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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 327 - 328

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der jüdischen Gemeinde zu Berlin
Date
1921-11-01
Page
Seite 327 - 328 (sequence 5)
Language
German
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327 Die zweite Ausstellung in der Kunstsammlung der Jüdischen Gemeinde zu Berlin 328 angegeben. Der Name Fürth und das Jahr 1772 geben uns jedoch Gelegenheit, den angeblichen Kornwucher der Juden nachzuprüfen. Die Teuerung, die bereits 1771 herrschte und sich bis in den Herbst 1772 fortsetzte, beschränkte sich nicht auf Bayern und auf solche Gegenden, in denen Juden ansässig waren. Sie ging von Frankreich aus und suchte namentlich Württem* berg, Bayern, Schlesien, Böhmen und Österreich heim. Gesteigert wurde die Not des Mißwachses durch die Ausfuhrverbote der vielen kleinen weit* liehen und geistlichen Obrigkeiten und durch die Zollschranken, mit denen sich Fürsten, Bischöfe und Reichsstädte umgeben hatten. Daß mit den geringen Vorräten gewuchert wurde, ist ein wirt* schaftlicher Mißstand, der sich damals gerade so wie heute bemerkbar machte und nicht auf das Schuldkonto der Städter, sondern der Bauern oder, wie wir heute allgemeiner sagen, der Agrarier zu setzen war. Hätte ein Jude Korn aufgekauft und mit ihm gewuchert, er wäre bei der Not des Volkes, das Brennesseln, Kümmelwurzeln und Gras als Gemüse verspeiste, weder seines Vermögens, noch seines Lebens sicher gewesen. Gerade aus Fürth lesen wir, daß nicht nur die christliche, sondern auch die jüdische Gemeinde in Sachsen, wo die Getreidepreise niedriger waren, bedeutende Kornvorräte aufkauften und zum Besten der ärmeren Einwohner verbackten, so daß das 7pfündige Brot für 45 Kreuzer abgegeben werden konnte. In Prag besuchte Kaiser Joseph II. das Ghetto und ließ dort an die hungernden jüdischen Einwohner Nahrung verteilen. Nirgends findet sich eine Nachricht, die den Juden an der Teuerung Schuld gab. Weder aus Bayern, noch aus anderen Ländern werden Ausschreitungen gegen Juden ge* meldet. Darum glaube ich, daß sich die Medaillen der Jahre 1772 und 1773 ebensowenig wie die der Jahre 1694 und 1695 gegen wirkliche Juden richteten, sondern daß man die christlichen Wucherer ver* spottete und diese als ,,Kornjuden" brandmarkte. Ein jeder, den man verächtlich machen wollte, wurde als Jude abgestempelt. Die gleichen Erscheinungen der Gegenwart sind nur das antisemitische Erbteil aus der Rüstkammer früherer Jahrhunderte. . Für alles mußte der Typ des Juden herhalten. Das sehen wir in gleicher Weise an der „Feder* j u d e n * M e d a i 11 e " Nr. 222: Ein bebrillter, bärtiger Mann mit Federhut und niedrigen Stülp? stiefeln trägt auf dem Rücken einen großen Sack, welcher „vitia propria" (eigene Laster), und vorne mit den Händen einen kleineren, der „vitia aliena" (fremde Laster) gezeichnet ist. Wie bei der Korn* juden^Medaille „Du Kornjude", so heißt es hier im unteren Abschnitt „Du Federjude". Aber zur Rechtfertigung des Juden wird sogleich in der Umschrift hinzugefügt, daß er eigentlich gar nicht gemeint sei: „Ich trage die Federn, daß jedermann schaut, ein ander traget sie, der es nicht traut". Die „fremden Laster", die der Jude trägt, sind die Laster der Christen, und zwar die des Ehebruchs, wobei der hintergangene Gatte noch verspottet wird. Auf „Hahnrei" wird ausdrücklich im Texte der Rück* seite hingewiesen und gesagt, „daß viele durch die Cornua (Hörner) sind kommen in Officia". Außer* dem lautet die Randschrift: „Es ist ein Ding, das wohl betracht, ein jeder nehm seine Frau in Acht". Auf einer zweiten bei uns befindlichen Me* daille ist gleichfalls der „Federjude" abgebildet. Die Rückseite zeigt einen Amor, der auf einem springenden Löwen sitzt; im unteren Abschnitt steht: Amor vincit omnia (Die Liebe besiegt alles). Auf einer dritten Medaille ist das Wort „Federn" durch das richtige „Hörner" ersetzt: „Ich trage die Hörner .... War somit der Jude Zielscheibe des Spottes für die Vergehungen anderer, so trugen diese Me* daillen, die auf die eigenen Laster des Juden als etwas ganz Selbstverständliches hinwiesen, dazu bei, ihn noch mehr, als es ohnedies der Fall war, ver* ächtlich zu machen. Von aller Verfolgung, Verachtung und Ver* spottung konnte sich der Jude befreien, wenn er sich taufen ließ. Durch das Weihwasser wurde er ein anderer Mensch. Alle Schlechtigkeit fiel von ihm ab und als frohbegrüßter Schützling wurde der „Neugeborene" in die christliche Gesellschaft aufgenommen. Die angesehensten Männer be* trachteten es als ein ehrenvolles, gottgefälliges Werk, als Faten oder Zeugen einer Judentaufe zu fungieren. Die Taufpredigt des Geistlichen, das „Bekenntnis" des Täuflings und die Geschichte seiner Bekehrung wurden häufig veröffentlicht. Medaillen prägte man auf solche freudigen Ereignisse nicht. Eine vereinzelte Erscheinung ist die ovale Silber* gußmedaille Nr. 212 auf die Taufe des Posener Juden Michael aus Prag, der 1659 in Nürnberg ein christlicher Bernhard Christoph Leonhard wurde. Hätte man in die Zukunft schauen können, so würde man den Mann und seine hochangesehenen Paten nicht, in dieser Weise verewigt haben; denn schon ein Jahr später ließ sich der nunmehrige Protestant Leonhard katholisch taufen und kehrte schließlich als Michael und „Baal Teschuba" ins Judentum zurück! Obgleich man an den Täuflingen nicht viel Freude erlebte, dennoch herrschte stets von neuem Jubel, wenn man einen Juden in den Schoß der Kirche aufnehmen und damit seine Seele retten konnte. Das Dogma von der Wunderkraft der Taufe gab man in der Theorie nicht auf. Dabei war die Ansicht von der zwecklosen Taufe der Juden weit verbreitet. Sie fand in der Spottmedaille Nr. 221 aus dem Ende des 17. Jahrhunderts ihren

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