Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 19 (1919)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
- Article
- Hebräisch
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 5 - 6 (sequence 3)
- Language
- German
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5 Hebräisch. 6 die Sprache umgibt mit einer schützenden Hülle von unzerstörbarer Widerstandskraft den Inhalt. Zwei Beispiele aus unserer eigenen Geschichte illustrieren das Gesagte trefflich: Die zehn Stämme Israels wurden nach1 der Zerstörung des Nordreichs 722 weggeführt und sind spurlos in ihrer neuen Umgebung aufgegangen. Die driithalb Stämme des judäischen Sudreichs smd 586. von demselben Schicksal ereilt worden, aber sie sind nicht nur nicht spurlos verschwunden, sondern sind in der Fremde die Wurzel geworden, aus der der neue Baum emporwuchs, der bis auf den heutigen Tag allen Stürmen trotzte, immer neue Blüten trieb und Flüchte trug, an denen die halbe Welt sich erlabt und ernährt hat. Was war in jener Zwischenzeit von 136 Jahren vorgegangen? Die jüdische Religion hatte ihren vollendeten Inhalt gewonnen, ihre grundlegenden Urkunden waren in das Bewußtsein des Volkes eingegangen. Der Kristallkern war da, um den herum ein Volkstum von dauerndem Bestand sich' lagern konnte. Es war ein Inhalt vorhanden, für den es sich lohnte, zu leben, zu kämpfen, zu leiden und zu sterben. Ohne diesen Inhalt hatte die Sprache allein das Volk nicht zusammenzuhalten vermocht. Und als einige Jahrhunderte darauf das jüdische Volk aus wirtschaftlichen und politischen Gründen sich zu einem beträchtlichen Teil in der griechischen Welt zerstreute, nahm es diesen Inhalt in die Zerstreuung mit und kleidete ihn in das funkelnde Gewand der neuen Sprache. Es entstand die griechische Bibelübersetzung, der Septuaginta, die im Gegensatz_zu <len in der neueren Zeit von -Juden für Juden hergestellten Uebersetzungen den hebräischen Urtext nicht zur Seite hatte. Unter den Dia&pora-juden geriet allmählich die Kenntnis des Hebräischen ganz in Vergessenheit, sie verloren den Zusammenhang mit dem mütterlichen Nährboden, und dieses ganze griechische Judentum verlor sich in der Umwelt, fast ebenso spurlos wie Jahrhunderte zuvor die zehn Stämme. Freilich hatte es zuvor eine gewaltige welthistorische Mission erfüllt und herrliche Blüten getrieben. Um die griechische Bibel rankte sich' eine reichhaltige jüdische Propaganda- Literatur, die die allgemeinen, für. alle Menschen bestimmten Ideen des Judentums in der griechischen Welt verbreitete und so großen Erfolg hatte, daß es im ersten vorchristlichen Jahrhundert eine Weile den Anschein hatte, als sollte die Welt jüdisch' werden. Dadurch wurde der Boden für eine neue, geläuterte Weltreligion vorbereitet. Das paulinisehe Christentum hat dieser jüdischen Propaganda den Rang abgelaufen, indem es dem Heidentum in jeder Beziehung entgegenkam, und bald seine Spitze mit aller Schärfe gegen die Mutterreligion kehrte. »Les organisateurs (du christianisime) trop presses de vaincre et de convertir le paganisme en se convertissant ä lui" sagt einmal James Darmesteter. So ist die ganze etwa zweihundertjährige Arbeit für die Arbeiter und deren Nachkommen vergeudet gewesen. Und man kann sich hier einer wehmütigen Betrachtung »acht erwehren. Hätten nämlich jene Generationen griechisch schreibender Juden das Hebräische gepflegt, und während sie die jüdischen Ideen in der heidnischen Kulturwelt propagierten, die besten und wertvollsten Inhalte der hellenischen Kultur in hebräischer Sprache unter den Juden im Heimatlande verbreitet, hätten sie parallel mit der Uebersetzung der Bibel ins Griechische Plato und Aristoteles ins Hebräische übertragen, so wäre in Palästina zwischen Judentum und Hellenentum eine Syntliese entstanden, welche der jüdischen Geschichte, vielleicht der ganzen Weltgeschichte einen anderen Lauf gegeben hätte. Was die Juden in Palästina seit Alexander dem Großen vom Griechentum zu sehen lind zu spüren bekamen, war nicht geeignet, ihnen Sympathie und Hochachtung einzuflößen: das war vulgäres Heidentum, verkommenste Sittenlosigkert und Imperialismus. Im ganzen Talmud findet sich' neben dem Namen des Epikuros, der als Symbol der Gottlosigkeit- und der zügellosigen Genußsucht gilt, nur der Name eines obskuren griechischen Philosophen ans dem zweiten nachchristlichen Jahrhundert. Allerdings blieben die palästinensischen Juden von der griechischen Kultur, die damals den ganzen Orient beherrschte, nicht unberührt, und mit den etwa dreitausend griechischen Lehnwörtern, die sich in der talmudischen Literatur nachweisen lassen, drangen auch griechische Rechtsbegriffe ein, technische Hantierungen, manche naturwissenschaftlichen und geographischen Kenntnisse. Auch allgemeine, vage Vorstellungen von griechischem Denken wollte man schon in den spätesten Büchern der Bibel (Koheleth) finden. Samuel Modiinger hat dem Einfluß aristotelischer Ideen auf das talmudische Zeitalter sogar eine ausführliche Studie gewidmet. Aber an dem Quell hellenischer Kultur zu trinken blieb den palästinensischen Juden der damaligen Zeit verwehrt. Der Versuch einer gewaltsamen Hellenisierung, der von Antiochus Epiphancs ausging, und den Juden nur ein bastardiertes, verkommenes Griechentum, und zwar von seiner abstoßendsten Seite zeigte, flößte den gesündesten und wertvollsten Schichten einen um so größeren Haß gegen alles Griechische ein, als die sittlich minderwertigen und leichtlebigen Elemente, von der glitzernden Außenseite des fremden Lebens geblendet, sich hemmungslos einem wüsten Taumel des Genuss-es nachden schlimmsten griechischen Mustern hingaben, ohne auch nur'den Versuch zu machen, zu den_ edlen Schätzen griechischer Weisheit, Wissenschaft und Kunst .vorzudringen. Aehnlich wie in unseren Zeiten etwa