Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 317 - 318

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Jeanette Wohl
Date
1921-11-01
Page
Seite 317 - 318 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2583875-2584101-2584107-2607491--18359-2607529
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

317 Jeanette Wohl 3iS dennoch versteht man, daß dieses schmale, lebendige Gericht mit den dunkeln, gütigen Augen, diese Beweglichkeit, gepaart mit einer ernsten Besonnenheit, diese Mischung von kindlichem Humor und selbständiger Reife noch immer zu fesseln verstand. Sie selbst erwiderte die Neigung des jungen Mannes. Nicht stürmisch und überschwenglich, wie es ja ihrer Art entsprach. Aber er scheint doch eine Lücke in ihr ausgefüllt zu haben, die auch ihr Gefühl für Börne nicht zu überbrücken vermochte. Börne hatte 'sie gebildet, ihre politischen Ideen geklärt, $ie war mit ihm und durch ihn gewachsen, Bedeutung hatte sie erst durch ihn empfangen. Aber während Börne auch das geringste Erlebnis ihr beichtete, keine Regung der Seele vor ihr verbarg, mit Großem und Kleinem ratsuchend zu ihr kam, war sie, bei aller rückhaltlosen Offenheit, doch in ihren eigenen Angelegenheiten ihm gegenüber zurückhaltend. Man fühlt, daß sie den von allen Problemen gepeinigten, in Geisteskämpfen aufgehenden, ganz einer großen Idee lebenden Mann mit ihren kleinen. Sorgen und wechselnden Stimmungen nicht belästigen wollte. War es da nicht natürlich, daß nun die ältere, auch schon etwas leidende Frau Sehnsucht empfand nach Ruhe und Geborgenheit? Daß sie selbst nach dem Halt verlangte, der sie selbst so viele Jahre einem anderen gewesen war? Freilich1, dieser andere durfte durch das neue Bündnis nicht leiden. Es war die ausdrückliche Bedingung, die sie dem Bewerber stellte, daß: ihre Beziehungen zu Börne durch ihre Ehe nicht Im mindesten dürften verändert werden. „Der Doktor hat niemanden auf der Welt als mich", erklärte sie ihm. „Ich bin ihm Freundin. Schwester, alles, was sich mit diesem Namen Freundliches, Teilnehmendes, Wohlwollendes im Leben geben, bezeichnen läßt. Wollte ich ihm das mißgönnen, ihm, der nichts weiter hat im Leben und sich mit dem Schicksal abgefunden hat . . . ja, sich dabei glücklich' fühlt. Ich freute mich damit, der Gedanke machte mich so glücklich, daß er an Ihnen eine feste Stütze, einen redlichen, offenen, guten Menschen zum Freunde gewinnen solle. Ich konnte mir's nicht anders denken, der Doktor muß bei uns sein können, wann, wo und so oft und für immer, wenn er es will — ich kann jetzt nicht Sie sagen, das Herz ist mir zu voll — kannst Du es Dir anders denken — dann ist alles anders, wie ich es mir dachte. Ich! Wir! sollten einen Mann wie den Doktor verlassen können — er wäre ein aufgegebener, verlorener Mann! Lieber alles verlieren, lieber nicht leben, als das auf mein Gewissen Jaden; auch' könnte ich es nicht, wenn ich auch wollte . . . schon diese wenigen Worte, die ich darüber geschrieben, haben mich zittern und leichenblaß gemacht. Denn nichts kann tiefer erschüttern, als auch' nur der leiseste Gedanke an einen Verrat, nur der leiseste Gedanke der Untreue an die Treue. Solange ich' lebe, bis zum letzten Atemzuge, werde ich für Börne die Treue, die Liebe und Anhänglichkeit einer Tochter zu ihrem Vater, einer Schwester zu ihrem Bruder, einer Freundin zu ihrem Freunde haben. Wenn Du das Verhältnis nicht so auffassest, nicht begreifst, mich nicht genug kennst ... so ist alles aus und Nacht." Salomon Strauß reiste selbst nach Paris, um Börnes Einwilligung zu h:olen. Er antwortete mit einem empörten Aufschrei. Noch einmal flammte die alte Leidenschaft heiß empor, gesteigert durch die qualvolle Angst des Vereinsamten und Verlästerten, die einzige Stätte zu verlieren, wo er völlig heimisch' war. Jeanette, in heftigster Erregung, in einer Gefühlsverwirrung und einem Gewissenskonflikt ohnegleichen, ist sofort bereit, dem alten Bunde zuliebe ein spätes Lebensglück zu opfern. Da lenkt Börne ein. Eine persönliche Zusammenkunft löst letzte Verstimmungen. Die Verlobung findet unter Börnes eigenem Schutz in Baden-Baden statt, die Heirat wird nach manchen Schwierigkeiten von Seiten des Frankfurter Senats, der jüdischen Geistlichkeit und auch1 der eigenen Familie gegen Ende 1832 geschlossen, Jeanette scheint glücklich und zufrieden, bis schon nach kurzem, obgleich sie Börne öfter wiedersieht, die alte Unruhe, die alte Sehnsucht bei beiden wieder ausbricht. Schwere Verstimmungen quälen die sonst so heitere Frau und erschweren ihr und ihrem Gatten das Leben. Da macht dieser, taktvoll und verstehend, dem qualvollen Zustand ein Ende. Er billigt den von Jeanette sch'on längst erwogenen Plan eines Zusammenlebens zu dreien, das dem schwerkranken Börne mit der geliebten Unabhängigkeit auch die schmerzlich vermißte häusliche Behaglichkeit sichern sollte. Die Übersiedlung nach' Paris findet statt, und Börne, der „müde wie ein Jagdhund'' am Ende seiner Kräfte war, durfte noch drei friedliche Jahre die Pflege der Freundin genießen. „Sie haben mir viel Freude gemacht." Mit diesen (wenigen Worten hat er ihr auf dem Totenbette den letzten Dank für die Hingabe eines Lebens gesagt. Frau Wohl hat den Freund last fünfunddreißig Jahre überlebt. Mit der Sichtung seiner Papiere, mit der Veröffentlichung seiner Werke und mit dem Empfang seiner Verehrer, denen sie den Wert des großen Kämpfers offenbarte, verbrachte sie in stiller Zurückgezogenheit, zusammen mit dem getreuen Gatten, in Paris ihre Tage. Wie früher der Lebende, so bildete jetzt der Tote den Inhalt ihres Daseins. Nur einmal noch riß Heines Buch über Börne, das boshaft die reinen Beziehungen des Freundespaares beschmutzte und auch Salomon Strauß nicht-schonte, sie vor die Augen der Welt. Zwar forderte Strauß Heinrich Heine zum Zweikampf heraus, zwar nahm

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.