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Ost und West · 1919-01-01 · Heft 1-2 (Januar-Februar 1919) · p. Seite 3 - 4

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Journal
Ost und West
Volume
19 (1919)
Issue
Heft 1-2 (Januar-Februar 1919)
Article
Hebräisch
Date
1919-01-01
Page
Seite 3 - 4 (sequence 2)
Language
German
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3 Hebräisch. 4 eigenen geistigen Inhaltes ein hinreichender Grund wäre, den Juden die Gleichberechtigung 211 verweigern, so müßte die jüdische Religion das größte Hindernis dagegen bilden. Ferner kamen Nützlichkeitsgründe in Betracht; der Zeitgeist war utilitaristisch. Alle geistige Arbeit sollte ihren greifbaren Lohn finden, die Gleichberechtigung sollte den Juden als Preis für die Annahme der „modernen Bildung" gewährt werden. Als ob' die „moderne Bildung" nicht wert wäre, daß man sie sich „lischmon", ohne jede Aussicht auf Lohn, aneignete. Die Juden sollten zu „nützlichen Mitbürgern" gemacht werden. Was konnte aber das Hebräische, diese „tote" Sprache nützen im Getriebe des Lebens? Es war Zeitvergeudung, sich mit dem Hebräischen abzuquälen, lieber erlernte man das Französische oder Englische, um in der Welt besser fortzukommen und ein „nützliches" Mitglied der Gesellschaft weiden zu können. Dabei übersah dieses Bildungsphilistertum, daß in den edleren Regionen des Kulturlebens gerade das Unnütze das Wichtigste ist. Le superflu, chose la plus necessaire, sagt einmal Voltaire. Kunst, Philosophie, höhere Mathematik, Astronomie sind wirtschaftlich vollkommen unnütz. Sie bringen nicht nur nichts ein, sondern sind häufig geistige und moralische Hindernisse auf dem Wege politischer und wirtschaftlicher Eroberungen, beim Kampfe ums Dasein des Einzelnen wie der Gruppen. Auch1 für das „Volkswohl" im unmittelbaren Sinne sind alle Bilder van der Meers, alle Symphonien von Beethoven, alle Gedichte von Goethe, mitsamt allen philosophischen Systemen, viel weniger nützlich als 2. B. eine .Volksküche, eine Suppenanstalt, öder ein Verein zur Beschaffung warmer Winterkleider für die Bedürftigen. Aber was wäre das Leben wert, wenn es in der Welt nur nützliche Dinge gäbe und keine van der Meers und keine Goetheschen Gedichte, und keine Sonnenuntergänge, und keine Gedanken von Spinoza und Kant? Darin lag eben der verborgene, unbewußte Stolz und die Lebenskraft des jüdischen Volkes, daß es für das Unnütze und Ueberflüssige die größten Opfer darbrachte. Es bedeutete eine Herabminderung und Entweihung des jüdischen Bildungsideals, welches in den traurigen Zeiten einseitig und verschroben geworden, aber stets sublim geblieben war, daß die Emanzipationsbestrebungen es auf das platte Nützlichkeitsprinzip stellten. Dieses Prinzip hat mitverschüldet, daß die Pflege des Hebräischen in Mißkredit geriet. Es kam noch der religiöse Freisinn hinzu. Ihren höchsten Wert verlieh der hebräischen Sprache die religiöse Literatur. Wer sich rrfit dem Hebräischen befaßte, gestand ein, daß er auf das Religiöse Gewicht legte, war also des ^Fanatismus", oder doch der konfessionellen Engherzigkeit verdächtig, wenigstens galt er als rückständig, als unaufgeklärt. Und ein Mensch des 19. Jahrhunderts scheute nichts so sehr, als diesen Verdacht. So kam es. daß die Unkenntnis des Hebräischen als Merkmal der Bildung angesehen wurde, keiner galt als zeitgemäß, als voller „Kulturmensch", der ein hebräisches Buch zu lesen verstand, oder gar sich mit hebräischen Studien befaßte, außer wenn er ein Professor der evangelischen Theologie war. Es ist vollkommen richtig, daß die Bedeutung der hebräischen Sprache nicht nur lür die Welt, sondern auch für uns Juden auf den religiösen Urkunden beruht, die in ihr aulbewahrt sind: auf der Bibel und was damit zusammenhängt. Soweit umfassend auch die hebräische Literatur im Laufe der Jahrhunderte, und besonders in der ueueren Zeit geworden ist, ihre Hervorbringungen, mögen sie noch so weitab von allem Religiösen liegen, ja auch wenn sie gegen die Religion polemisieren, nehmen ihre Daseinsberechtigung von der Bibel. Die Liebeslyrik moderner Dichter, die neuere Novellistik, ja, auch die kleinste und banalste Zeitungsnotiz in einem hebräischen BLatte, saugt ihren Lebenssaft von der Bibel. Der Wurm, der irgendwo tief unter dem Erdboden sich regt, hat keine Ahnung, daß auch seine kümmerliche Nahrung aus verwandelten Sonnenstrahlen besteht, und daß seine Gattung allmählich absterben müßte, *enn die Sonne, die er nie gesehen, erlöschen würde. Wenn einmal unser Interesse an dem Inhalt der Bibel aufhörte, so würde die hebräische Sprache binnen kurzem absterben und vergessen werden, wie das Hethitische oder das Altaegyptische, wir würden uns nicht mehr zu ihr bekennen, sie nicht lieben; die ganze spätere Literatur bis auf die Gegenwart, so kostbare Schätze sie auch bärgt, würde die Sprache vor dem Untergang nicht retten, denn diese Literatur gliche einem JBaum, dessen Wurzeln abgesägt sind; sie ist übersetzbar und ersetzbar, sie hat anderswo ihres Gleichen oder noch viel Besseres und Schöneres. Das eur/ig Unvergleichliche, Unersetzliche im Hebräischen, das nur in der Ursprache begriffen und genossen werden kann, ist die Bibel, ihres Inhalts wegen. Das Verhältnis der Völker zu ihren Sprachen hat nichts Mystisches, beruht nicht auf einem geheimnisvollen, unlösbaren Zusammenhang; ganze Rassen haben im Verlaufe der Geschichte ihre angestammten Sprachen gewechselt und in Vergessenheit geraten lassen. Das jüdische Volk hängt an seiner Sprache, weil in ihr die klassischen Schöpfungen aufbewahrt sind, in denen sich sein Geist in seiner vollsten Stärke und Klarheit offenbart und der Welt das gegeben hat, was ihm seine weltgeschichtliche Bedeutung sichert. Es tritt hier ein Gegenseitigkeitsverhältnis ein: der Inhalt gewährleistet der Sprache ihre ewige Dauer, und

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