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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 311 - 312

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Ehe es zu spät ist
Date
1921-11-01
Page
Seite 311 - 312 (sequence 3)
Language
German
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311 Jeanette Wohl 312 In der Überzeugung, daß die breitesten Schichten des Judentums diesseits und jenseits des Ozeans nicht gleichgültig bleiben werden gegenüber der drohenden Verwüstung jenes Bodens, der nicht nur reichliches Brotgetreide, sondern auch eine schöne jüdische Hoffnung genährt hat, begann die Gesellschaft „Ort" eine großzügige Hilfsaktion für die gefährdeten jüdischen Siedlungen. In ihren Verhandlungen mit. den betreffenden Sowjetinstanzenüber die Durchführung der genannten Aktion erzielte die Verwaltung des Verbandes „Ort" eine Verständigung dahin, daß erstens die nötigen Hilfsmittel arr Ort und Stelle gelangen, und daß zweitens diese Mittel von den Bevollmächtigten der dortigen „Orts- Komitees unter die notleidenden Kolonisten verteilt werden. JEANETTE WOHL Zu ihrem 60. Todestage, 27. November 1921. Von Dr. Selma Stern. Jeanette Strauß-Wohl gehört nicht in die Reihe jener leuchtenden, ewig jungen Frauengestalten, die gleich Friederike Brion oder Charlotte von Kalb, Uli Schönemann oder Sophie von Kühn; verklärt durch' die leidenschaftliche Liebe großer Dichter und Künstler, die Phantasie der Mit- und Nachwelt immer wieder beschäftigten. Sie zählt auch' nicht zu jenen geistvollen Jüdinnen, die gleich der Rahel oder Henriette Herz, Fanny von Arnstein oder Marianne Saaling durch ihre sprudelnde Lebendigkeit und die zauberhafte Kunst ihrer Unterhältung das gesellschaftliche Leben ihrer Zeit anmutig und genußreich' machten. Sie hat keine romanhaften Schicksale gehabt gleich Dorothea Mendelssohn, sie hat auch nicht gleich Fanny Lewald oder Rahel Meyer bedeutende oder unterhaltsame Bücher geschrieben. Sie hat, zurückhaltend und still, das Leben einer guten Bürgersfrau in fast nüchternem Einerlei geführt, und sie ist doch die Quelle gewesen, die einen bedeutenden Menschen genährt hat. Sie war selbst keine komplizierte Natur, und sie hat doch den einsamen und eigenartigen Mann im Tiefsten verstanden. Das Frankfurter Ghetto, jener dunkle Winkel mit den engen Straßen, durch' Tore von der feindlichen Außenwelt getrennt, war der Boden, dem Frau Wohl entwuchs. Aber während die zum Teil wohlhabenden .Bewohner dieses „neuen Ägypten", wie man das Frankfurter Ghetto damals nannte, durch' unzählige Reglements in allen Lebensäußerungen gebunden, von einem konservativen, engherzigen . Magistrat auch das kleinste Recht durch schwere Abgaben sich erkaufen mußten, rüttelte schon der Wirbelwind der Berliner Aufklärung an ihre geistige Welt und ,fegte mit Heiligem und Ewigem auch' viel Morsches und Starres über die Mauer. Doch' der Kampf um die politische Gleichberechtigung, den die bedächtigen Handelsleute der Stadt in zäher Beharrlichkeit viele Jahre führten, endigte nach dem kurzen Sieg zur Zeit des Fürstprimas von Dalberg mit der völligen Niederlage auf dem Wiener Kongreß. Gerade aber weil in Frankfurt die alte Judenstättigkeit sich' so lange hielt, weil die Annäherung an die Umgebung so langsam erfolgte, fehlten hier jene bösen Auswüchse,, aber freilich auch jene interessanten und romantischen Typen der Berliner Emanzipationszeit fast völlig. Die Zugehörigkeit zum Judentum wurde nicht gelockert, sie wurde noch gestärkt durch die Versuche der Reform wie durch die aufkommende Reaktion. Es blieb freilich' viel Äußerliches und. Leeres. Die begeistert aufgenommene und verkündete deutsche Kultur gab den meisten mehr Lebensinhalt als die nur mehr formelhaft bewahrter im Wesen nicht mehr verstandene Jahrtausendealte Tradition. In diesen Rahmen fügt sich Jeanette Wohl- Sie ist nicht indifferent jüdischen Dingen gegenüber, aber es fehlt ihr für sie das leidenschaftliche Interesse, das sie den politischen und künstlerischen Ereignissen ihrer Zeit entgegenbringt. Sie liest, die Schriften Gabriel Rießers, aber die Thiers und St. Simon fesseln sie mehr. Sie verläßt das Judentum nicht, ja sie bringt ihm wohl ihr schwerstes Opfer, aber sie wird nach ihrem, eigenen Geständnis vom unglücklichen Schicksal des polnischen Volkes tiefer bewegt als von dem ihres eigenen. Als Jeanette Wohl im Winter 1816/17 Börne begegnete, hatte sie schon manche bittere Enttäuschung und Lebenserfahrung hinter sich. Siehatte, selbst einem wohlhabenden Hause entstammend, 22jährig, mehr auf Drängen ihrer Familie als eigenem Gefühle folgend, im Jahre 180S den reichen Kaufmann Leopold Heinrich Oppenh'eimer, genannt Otten, geheiratet. Die nüchterne Ehe mit einem ungebildeten Menschen, der die feinsinnige und vielseitig interessierte Frau nicht verstand, hätte sie nach einigen schwer durchkämpften Jahren gegen den Willen der Ihren mit einer bewundernswerten Selbstverständlichkeit und inneren! Freiheit wieder gelöst. Sie wies alle materiellen Unterstützungen des Gatten zurück und lebte von da ab — ihr eigenes Vermögen sicherte ihr ein sorgenfreies Dasein — abwechselnd bei ihrer Mutter oder einer ihrer verheirateten Schwestern in Frank-

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