Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 7)
- Language
- German
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23 Jüdische Vorkämpfer für das Menschenreich der Zukunft. 24 häupter des einen Landes nicht den Gemeinden eines anderen ihre Anordnungen und Gesetze aufdrängen. Gemeinsame Feste sollen eingerichtet werden, doch nie zur Erinnerung an sterbliche Menschen, sondern nur aus Anlaß der göttlichen Wunder in der Natur. (Frühling, Herbst usw.) Auch kurze Gebete entwirft er für die Anbeter Gottes, das sind meist Kombinationen einzelner Verse aus dem jüdischen Gebetritual. Docli will er sie nur als unverbindliche Muster gelten lassen. Die Oberhäupter der Gemeinschaft dürfen siel! nicht als Priester gebärden, sondern nur als Lehrer und Führer. Auch dürfen säe keine Zeremonien und Riten bei der Aufnahme der Anhänger einführen. „Zu Israel wurde gesagt, Kinder seid ihr des Ewigen, eures Gottes. — So werden alle, die Gott lieben und ehrfürchten, und seine Gebote beobachten, um Liebe und Gerechtigkeit zu üben, das Gute und Redliche zu tun, Kinder des Ewigen, ihres GoMcs sein. Denn Jedermann, der Gottes Willen tut, gilt ihm als Kind." * Allerlei Gedaaiken gingen mir durch1 den Kopf bei der Lektüre dieses Schriftchens. Ich' gedachte schließlich, es meinem Freunde, dem' Diplomaten, vorzulesen. Dieser hatte in geheimer Mission auf dem Balkan geweilt und auf seiner Rückreise aus Konstantinopel sollte ich mit ihm in Koiomea zusammentreffen. Mein Freund war ein Mann von vielseitiger Bildung und reicher Weltkenntnis. Seine Spezialität bestand im Ersinnen ungeheuerlich klingenden Schauergeschichten, wodurch er die Zuhörer verblüffte, um alsbald der Sache eine scherzhafte Deutung zu geben und alle zu erheitern. Er erzählte mir Wunder, wie er mit dieser Methode an den Höfen von. Petersburg, Bukarest und Cetinje besonders unter der Damenwelt für die Erh'altung des Weltfriedens gewirkt hatte. Im übrigen war er ein Realpolitiker strengster Richtung und ein rücksichtsloser Analytiker. Ich malte mir aus, wie er dieses Gemisch von naiver Utopie und revolutionärer Schwärmerei, das sich Religion der Völker nannte, satyrisch zergliedern und hieraus einen Stoff bereiten würde für die nächste Unterhaltung mit den hohen Damen bei Hofe, um den Weltfrieden zu erhalten. Mittlerweile interessierte mich die Frage: Auf welche Weise ist dieser kleine Apfelsinenverkäufer in Kolomea auf die Idee gekommen, eine Religion der Völker zu gründen, um den Weltfrieden zu erhalten? Ich beschloß, mir hierüber Aufklärung zu verschaffen. Am Sonntag, den 28. Juli 1914, jenem verhängnisvollen Sonntag, der so wunderschön über der Welt leuchtete, und an dem eine mörderische Kugel zwei fürstliche Persönlichkeiten niederstreckte und mehrere Millionen Menschen auf dem weiten Erdenrund zum Tode oder zu lebenslänglichenqualvollen Leiden verurteilte, — an jenem Tage war ich wieder in Kolomea und besuchte meinen Religionsstifter in seinem bescheidenen Heim außerhalb der Stadt Seine Gattin, eine ältliche, sehr angenehme und liebenswürdige Frau, bewirtete mich gastlich und im Verlaufe des Gespräches erfuhr ich Näheres über seinen Lebenslauf. Er hatte ein für die dortigen Verhältnisse beträchtliches Vermögen im Handel verloren und nach allerlei mißlungenen Versuchen, sich wieder emporzuarbeiten, schließlich angefangen, mit Zitronen und Apfelsinen zu hausieren. Es gehörte ein nicht geringer sittlicher Mut dazu, in derselben Stadt, wo man ehemals als angesehener Kaufmann gelebt, nun mit vorgebundenem Korb die Straßen und Kaffeehäuser abzuklappern und Zitronen feilzubieten, um nur seine Familie redlich: zu ernähren. „Gott sei Dank, ich brauche keines Menschen Gnade. .. . Mein Unglück war, daß ich' kein ordentliches Handwerk verstand. Als junger Mensch' hatte ich Talent zum Zeichnen und zum Schnitzen, aber man achtete damals nicht darauf. Als ich mein Vermögen verlor, war ich' schon viel zu alt, um diese Fähigkeiten auszubilden. An meinen Kindern habe ich' das wieder gut gemacht. Meinen einzigen Sohn ließ ich die Gärtnerei erlernen. Er ist jetzt beim Baron Rothschild in Wien in dessen berühmten Gärten angestellt, aber er hat sich ausbedungen, daß er am Sabbath. frei bekommt, dafür vertritt er am Sonntag zwei christliche GehiLFen. Auch meine Töchter haben ein Handwerk erlernt. . ." Wie von selber kamen ihm alle Verse der Bibel und Aussprüche des Talmuds zugeflossen, die das Lob des¬ Handwerks erzählen . . . Was ich über den Grad seiner allgemeinen Bildung erfuhr, bestätigte meine- Vermutungen. Er verstand zwar etwas Deutsch', Polnisch und Ruthenisch, so daß er sich in diesen Sprachen leidlich verständigen konnte, aber ein Buchhatte er in keiner von ihnen gelesen. Die Namen Krochmal, Rapoport, Graetz, oder Smolenski: waren nie zu ihm gedrungen. Seine ganze geistige Nahrung floß lediglich aus der rabbinischen, der älteren religionsphilosophischen und ethischen Literatur. Er las die Tagesblätter, hatte aber von den Zusammenhangen der polnischen Geschehnisse nur sehr unklare Vorstellungen. Wofür er sich ausschließlich interessierte, das waren zwei Dinge: Rüstungsindustrie und Streiks! Er wußte mit erstaunlicher Genauigkeit die Erzeugnisse der großen Waffen- und Munitionsfabriken Deutschlands und Oesterreich-Ungarns anzugeben, bezifferte das Militärbudget der meisten europäischen Staaten, und wie am Schnürchen zählte er mir die großen Industriestreiks der letzten zwanzig Jahre auf; nannte die Zahl der Teilnehmer, kannte die Ursachen und Erfolge.