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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 309 - 310

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Ehe es zu spät ist
Date
1921-11-01
Page
Seite 309 - 310 (sequence 2)
Language
German
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309 Ehe es zu spät ist 310 auf, wozu Gründe äußerlicher wie innerwirtschaftlicher Natur beitrugen. Die Verhältnisse gestalteten sieh in der ersten Zeit außerordentlich schwierig für die der Erdarbeit noch ungewohnten Juden. Die Steppen waren trocken und öde und litten stark unter der Plage von Heuschrecken und Viehseuchen. Unter der kolonistischen Bevölkerung selbst entwickelte sich eine große Sterblichkeit, was eine .Massenflucht der Juden aus den Kolonien nach sich jzog; die Weiterentwicklung der Kolonien wurde schließlich durch die große Korruption der Regierungsbeamten, die die bewilligten staatlichen Geldmittel nicht für die richtigen Zwecke verwandten, gänzlich gehemmt. Ein erneuter Versuch, die jüdische Landwirtschaft zu fördern, ging von der Regierung Nikolaus I. aus. Jüdische Kolonisten wurden nicht nur von dem' in jener Zeit so schweren Militärdienst, sondern auch von der Kopfsteuer befreit. Außerdem wurden sie aller Semstvo-Abgaben und -Pflichten enthoben. Infolge dieser Erleichterungen und Privilegien strömten weifirussische und litauische Juden der Landwirtschaft zu. Ein Teil dieser Juden ließ sich auf dem staatlichen Boden im Gouvernement •Cherson nieder. Gegen Ende der vierziger Jahre begann die Regierung, jüdische Kolonisten nach dem Gouvernement Jekaterinoslav zu befördern und sie dort anzusiedeln. Die wirtschaftliche Entwicklung in den Jekaterinoslaver Kolonien nahm einen raschen Verlauf. Zur selben Zeit begann die russische Regierung auch im Westen, in Litauen, Polen und Wolhynien freies Kronland an die Juden abzugeben. Die meisten jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien «entstehen zwischem dem Schlüsse der vierziger und dem Beginne der fünfziger Jahre. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts änderte sich die Politik der russischen Regierung .gegenüber der jüdischen Landwirtschaft durchaus. -Suchte die russische Regierung früher diese Bewegung mit allen Mitteln zu fördern, so legte sie ihr jetzt mit dem gleichen Eifer Hindernisse in den Weg. Bereits im Jahre 1859 hörte man auf, an Juden freies Kronland abzugeben. Im Jahre 1864 wurde den Juden verboten, Boden von Gutsherren und Bauern abzukaufen, und dies gerade in den von Juden am dichtesten bewohnten Gegenden, wie den Gouvernejnents Kiew, Podolien und Wolhynien. Einschränkungen folgten fortan in Überfülle, •die in den berüchtigten „provisorischen Verordnungen" vom Jahre 1882 ihren Höhepunkt erreichten, wonach die Juden aus den Dörfern ausgewiesen wurden und ihnen jeder Zutritt zum Lande auf das strengste verwehrt wurde. Allein der Übergang der russischen Juden zu produktiven Berufen und darunter auch zur Landarbeit wurde bereits in jener Zeit zu einer wirtschaftlichen Notwendigkeit. Die tiefgehenden Veränderungen im wirtschaftlichen Leben des Landes, infolge kier Aufhebung der Leibeigenschaft und der damit zusammenhängende Beginn der kapitalistischen Wirtschaftsform in Rußland, unterwühlten die bisherige, aus dem Mittelalter stammende, vermittelnde Existenzform der jüdischen kleinstädtischen Bevölkerung. Zu jener Zeit beginnt ein erheblicher Teil der jüdischen Bevölkerung, zum Handwerk, Fabrikbetrieb und zu einfacher physischer Arbeit zu greifen, während ein anderer Teil zur Ernährung aus den ursprünglichen Kraftquellen der Natur, zur sorgen- * freien Lebensweise des Landmannes, drängte. Die landwirtschaftliche Bewegung unter den Juden, ursprünglich die Folge einer Notlage, verwandelte sich auf diese Weise zu einer rasch hinreißenden Strömung, die weite Kreise der jüdischen Bevölkerung mächtig ergriff. Die jüdischen Kolonisten überwanden glücklich durch ihren Fleiß und durch'ihre Ausdauer alle möglichen Hemmungen und Hindernisse und brachten in nicht zu langer Zeit ihre Siedlungen in einen geradezu musterhaften Zustand. In den letzten Jahrzehnten ihres Bestandes gediehen bereits die achtunddreißig jüdischen Kolonien so ersprießlich, daß sie jede fremde Unterstützung völlig entbehren konnten; sie wurden vorbildlich nicht nur für die bäuerlichen, sondern auch für die gutsherrlichen Wirtschaften; selbst Beamte der alten zaristischen Regierung, die durchaus keine Vorliebe für die jüdischen Siedlungen hegten, mußten unwillkürlich bei der Besichtigung den hohen Ruf der jüdischen Landarbeit bestätigen. Die Kolonien erwiesen ihren gewaltigen Einfluß auf die Entwicklung der werktätigen Bestrebungen bei den Juden, in Rußland und auch in anderen Ländern. Sie wurden zu einer Schule der Arbeit überhaupt und der Landarbeit im besonderen. Die Bevölkerung der besten Kolonien in Argentinien und ein nicht unbedeutender Teil derselben in Kanada setzte sich ursprünglich aus jüdischen Kolonisten Südrußlands zusammen. Der Weltkrieg mit seinen Folgen.richtete natürlich in dem südrussisdhen Kolonisationsgebiet unermeßlichen Schaden an, er steigerte aber auch andererseits den Hang zum Boden bei den Kolonisten und festigte ihn. In den letzten Jahren hob sich die Bedeutung dieser Kolonien auch dadurch, daß sie für die breiteren Schichten der verarmten jüdischen städtischen Bevölkerung, die nach der Oktoberrevolution von 1917 aufs neue zur Landwirtschaft übergingen, als sicherer Stützpunkt galten. Nun ist diese Hochburg der jüdischen Arbeit, deren Ausbau so viel wirtschaftliche Tatkraft und so viel Opfersinn von Kolonistengenerationen erforderte, in ähren Grundfesten erschüttert, und sie befindet sich am Vorabend ihres Ruins. Wir sagen absichtlich am Vorabend, denn eine rasche Hilfsaktion wäre noch imstande, diese Katastrophe abzuwenden.

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