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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 27 - 28

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
Date
1919-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 9)
Language
German
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27 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. sten fürchten, sich nicht vor Gott, weil sie an ihn nicht glauben. Man muß ihnen wieder einen Gott verkünden, den sie lieben und fürchten können. Wenn das so weiter geht, fallen sie am Ende über einander her und zerfleischen sich, wie die wilden Tiere. Sehen Sie her. In unserer Gegend wohnen zwei Völker, Polen und Ruthenen, sie behaupten, denselben Glauben zu haben, und unterscheiden sich untereinander nur durch' den Ritus, wie bei uns Juden Aschk'enasini und Sephardim. Ihre Sprachen sind einander sehr ähnlich, sie verstehen sich gegenseitig ganz gut, aber sie hassen sich wie Feuer und Wasser, und wenn die Regierung eine Weilenein Auge zudrücken sollte, käme es zu Mord und Totschlag. Warum? Dein U sieht aus wie mein Y, sagt der Pole zum Ruthenen; und dein P sieht aus wie mein R antwortet der Ruthene, darum muß ewige Feindschaft zwischen uns sein.3) Das Geheimnis ist: sie haben nicht, was sie einigt, eine gemeinsame Liebe zu Gott und gemeinsame Furcht vor ihm." „Glauben Sie nicht, daß die Sozialdemokratie ein starkes Gemeinschaftsgefühl zwischen den Völkern schafft, das mächtig genug ist, einen europäischen Krieg zu verhindern?" „Schweigen Sie mir nur von der Sozialdemokratie. Sie hat eine Lehre, die verstehe ich nicht: ich bin kein Philosoph, aber das wichtigste, was sie macht, das sind die Streiks. Dies ist sehr recht, denn es gelingt ihr oft, für die armen Arbeiter bessere Löhne und kürzere Arbeitszeit zu erkämpfen. Das befiehlt unsere heilige Thora. Nun versichert die Sozialdemokratie, den Krieg aus der Welt schaffen zu wollen. Warum weigern sich die Arbeiter nicht, Mordwaffen und Munition herzustellen? Sie hätten es ja in der Hand. Es hat Streiks wegen 5 Pfennig Lohnerhöhung oder 5 Minuten Arbeitsverkürzung gegeben. Warum treten nicht 100000 Arbeiter auf und sprechen: wir wollen nicht unsere heilige von Gott gegebene Kraft vergeuden lassen, um Kanonen und Kriegsschiffe und Granaten und Dolche und Gewehre zu fabrizieren, gebt uns Lokomotiven zu bauen, und Pflüge und Dreschmaschinen, gebt uns Gartenmesser und Sensen und Sicheln Zu machen anstatt Mordwerkzeuge, mit denen die Menschen einander totschlagen. Warum ist noch n!e der Versuch dazu gemacht worden? Weil die Waffenfabrikation hohe Löhne zahlt und kürzere Arbeitszeit gewährt. Ich glaube nicht an die Sozialdemokratie." Ich' muß gestehen, daß ich gegen diese Argumente wehrlos war. Der Mann da ahnte nicht im geringsten, daß er eines der schwerwiegendsten Argumente gegen die Wirtschaftspolitik der Sozialdemokratie vorbrachte, ebensowenig, wie er ahnte, welch revolutionäre Gedanken er aussprach, indem 2) Diese beiden einander sehr ähnlichen Sprachen werden mit verschiedenen Schriftzeichen geschrieben. er den Anbetern Gottes empfahl, keine für die ewige Zukunft bindenden Satzungen zü errichten und kerne Zeremonien bei der Aufnahme in die Gemeinschaft einzuführen. Ich scheute mich aucn, ihn aufmerksam zu machen, daß die Idee, die Anbetung Gottes, d. h'. ein zeremonienfreies, allmenschliches Judentum unter den Heiden zu verbreiten alt, sehr alt ist, mehr als 2300 Jahre, daß wir in griechischer Sprache zahlreiche Bruchstücke einer Propagandaliteratur auf diesem Gebiete besitzen. Ich schämte mich, vor dieser heiligen Einfalt, vor dieser rührenden Weltfremdheit meiueHandvolL Bücherweisheit auszupacken. Ich fragte bloß: „Warum haben Sie Ihren Namen nicht unter dem Titel Ihrer Schrift angegeben?" — „Das will ich1 Ihnen sagen: einfach, weil ich dem Ansehen meiner Ideen nicht schaden wollte. Wäre ich1 ein großer Gelehrter oder sonst ein berühmter Mann, wenigstens ein Millionär und Wohltater, dann würden alle mein Büchlein lesen und darin ungeahnte Weisheiten finden, meine Worte fänden Anklang, aber wenn der Leser weiß, daß der Verfasser ein kleiner Jude ist, der mit Apfelsinen in den Kaffeehäusern und Schenken hausiert, wird er sich über ihn lustig machen und seine Ideen im voraus für albern halten. Um meinen Kindern den Weg in der Welt nicht zu erschweren, habe ich den Namen ihres Vaters verschwiegen." „Es ist aber doch' schade, daß gar kein Zeugnis für die Nachwelt bleibt. ..." „Oh, dafür habe ich gesorgt. Das war ich meinen Ahnen schuldig. Die Schlußverse der Kapitel 3 bis 7 enthalten zuletzt meine beiden hebräischen Namen, meinen deutschen Familiennamen in hebräischer Uebersetzung und die beiden Namen meines Vaters. Aber Sie dürfen meinen Namen niemanden nennen. Ich verlasse mich darauf." Wir waren am Bahnhof angelangt, und er empfahl sich. Ich sah ihm lange nach, bis der matte Schimmer seines verblichenen braunen Kaftans in der Abenddämmerung zerfloß. Oft und oft in den letzten vier Jahren dachte ich an diesen Religionsstifter von Kolomea, von dem seine beiden ungleich berühmteren und erfolgreicheren Mitkämpfer wohl nie etwas gehört haben: der Stifter der Sprache der Völker, Dr. Ludwig Zainenh'of und der Stifter des Friedens der Völker, Johannes Bloch. Die schöne Stadt Kolomea, die ihren Wohlstand, ihre baulichen Schönheiten und treffliche Verwaltung zu neun Zehnteln den Juden verdankte, ist seither zweimal von den Russen heimgesucht worden, ein russischer Oberst hat im Jahre 1915 dort gewütet wie Dschingis Chan, letztens haben dort zwischen den zwei neuesten Kandidaten zum Völkerverbrüderungsbund, Polen und Ruthenen, wochenlang blutige Kriege getobt. Wer weiß, ob der Prophet der Religion der Völker noch' am Leben ist? Immer wieder taucht vor mir sein feines welkes Gesicht auf,

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