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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 325 - 326

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
Date
1921-11-01
Page
Seite 325 - 326 (sequence 4)
Language
German
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325 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 326 Jahre 1370 angetanen Schimpfes" (Medaille Nr. 257: Jubile de 1820 en reparation des outrages aux saintes hosties an 1370) veranstaltete noch 1820 die Stadt Brüssel eine Jubiläumsfeier (Nr. 238: Jubile et fete cömmunale de Bruxelles an 1820). „Acht Tage hintereinander wurde das Fest der Hostien und der Verfolgung, die sich an ihre Geschichte knüpft, gefeiert. Religiöse Zeremonien mit weltlichen Ver* gnügungen verbindend, trug man das heilige Sakra* ment mit den 16 durchstochenen Hostien, mit Edel* steinen geschmückt, in Prozession durch die mit Maien gezierten und mit Blumen bestreuten Straßen, deren Häuser rings mit Tapeten (Teppichen) be* hängt waren, und hielt Bankette, Konzerte, Kunst* feuerwerke und Beleuchtungen ab." Man würde auch noch 1870 zum 500jährigen Jubiläum ein solches Volksfest veranstaltet haben, wenn nicht Papst Pius IX. Einspruch erhoben hätte. Natürlich war der Jude an allem Elend schuld, das die christliche Bevölkerung betraf. Obgleich der Jude vom schwarzen Tode «ebenso ereilt wurde wie der Christ, so war er es doch, der die Brunnen vergiftet hatte. Obgleich in Zeiten des Mißwachses und der Teuerung alle Teile der Bevölkerung in gleicher Weise litten, so hatte selbstverständlich der Jude alles Getreide aufgekauft und durch Auf* speicherung die Not verursacht. Dabei wäre es doch ein Leichtes gewesen, hätten* die Juden die Lebensmittel zurückbehalten und verteuert, sie ihnen wieder abzunehmen. Das war aber nicht möglich, da dem allgemeinen Gerede die tatsächliche Unter* läge fehlte und die Verleumdung nur das bequeme Mittel war, die Wut der Menge von der Obrigkeit, die nicht genügend vorgesorgt hatte, abzulenken und auf die Juden als Prügelknaben hinzuleiten. Die allgemeine Stimmung fand in der Medaillen* prägung ihren Ausdruck. Zeiten der Teuerung waren die Jahre 1694 und 1772. Aus ersterem Jahre stammen unsere Medaillen Nr. 217—219. Sie stellen als „K o r n j u d e n * M e d a i 11 e n" einen bärtigen Mann dar, der auf dem Rücken einen Getreidesack trägt; auf diesem sitzt ein kleiner Teufel und reißt, ohne daß es der Mann merkt, den Sack auf, so daß Körner herausfallen. Damit wir wissen, wer mit der Person gemeint ist und sie nicht für einen Bauern halten, heißt es in der Uberschrift: „Du Kornjude". Die Rückseite setzt das Thema mit einem Scheffelmaß fort, auf dem die Worte stehen: „Wer Korn innhält, dem fluchen die Leuthe. Aber Seegen kommt über den, der es verkauft." (Sprüche Salomos XI, 26). Das Jahr 1695 war im Gegensatz zu dem vorangegangenen eine „wohlfeile Zeit". Auf der Medaille Nr. 220 ist das Scheffelmaß und der jüdische Spruch ge* blieben. Auf der Vorderseite aber sehen wir in der Umgebung eines Bauernhauses und eines reichen Kornfeldes an einem Früchte tragenden Baume einen Mann aufgehängt, dessen Gesicht unkenntlich ist und auf dessen Kopf ein Teufel sitzt. Der Teufel hat ihn geholt. Wessen Ende verspottet wird, lehrt wiederum die Überschrift: „Du Kornjude". Die Medaillen der Jahre 1694 und 1695 dienten zum Vorbild, als 1772 bzw. 1773 Teuerung und Überfluß wiederkehrten. Auf der aus Fürth (Bayern) stammenden Medaille Nr. 227 ist der sogenannte Kornjude — Jüdisches sieht man ihm nicht an — plumper wiederholt, neu ist die Über* schrift „Verzweifel und geh zum [Teufel]". In einem aufgesperrten großen Teufelsrachen steht: „Kornjude". Der fromme Wunsch beweist, daß die Medaille erst im wohlfeilen Jahre 1773 ans gefertigt wurde. Von Interesse ist es, im Jahre der Teuerung 1921 die früheren teuren Preise kennen zu lernen. Auf der Rückseite der Medaille heißt es: „1772 hat gekostet 1 Pfund Brot 12 Kreuzer, 1 Pfd. Schweinefleisch 10 Kreuzer, 1 Pfd. Rind* fleisch 8 Kreuzer, 1 Metze feines Mehl 5 Gulden, 1 Pfd. Butter 30 Kreuzer, 1 Maß Bier 3 Kreuzer 4 Heller". Zur Schätzung des Mehlpreises sei be* merkt, daß die bayerische Metze 37 Liter faßte. Während auf der Medaille Nr. 227 nur das Jahr 1772 verzeichnet ist und wir 1773 erst folgern müssen, bringt die Medaille Nr. 228 ausdrücklich Bilder aus beiden Jahren. Vor einem vornehm gekleideten Manne steht eine Frau mit bittend er* hobenen Händen, hinter dem Manne befinden sich gefüllte Säcke. Beide Personen, deren Ge* sichter nicht kenntlich sind, trennt die Jahreszahl 1772. Der Text lautet: „Die Armuth weint, der Kornjud lacht. Nun denkt er, ist es recht gemacht." Den Gegensatz dazu bildet die Rückseite des Jahres 1773. An dem Aste eines Fruchtbaumes neben einem Kornfeld hängt in einer Schlinge derselbe Mann, der rmf der Vorderseite die Frau zurückgewiesen hat. Darüber steht im Umkreis: „Der Geiz ist die Wurzel alles Übels". Daß der Mann nicht etwa vom wütenden Volke aufgehängt wurde, sondern sich vor Verzweiflung über die Fülle des Jahres selber aufhängte, ist abgesehen von dem Verzweiflungswunsch der Medaille Nr. 227 durch die Angabe des Jahres 1773 auf unserer Medaille erwiesen. Eine Hinrichtung durch das Volk wäre nur im Jahre der Teuerung 1772 er* klärlich. Auch die Medaille Nr. 229 bezeugt den Selbstmord. Dort ist ein Kornfeld mit reicher Ernte abgebildet, darunter steht: „Wir wünschten diese Fruchtbarkeit". Unter dem Bilde der Rück* seite aber, das den Mann in einer leeren Scheuer erhängt vorführt, lautet die gereimte Unterschrift: „Ich aber hoffte theure Zeit". Wir besitzen noch mehrere dieser „Kornjuden* Medaillen" mit verschiedenen Abweichungen. Mit Ausnahme der Medaille 227 ist nirgends ein Ort

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