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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 315 - 316

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Jeanette Wohl
Date
1921-11-01
Page
Seite 315 - 316 (sequence 3)
Language
German
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315 Jeanette^ohl 316 Freundin und wurden erst auf ihr Drängen hin dem Drucke übergeben. Warum es aber nicht zu einer Ehe zwischen den beiden so engverbundenen Menschen kam? Darüber hat sich schon die Mitwelt und dann die Nachwelt reichlich den Kopf zerbrochen. Daß sie selbst, besonders in den zwanziger Jahren, ernstlich an eine Heirat dachten, geht aus den Briefen deutlich hervor. Es ist da öfter von Traupapieren, auch vom gemeinsamen Niederlassungsort die Rede. Der Ton ist zärtlicher und intimer, die Sehnsucht nacheinander unerträglicher. Auch bei Jeanette blitzt /wischen einem Scherzwort scheu verborgen das unwandelbarste Gefühl hervor. Und man spürt, daß sie in jenen Jahren bei aller äußeren Gelassenheit, „der geheimeren, tieferen Schmerzen des Lebens manche von ihm gelernt hat". Trotzdem haben sie sich immer wieder getrennt. Manche geben an, Jeanette habe ihre Mutter, eine streng orthodoxe Jüdin, durch die Ehe mit dem getauften Freunde nicht tötlich beleidigen wollen. Auch Börnes schwankende Gesundheit wie seine bis zum Tode seines Vaters stets unsichere Vermögenslage werden als Gründe angeführt. Möglich' aucli, daß es Jeanette widerstrebte, den freiheitsdurstigen Mann für immer zu fesseln, oder daß sie fürchtete, den hohen Schwung ihres idealen Bundes durch die Alltäglichkeit einer Ehe zu hemmen. Ob auch innere Gegensätze, wie man wohl vermutet hat, einen Hinderungsgrund bildeten? od der schwer zu behandelnde, einsiedlerische, reizbare und egozentrische Mann, der „die Menschheit, aber nicht die Menschen liebte", Jeanettens unmittelbares, warmes, hilfbereites und geselliges Wesen ängstigte? Ob sein in Geldsachen nicht immer feinfühliges Benehmen (so zog er die Subskriptionsgelder der „Wage" ein, ohne mehr als die Hälfte der versprochenen Bogenzahl zu liefern)r die in diesen Dingen ungemein peinliche Frau verletzte? Es ist möglich, daß alle diese Ursachen zusammenwirkten, es ist aber auch' möglich, daß wir das eigentliche Motiv nie werden kennen lernen. Denn Frau Wohl hat alle Briefe, die sich auf die beabsichtigte Ehe beziehen, vernichtet. Wäre es deshalb nic'ht unrecht, weiter zu forschen und ein Geheimnis (entschleiern zu wollen, das zwei Menschen als eigenstes Erlebnis scheu vor den anderen verbargen? Wer vermag auch je die Mysterien erotischen Anziehens und Abstoßens völlig zu ergründen? Ein tiefer Sinn liegt in der alten Sage, daß die Götter bitter sich an Psyche rächten, als sie sich vermaß, das Antlitz des Eros bei Tageslicht zu schauen. jedenfalls spricht es für Frau Wohls wunderbaren Takt, wie sie es immer wieder verstand, durch alle Klippen der Leidenschaft ihren Seelenbund in die ruhige Bucht der Freundschaft. zu retten. Es spricht für ihre großangelegte Art, wie sie hinter allem Sarkasmus und aller Bitterkeit stets wieder das wahre Antlitz des edlen und freien Börneschen Menschen entdeckte. Mehr noch, wie sie es vermochte, ihrer Freundschaft zuliebe die eigene, ängstliche Frauennatur zu überwinden. Denn sie selbst war im Grunde sehr bürgerlich in allen ihren Anschauungen, fast krankhaft darauf bedacht, jede üble Nachrede zu vermeiden. Dennoch begleitete sie, freilich' immer nur in Gesellschaft einer Verwandten oder Bekannten, Börne auf Reisen oder pflegte den Kranken, oft an fremden Orten, aufopfernd Tag und Nacht. Dennoch trat sie unerschrocken für (den Verkannten und Verleumdeten in die Schranken vund petzte den Verkehr mit dem aus Deutschland Verbannten in der alten Selbstverständlichkeit fort. Wras sie ihm war, hat Börne selbst ihr einmal in seiner einfachen Weise geschrieben: „Nur einen Wunsch' habe ich — mit Ihnen zusammen zu leben; — nicht bloß, weil ich Sie liebe, sondern weil ich Sie brauche, da meine Neigung zu Ihnen das einzige ist, was meine Kräfte verbinden, mir Geist und Herz zusammenhalten und meinem Leben Einheit geben kann." Und es war sicherlich tiefe Wahrheit, wenn er ihr nach dreizehnjähriger Freundschaft versicherte, daß sie sein einziges und ganzes Publikum sei und ewig bleiben werde. Trotz alledem riet er ihr des öfteren, sich wieder zu verheiraten. Mochte er das Unbefriedigte ihres Frauendaseins empfinden, dem der notwendige Rahmen fehlte, mochte es sein Gewissen belasten, die Freundin so eng an ^sich gefesselt zu haben, ohne ihr die Möglichkeit einer Ehe zu gewähren: genug, der Gedanke taucht immer wieder bei ihm auf. „Die Liebe, die Sie zu mir haben", schrieb er ihr einmal, „dürfen Sie mit in Ihre Ehe nehmen und sie Ihrem Manne gestehen, und dürfen Sie das letztere nicht, so fehlt es ihm an Verstand oder Herz, und dann würden Sie ihn doch nicht wählen. . . . Meine Liebe zu Ihnen macht mich glücklich. Was hätte mir die Ehe mehr geben können, da sie jene nicht vermehren konnte?" Freilich, als es dann galt, diese schöne Theorie in die Praxis umzusetzen, war es doch nicht so einfach. Frau Wohl hatte während Börnes Aufenthält in Paris den jungen Bankier Salomon Strauß in Frankfurt kennengelernt. Er war zwölf Jahre jünger als sie, von schönem Äußern, liebenswürdig und gebildet und von einer verstehenden Güte. Die gemeinsame Börneverehrung, die gemeinsame Abschrift;der Pariser Briefe 'hatte sie in dem stürmischen Revolutionsjahr 1830 — Frau Wohl war unter dem Einfluß ihres Freundes ganz politisch und ganz radikal geworden — einander nahegebracht. Jeanette stand damals schbn an der Grenze, der Fünfzig. Sie war nie eine Schönheit gewesen. Und

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