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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Im neuen südslawischen Staat
Date
1919-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 2)
Language
German
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31 Im neuen südslawischen Staat. 3? sich sprachlich nur durch kleine dialektische Merkmale von den Serben und Kroaten) sind nun tatsächlich vereinigt. Viel bedenklicher steht es mit der Anwendung der Schriftzeichen. Kroaten und Slowenen, gehrauchen das lateinische Alphabet, wobei sie für die sonderslawischen. Laute gewisse diakritische Zeichen haben. Die Serben hingegen bedienen sich einer besonderen eigenartigen Schrift, die auf dem Kyrillischen basiert, jedoch vor etwa einem Jahrhundert durch den bekannten serbischen Philologen und Literaturhistoriker Wuk Stephan Karadjitsch auf phonetischer Grundlage sinnreich und bewunderungswürdig vereinfacht wurde. Es ist dies das einfachste und gleichzeitig leichteste Alphabet aller slawischen Sprachen und Idiome. Eine völlige Verschmelzung der Serben, Kroaten und Slowenen setzt die Verdrängung der einen Schrift durch die andere voraus, Avas ohne Kampf kaum vor sich gehen dürfte. Indessen ist die Begründung des südslawischen Staates eine vollzogene. Tatsache, mögen sich die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Verhältnisse gestalten, wie sie Wollen. Ein interessantes Problem dieses neuen Reiches, dessen Bevölkerung etwa auf 11—12 Millionen Seelen geschätzt werden kann, ist das der konfessionellen Verständigung. Es wurde oben bereits ausgeführt, daß hauptsächlich die griechisch-orthodoxe und die katholische Kirche in Betracht kommen, Nach dem Bukarester Frieden vom Jahre 1913 hat das Königreich Serbien, da es damals einen großen Zuwachs an Katholiken erhielt, mit der römischen Kurie ein Konkordat abgeschlossen, wobei sich diese zu weitgehenden Konzessionen entschließen mußte. Jetzt, nach der Vereinigung mit Bosnien und der Herzegowina, wird der südslawische Staat auch über 600 000 Islamiten erhalten. Es sind dies Serben (nach Abstammung und Sprache), die unter der Türkenherrschaft den Islam angenommen haben und an diesem Glauben auch jetzt zäh festhalten. Eine Regelung ihrer religiösen und kirchlichen Verhältnisse wird zweifellos erfolgen müssen. Dasselbe gilt auch von den religiösen Verhältniss en der Juden im südslawischen Staat. Es tauchen in dieser Beziehung ziemlich verwickelte und schwierige Probleme auf, die hier eine objektive Beleuchtung erfahren sollen. Es kann dies am besten durch eine geschichtliche Betrachtung der Dinge geschehen. Im Fürstentum Serbien war bis zum Jahre 1878 die Zahl der Juden ziemlich gering. Eigentlich kam nur die Gemeinde Belgrad (romanisch: Belogrado, slawisch: Beograd) in Betracht, deren Anfänge wohl auf die römische Zeit zurückzuführen sind. In der jüdischen Geschichte wird diese Gemeinde meines Wissens zum erstenmal um die Mitte des 10. Jahrhunderts in dem Brief des jüdischen Staatsmannes und Mäzens Chisdai b. Isaak, ibn Chaprut an den Chazarenkönig Josef erwähnt. Seitdem spielte sie fast immer eine bedeutende Rolle. Nach der Austreibung der Juden aus¬ Spanien, und Portugal gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde diese Gemeinde wie fas.t alle jüdischen Gemeinden auf dem Balkan romanisierl. Erst in den letzten Jahrzehnten siedelten sich dort auch aschkenasische Juden an, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, nachdem ihre Zahl stark zugenommen hatte, nach vielen Reibungen mit der sephardischen Gemeinde von der serbischen Regierung völlige Autonomie erhielten und zuletzt auch einen besonderen Friedhof erwarben. Im Innern des Landes hatten sich erst in jüngster Zeit einige kleine sephardische Gemeinden gebildet. Ehedem war es den Juden in Serbien nicht erlaubt, außerhalb der Hauptstadt ihren Wohnsitz zu nehmen. Nur fremde Staatsangehörige, die von. ihren Gesandtschaften geschützt waren, bildeten darin eine Ausnahme. Dies hielten serbische Politiker für ein schweres Unrecht; die heimischen Juden, die alle Lasten trugen, sollten gegen die fremden Glaubensgenossen eine Zurücksetzung erfahren. Sie setzten daher die Freizügigkeit für alle Juden in Serbien durch. Im Jahre 1878, auf dem Berliner Kongreß, erhielt Serbien weitere zwei Kreise, Nisch und Pirot, wo sich ebenfalls einige jüdische Gemeinden befanden. Insbesondere war die Gemeinde von Nisch beträchtlich; sie bildete die zweitgrößte Gemeinde in Serbien, das im Jahre 1882 zum Königreich erhoben wurde. Im ganzen gab es bis zum Jahre 1913 11 Gemeinden im Lande. Die politische und kirchexirechtliche Stellung ' der Juden in Serbien gestaltete sich günstig. Die Serben sind von Natur in religiösen Dingen äußerst duldsam und auch politisch von einer weitgehenden Reife. Die Unterdrückung oder selbst - Mißachtung einer religiösen Minderheit liegt ihrem Charakter fern, und überdies sind sie sich über die Gefahren klar, die mit religiöser Unduldsamkeit notwendig verbunden sind. Die politische Gleichstellung der Juden wurde in Serbien nach den Beschlüssen des Berliner Kongresses vom Jahre 1878 ohne Widerstreben praktisch durchgeführt, obwohl sie rechtlich der Zustimmung der Konstituante bedurfte, die infolge der politischen Wirren erst am 22. Dezember 1888 (alten Stils) einberufen werden konnte. Juden wurden in den. Landtag1 und in den Gemeinderat von Belgrad gewählt; sie wurden zu Offizieren ernannt und erhielten verschiedene kleine und mittlere Beamtenstellen. Die höchste Stelle, die ein Jude in Serbien erlangte, war die eines Unterstaatssekretärs im Auswärtigen Amt. Damit wurde

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