Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 25 - 26

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
Date
1919-01-01
Page
Seite 25 - 26 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2583875-2584087-2584088-2607556--17333-2607607
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

25 Jüdische Voriämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 26 Auf meine Frage, was ihn angetrieben habe, die „Religion der Völker" zu verkünden, antwortete er: „Sehen Sie denn nicht, daß die Welt zugrunde geht, zugrunde gehen muß? Während wir hier so gemütlich plaudern, kann jeden Moment ein Krieg ausbrechen, der halb Europa verwüstet." Ich mußte lächeln, denn in den Straßen der gemütlichen Provinzstadt herrschte ein' so angeregtes friedliches Leben und hier draußen eine so schöneRuhe, die Felder dufteten so wonnig im Abendschatten, außerdem dachte ich an meinen Freund, den Diplomaten, der mit tausend anderen Berufsgenossen den Weltfrieden bewachte... «Ich haltedasfür sehr unwahrscheinlich", bemerkte ich höflich. »Dort, weit unten in der Türkei schlagen sich die halbzivilisierten Völker herum, weil sie nichts besseres zu tun haben. Die großen europäischen Staaten dagegen arbeiten am Ausbau der Kultur. Sie finden keinen Geschmack mehr am Kriege. Wenn erst jene kleinen Natiönchenauch so weit sind, werden auch sie . . . «Das ist eben der große Irrtum," unterbrach er mich lebhaft. »Die großen Staaten gebrauchen ihre höhe Kultur, oder wie Sie das nennen, um immer neue und schrecklichere Werkzeuge für den Krieg zu schmieden. Wozu macht man immer mehr Kanonen und Schlachtschiffe? Etwa um Psalmen damit zu singen? Dabei fahren die Staatsoberhäupter immerfort zu einander auf Besuch, küssen und umarmen sich und beteuern, daß der Weltfrieden gesichert ist. Lauter Lug und Trug! Das muß ja einmal zum Ausbruch kommen, wenn die Welt nicht rasch umkehrt, eh' es zu spät ist." „Aber weswegen sollten die Staaten plötzlich anfangen, Krieg zu führen?" MALVA SCHALEK Interieur (Oelgemälde) „Weswegen? Das wissen die Staatsoberhäupter und Minister wahrscheinlich selber nicht. Jeder wird einfach beweisen wollen, daß er der Stärkere ist, und daß ihm die Welt gehiört. Sie wissen nicht, daß die Welt gar nicht ihnen gehört, sondern dem, der sie erschaffen hat, und daß er sie allen Menschen gegeben hat, damit sie auf ihr leben und arbeiten. Nachherwird jeder versuchen, die Schuld auf den andern abzuwälzen, ganz wie die Kinder, die sich geprügelt und blutig zerkratzt haben; am Ende schreit jedes: du hast angefangen! Gewiß, die Staaten haben Streitigkeiten untereinander, aber wenn zwei nicht einig werden können, brauchen sie sich gleich die Köpfe einzuschlagen? Warum gehen sie nicht zum Richter? Sie werden mir antworten, es gibt keinen Gerichtshof über den Staaten, dem jeder von ihnen gehorchen müßte. Aber wenn zwei anständige, ehrliche Bürger , einen Streit haben, laufen sie auch nicht gleich zum Gerichtshof, sondern legen den Fall einem Dritten vor, oder jeder von ihnen wählt sich einen Vertreter und die beiden ernennen Schiedsmann. Das tun Ich meine aber, WIEN einen Dritten zum ehrliche und anständige Bürger, der Staat müßte hundertmal ehrlicher und anständiger sein, als der ehrlichste seiner Bürger... Aber die Sache ist die: sie haben mtht Gott im Herzen. Sie glauben nur an einen Gott: die gepanzerte Faust und haben nur ein Streben: so viel als möglich bei einander wegzunehmen, und einander weh zu tun; das gibt ihnen das Gefühl, daß sie die Stärkeren und Besseren sind. Es gibt nur wenige unter ihnen, die Gott fürchten und ihn lieben, und diese Wenigen haben keine Macht. Die Welt ist sehr klug, aber sehr schlecht geworden. Die Mei-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.