Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
- Article
- Jeanette Wohl
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 313 - 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584107-2607491--18357-2607527- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
313 Jeanette Wohl 314 furt. Zeichnen, Musik — sie besaß in all diesen Künsten ein anmutiges Talent —, die Lektüre deutscher/ französischer, englischer Schriftsteller, auch politischer und historischer Werke scheinen neben Oeseiligkeit und Familienpflichten ihre Tage ausgefüllt zu haben. Wiewohl wn allen geliebt und verehrt, nahm sie doch eine etwas eigenartige Stellung ein in einem Kreis von Menschen, die ihr Leben lang die unabänderlich gesetzmäßige Bahn des ewig Alltäglichen gingen. Die Achtung vor ihrem mutigen Schritt war sicher begleitet von einem mißbilligenden Blick, daß sie so viel Reichtum und Behagen modernen Seelenstimmungen zuliebe aufs Spiel setzte. In fast gleicher Lage war damals Ludwig Börne. Ohne Beruf, die Reaktion hatte ihm seine Stellung als Polizeiaktuar in Frankfurtgenommen, den Kopf voll weitschäuender Ideen, aber noch ohne eigentliches Ziel, in Konflikt mit seinem nüchternen, kaufmännischdiplomatischen Vater, voller Ekel vor einer Gesellschaft, der das Sinken und Steigen der Börsenpapiere die lebenswichtigsten Dinge waren, befand er sich in jener inneren Vereinsamung, die so oft den jungen Mann zu der älteren, reifen und verstehenden Frau treibt. Es war aber nicht nur das psychologische Moment, das die beiden zusammenführte. Denn daß diese Freundschaft ein ganzes ^VLenschenalter hindurch gleich' frisch und rein und kraftvoll blühte, daßsie über gehässige Angriffe von außen und Verstimmungen von innen, über Entfernung und Trennung und tiefe Lebensänderungen hinweg sich erhielt, daß sie der Frau zum Lebensinhalt, dem Mann zum Ansporn jeglicher Arbeit und jeglicher Tat wurde, muß doch1 in einer mystischen, schicksalhaften Seelenverwandtschaft begründet gewesen sein. Der Briefwechsel, der uns über die Beziehungen dieser zwei Menschen unterrichtet, ist nicht so poetisch1 wie der Goethes an Frau von Stein, nicht so zart und innig wie die Briefe der Diotima, nicht von der dramatischen Leidenschaft der Wagnerschen Ergüsse an Mathilde Wesendonk. Sie waren beide keine lyrischen, keine romantischen Naturen. Und doch' hat dieser Briefwechsel etwas ungemein JEANETTE STRÄUSS*WOHL Holzschnitt nach einer Originalzeichnung von LAllemand aus dem Jahre 1832 Anziehendes und Erwärmendes ob seiner tiefen Menschlichkeit und ungeschminkten Wahrhaftigkeit. Er offenbart die Schönheit, wie die Fehler und Schwächen zweier ringenden, starken Seelen in all ihrem Widerspruch, er bringt Irdisches und Himmlisches in gleicher Weise. Er setzt sich mit Kunst und Wissenschaft und Politik ernst und eindringlich auseinander, er mokiert sich aber auch in boshaftem Spott über Menschen und Dinge der Umwelt. Er ist von echtem Gefühl und banger Sehnsucht durchzittert, er erzählt aber auch von einem guten Mittagessen oder von gestohlener Wäsche. Es ist schwer zu unterscheiden, ob es mehr Liebe oder Freundschaft war, was zwischen den beiden webte. Sicherlich war anfangs der Mann der Stürmerische, der Werbende und Verlangende, die Frau die Abwehrende und Ruhige. Ihrer tatkräftigen, nach einem Wi rkungskrei s verlangenden, mütterlichen Natur genügte wohl ursprünglich die Sorge um den lebensunerfahrenen, verträumten und unpraktischen Mann. Ihre Briefe der ersten Zeit, auf einen scherzhaft munterenGouvernantenton eingestellt, sind warm ohne Leidenschaft, tadelnd ohne Bitterkeit. Sie treibt den Langsamen und Faulen zur Arbeit, sie ordnet seine ständig verworrenen Vermögensverhältnisse. Sie vermittelt zwischen ihm und dem gestrengen Vater, sie sorgt für vorteilhafte Abschlüsse mit den Verlegern. Sie hält den leicht Erregten vor allzu härten und ungerechten Urteilen zurück, sie fällt — erstaunlich sicher und klar — Urteile über seine Schriften, sie weist dem noch Schwankenden und Unsicheren den ihm einzig bestimmten Wirkungskreis. Die Gründung der „Wage", jener Zeitschrift für Bürgerleben, Wissenschaft und, Kunst, durch die Börne zum ersten Male als Journalist in die Öffentlichkeit trat und einen Sturm im deutschen Zeitungswesen entfesselte, ist zum größten Teil ihr Werk. Die berührnten und berüchtigten „Briefe aus Paris", jene revolutionäre Kampfansage an Fürsten und Magistrate, an Tyrannen und Dunkelmänner, seit den Tagen Lessings die kühriste und (machtvollste Befreiungsschrift, waren ursprünglich Briefe an die