zu werde3i verdient nur der Gemeindesplitter Spalato in Dalmatien, der Rest einer ehemals ansehnlichen sephardischen Gemeinde, in der zuletzt nacheinander der Großvater und der Vater des bekannten Romanisten Adolf Mussafia das Amt eines Oberrabbiners bekleideten. Adolf Mussafia hingegen, der Sprößling einer alten ehrwürdigen Rabbinerfamilie (geb. 1835, gest. 1905), zog es vor, sein Heil in der katholischen Kirche zu suchen. Die Zahl der Juden im neuen südslawischen Staat läßt sich noch nicht genau angeben — einmal, weil wirfür die ehemaligen türkischen Landesteile gar keine Bevölkerungsstatistik besitzen, dann aber auch, weil die Grenzen noch nicht festgestellt sind und ein Teil des von den Serbo- Kroaten beanspruchten Gebietes noch bestritten wird. Schätzungsweise wird man diese Zahl auf rund 75 000 Seelen angeben dürfen, wovon ungefähr ein Drittel auf die sephardisclie und zwei Drittel auf die aschkenasische Judenheit zu rechnen sind. Die sephardischen Juden haben seit ihrer Einwanderung in das ehemals türkische Gebiet das Spanische als Umgangssprache beibehalten und sich dessen auch in ihrem religiösen und kulturellen Leben, bedient. Dadurch blieben sie in kultureller Gemeinschaft mit ihren Glaubensgenossen im Orient, mit den anderen sephardischen Juden, deren Zahl man etwa auf eine halbe

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