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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Im neuen südslawischen Staat
Date
1919-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 4)
Language
German
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35 Im neuen südslawischen Staat. 36 Million angeben kann. Indessen hat sich im Königreich Serbien unter den sephardisehen Juden eine starke Bewegung für die völlige Serbisierung und gegen die Beibehaltung der spanischen Sprache bemerkbar gemacht. Obwohl dies niemand von ihnen verlangte, entfernten sie allmählich die spanische Sprache nicht nur aus dem Umgang, sondern auch aus Synagoge und Schule, hier, soweit es den jüdischen Religionsunterricht betrifft. Es bedeutet dies für sie einen erkennbaren kulturellen und religiösen Niedergang, da sie „nunmehr mit keinem Teil der Judenheit eine geistige Verbindung unterhalten, keine religiöse Literatur mehr besitzen und auch besitzen können. Für die kleine Anzahl serbisch sprechender Juden wird eine solche Literatur niemals geschaffen werden. Für sie gibt es keine Bibelübersetzung, keine Uebersetzung der Gebete, keine jüdische Geschichte und auch nicht einmal eine jüdische. Zeitung. Dieser geistige Verfall vollzieht sich, unter ihnen, fast zusehends. Er entspricht allerdings der Entwicklung der sephardischen Judenheit in Europa im allgemeinen, die sich nur unter der türkischen Herrschaft halten konnte und mit deren Zusammenbruch immer mehr verfiel. Etwas verlangsamt wird vielleicht jetzt dieser Niedergang, da die Zahl der sephardischen. Juden im südslawischen Staat immerhin einen beträchtlichen Zuwachs erfährt. Aber für die nächste Generation muß schon damit gerechnet werden, daß sie dem unaufhaltsamem Assimilationsprozeß verfallen, werden, falls nicht von außen eine Gegenwirkung erfolgt. Ganz anders liegen die Verhältnisse bezüglich der aschkenasischen Gemeinden. Auch jetzt leben die Juden dieser Landesteile mitten unter einer slawischen Bevölkerung, deren Sprache sie alle beherrschen. Nichtsdestoweniger ist das Deutsche bis auf wenige Ausnahmen ihre Mutter- und Umgangssprache, deren sie sich hauptsächlich auch in Synagoge und Schule bedienen. In den letzten Jahrzehnten machte allerdings die jüdische Jugend in Kroatien und Slawonien einige schwache Versuche, sich der national-serbischen Bewegung anzuschließen, Diese Vorgänge sollen hier nicht vom nationalen Gesichtspunkt aus beurteilt werden. Für die Erhaltung und Pflege des Judentums ist es von ungemein großer Wichtigkeit, daß kleine Minderheiten des jüdischen Volkes nicht vom Ganzen abgeschnitten werden; sie dürfen daher nicht den Anschluß an ein größeres Sprachgebiet verlieren. Es muß dabei hervorgehoben werden, daß die Serben auch in nationaler Hinsicht duldsam sind. Sie wolLen in ihrem nationalen und kulturellen Leben nicht vergewaltigt werden, weshalb sie nahezu ein Jahrhundert hindurch einen erbitterten Kampf gegen die Magyarisierungspolitik der Budapester Regierung führten. Aber sie haben durchaus nichts gegen den friedlichen Fortbestand fremder nationaler Minderheiten in ihrer Mitte. Insbesondere haben sie bei sich selbst die Erlernung! der deutschen Sprache gern gefördert, da sie nun einmal bei ihrer geistigen Beweglichkeit der Kenntnis einer Weltsprache bedürfen. Die Beziehungen zu Deutschland werden auch in der Folge aufrechterhalten bleiben, wenn darin auch jetzt eine Störung eingetreten zu sein scheint. Jedenfalls ist es klar, daß im neuen südslawischen Staat eine beträchtliche deutsche Minderheit vorhanden sein wird, deren Lage sich jetzt günstiger gestalten dürfte als früher unter der ungarischen Herrschaft, deren Politik auf die gewaltsame Unterdrückung aller nationalen Minderheiten gerichtet war. Würden daher die jüdischen Gemeinden die deutsche Sprache in Synagoge und Schule beibehalten, so ist dabei kein Widerstand seitens der serbischen Regierung zu befürchten. Für das Judentum in diesen Gebieten bedeutet dies aber eine Lebensfrage. Der Zukunft der Juden im südslawischen Staate kann man mit ruhiger Zuversicht entgegensehen. Antisemitische Gehässigkeiten, unter denen die Juden in Mitteleuropa sehr viel zu leiden hatten, kennt die serbo-kroatische Bevölkerung nicht. Dahingehende Bestrebungen, die zu verschiedenen Malen von außen unter sie zu tragen unternommen wurden, scheiterten stets an ihrem gesunden und reifen politischen Sinn. Die Serben sind ein freiheitliebendes Volk, was ihre ganze neuere Geschichte zur Genüge beweist. Sie haben ihre Freiheit aber nicht, wie leider verschiedene andere europäische Völker, zur Unterdrückung nationaler und religiöser Minderheiten mißbraucht und eine solche niemals auszuüben unternommen. Selbst gegen die Türken, unter deren gewalttätiger Herrschaft sie jahrhundertelang zu leiden hatten, haben sie seit ihrer Befreiung Gerechtigkeit walten lassen. Ich kann ihnen dies aus langjähriger Beobachtung bezeugen. Der südslawische Staat, der jetzt eine ausgedehnte Meeresküste erhält und in seiner Entwicklung von keiner Seite mehr gehemmt wird, geht politisch, wirtschaftlich und kulturell einer großen Zukunft entgegen. Dieser Aufschwung wird auch den jüdischen Gemeinden in dem neuen Staat zugute kommen, wenn sie in dieser ereignisreichen Zeit die geeigneten. Führer finden.

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