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Ost und West · 1921-11-01 · Heft 11-12 (November-Dezember 1921) · p. Seite 307 - 308

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
Article
Ehe es zu spät ist
Date
1921-11-01
Page
Seite 307 - 308 (sequence 1)
Language
German
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307 Ehe es zu spät ist 308 EHE ES ZU SPÄT IST A. Singalowsky Einen erschütternden Hilferuf schickt soeben die Verwaltung der „Ort" (Gesellschaft zur Förderung des Handwerks und der Landwirtschaft unter den Juden) in die Welt hinaus. Laut ihren Berichten aus Moskau und Odessa, hat die allgemein in Rußland wütende Hungersnot die Hauptstätten der jüdischen Landwirtschaft ergriffen, die achtunddreißig jüdischen Siedelungen in den Gouvernements Cherson und Jekaterinoslav, mit einer Bevölkerung von 150 000 Personen und 84 000 Desjatinen Ackerland, und zwar in einem so erschl-eckenden Grade, daß die gesamte Existenz dieser produktivsten Stätten jüdischer Landwirtschaft aufs höchste bedroht erscheint. Die katastrophale Lage dieser jüdischen Kolonien melden übereinstimmend die verschiedenen Ausschüsse der Gesellschaft „Ort" in Rußland auf Grund eines eingehenden Studiums erfahrener Landwirtschaftskenner iß den bedrohten Bezirken. Laut ihren Angaben wurden sämtliche Kolonien außer zweien, Nagartowa und Romanowka, in diesem Jahre von einer vollständigen Mißernte heimgesucht. Es fehlt an den notwendigsten Nahrungsmitteln für die Bevölkerung der Kolonien und an Futter für das Vieh. Sämtliche Vorräte sind verbraucht, so daß jede Möglichkeit der Bestellung der Felder für den kommenden Frühling ausgeschlossen ist. Die Kinderschulen werden eine nach der anderen geschlossen, und die verhungernden Kinder der Kolonisten scharen sich in Flüchtlingszügen zusammen und wandern von Kolonie zu Kolonie, um Brot zu betteln. Ihre Todesangst treibt sie sogar in die nahen Banditendörfer, die ein Jude vorher nicht zu betreten wagte. Zahllose Kolonisten verlassen in dichten Scharen ihre heimatliche Scholle und flüchten nach den verschiedensten Richtungen vor der Geisel des Hungers. So wanderten beispielsweise, laut einem Bericht vom 22. Oktober, aus der Kolonie Selenopol allein bereits sechszig Familien aus. Hätte den Kolonisten irgendwelche Hoffnung auf materielle Hilfeleistung von irgendeiner Seite gewinkt, so hätten sie ihrem wirtschaftlichen Zusammenbruch gewiß widerstehen können; da sich aber einstweilen diese Hoffnung nicht verwirklicht, und sie sich in vollständiger Hilflosigkeit, ohne Brot, ohne Futter und ohne Mittel sehen, so sind sie gezwungen, sich ihrer Wirtschaft zu Spottpreisen zu entäußern und Rettung in den nächstliegenden Städten zu suchen. Es unterliegt leider keinem Zweifel, daß der schwächere Teil der Kolonistenbevölkerung ausstirbt, wenn keine raschen Maßnahmen zur Bekämpfung der Hungersnot ergriffen werden, "die Lebensstärkeren werden sich nach allen Richtungen zerstreuen, von den lebenden und toten Wirtschaftsgütern wird nichts übrigbleiben, und der wurzelfesteste und der am dichtesten zusammengeschlossene Zellenstaat jüdischer landwirtschaftlicher Siedlungen wird auf tragischste Weise zugrunde gehen. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß es sich hier vornehmlich um Maßnahmen philantropischer Natur handelt. Der Schwerpunkt der ganzen Lage zwingt zu einer völlig anderen Betrachtung. Er liegt in der gewaltigen Bedeutung der jüdischen landwirtschaftlichen Siedlungen in Südrußland für die Entwicklung der landwirtschaftlichen Bestrebungen der Juden sowohl in Rußland, als auch in anderen Ländern. Bekanntlich wurden die jüdischen Kolonien in Südrußland auf das Betreiben der zaristischen Regierung :am Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet. Ihre Geschichte beginnt mit dem Jahre 1804. Infolge judenfeindlicher Maßnahmen der russischen Regierung sollten aus den verschiedenen Dörfern im Westen Rußlands 60000 jüdische Familien ausgewiesen werden, deren größter Teil keineswegs in den Städten und Städtchei: Unterkunft finden konnte. Nun beabsichtigte zu jener Zeit die russische Regierung, die kurz vorher den Türken entrissenen sogenannten n.eurussischen Gouvernements (Cherson, Jekaterinoslav, Taurien) zu kolonisieren. Es wurden eigens zu diesem Zwecke Emigranten* aus Deutschland und die in der Türkei sich aufhaltenden Slawen eingeladen. Fjne Gruppe jüdischer Männer der Öffentlichkeit mit ihrem Führer Note Notkin, brachten den damaligen russischen Justizminister Derschawin auf den Gedanken, die auszuweisenden 'üdischen Familien nach dem sogenannten Neurußland zu verpflanzen. Dabei gewährte die russische Regierung den zur Landwirtschaft übergehenden Juden bedeutende Vergünstigungen. Den jüdischen Landarbeitern wurde*versprochen, keinen Frondienst für die Gutsherren leisten zu müssen, und für die Dauer von fünf Jahren Steuer- und Abgabenfreiheit. Die ganz unbemittelten Juden erhielten kostenlos Boden und Inventar und außerdem einen Vorschuß für die Einrichtung ihrer neuen Wirtschaft; sie wurden für die Dauer von zehn Jahren vom Steuerzahlen befreit. Es vergingen keine drei Jahre seit dem Erlasse des Gesetzes vom 9. Dezember 1804,, und es gründeten sich bereits im Gouvernement Cherson die ersten jüdischen Kolonien. Nach weiteren drei Jahren kamen sechs neue Kolonien hinzu. Im Jahre 1815 waren die von der russischen Regierung für die jüdische Landwirtschaft angewiesenen 300 000 Rubel verbraucht, das Interesse der russischen Regierung für die jüdische Kolonisation erstarb gänzlich. Zu dieser Zeit hörte der Zustrom der Juden in das neue Ansiedlungsgebiet

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