Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 11-12 (November-Dezember 1921)
- Article
- Die hasmonäische Erhebung in geschichtskritischer Beleuchtung
- Date
- 1921-11-01
- Page
- Seite 289 - 290 (sequence 4)
- Language
- German
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289 Die hasmonäische Erhebung in geschichtskritischer Beleuchtung 290 Allerdings ist dadurch im ganzen Lande eine gewisse Wohlhabenheit geschaffen worden. Es trat eine Umbildung in den wirtschaftlichen Verhältnissen ein. Palästina war bis dahin in der Hauptsache ein ackerbautreibendes Land mit kleinem Grundbesitz und Handwerkerstand. Die Ueberschüsse der Bodenerzeugnisse wurden an phönizische Hausierer verkauft oder gegen Industrieprodukte eingetauscht. Weitere Nahrungszweige bildeten die Fischzucht, der kleine Binnenhandel und der Durchgangsverkehr zwischen Aegypten und dem Osten. Jedenfalls warfen diese Beschäftigungen keinen reichlichen oder leichten Gewinn ab. *Anders wurde es durch die Steuer- und Zollpacht und durch die mit ihr verbundenen Vorschüsse an die ägyptische Regierung. Es kamen finanzielle Geschäfte auf, durch die man schnell, leicht und nicht immer auf geradem Wege reich wurde. Ein solcher Reichtum war in der Folge mit einem sittlichen Niedergang verbunden. Es traten Ueppigkeit, Schwelgerei, Unredlichkeit und noch viel gröbere Laster auf, von denen zuerst naturgemäß nur die wohlhabenden Klassen ergriffen wurden, die aber nach und nach auch in die unteren Volksschichten drangen. Um das Jahr 190v.Chr., also in einer Zeit, wo Palästina nicht mehr ägyptische Provinz war, sind die Sprüche des JosuabenSira entstanden. Nichtsdestoweniger schildern sie uns die Verhältnisse in Palästina, wie sie sich unter der ägyptischen Herrschaft entwickelt haben, da diese damals in ihren Folgen noch nicht überwunden waren. Der Spruchdichter, der zu den vornehmsten Männern seines Volkes gehörte, ist jüdisch-national orientiert und predigt in seinen Sprüchen die Sittenlehre des Judentums, Das Bild, das er von den sittlichen Zuständen entwirft, ist ein durchaus erfreuliches, als ob Sitte und Moral nirgends gefährdet wären. Aber der Dichter hat zweifellos die Dinge nur so gesehen, wie er sie sehen wollte. Sie waren keineswegs so harmlos, wie sie im Licht seiner schönen Sprüche erscheinen. Aus einem Teil der „Sprüche", der aus der Zeit Ben Siras stammt, erhalten wir ein ganz anderes, minder schönes Bild. Das Straßenleben in Jerusalem und den anderen judäischen Städten in der Nachtzeit glich damals häufig dem in den modernen Weltstädten und trieb dieselben häßlichen Blüten. Es ist eine geradezu erschreckende Schilderung von der sittlichen Entartung jener Zeit, die uns jene Sprüche geben. Unzähligemal wird da vor den Lockungen der Buhldirnen gewarnt, die junge Männer in ihr Garn ziehen, um sie an Leib und Seele zu verderben. Es fehlt sogar nicht an dem bekannten großstädtischen Trick, daß Männer von einem verführerischen Weib mit der Angabe ins Haus gelockt werden, daß der Ehemann eine weite Reise angetreten habe und man so in seiner Abwesenheit ungestört der Liebe pflegen könne, worauf dann der törichte Verführte, in das Haus der Schönen gekommen, von ihrem Ehemann überfallen und ausgeplündert wird. Sogar an Bildung von Banden, die sich zu Mord und Plünderung zusammentaten, um so die nötigen Mittel für das Lasterleben zu gewinnen, fehlte es nicht, und der Spruchdichter erschöpft sich in Warnungen an unerfahrene junge Männer, sich nicht von diesen Banditen zur Teilnahme an ihren verbrecherischen Unternehmungen einfangen zu lassen. Zur Ehre des jüdischen Volkes mag noch erwähnt werden, daß, die Buhldirnen, die in den palästinischen Städten ihr Unwesen trieben, nicht jüdische Mädchen oder Frauen waren. So tief war doch nicht die Moral der jüdischen Frauen gesunken, daß sie sich einem solchen schmutzigen Gewerbe hingegeben hätten. Es ist immer die „Fremde" (nochria oder sar^.), vor deren Reizen der (Ddchter so dringend warnt. In einer anderen nicht minder häßlichen Beleuchtung erscheint uns das Zeitbild in einer Reihe lyrischer Psalmen, die zumeist im ersten Psalmbuch, aber zum Teil auch in den andern vier JBüchern enthalten sind. Da klagt der Dichter fortwährend über die Verderbtheit und Zuchtlosigkeit seiner Zeitgenossen, vornehmlich über die Grausamkeit und Gewalttätigkeit, mit der sie die Armen unterdrücken. Die Rechtlosigkeit hat einen erschreckenden Umfang angenommen; Armut ist gleichbedeutend mit Schutzlosigkeit. Alle Begriffe von Moral und Sitte werden „auf der Spötterbank*' mit Hohn und Spott überschüttet, das Recht wird mit Füßen getreten, der Arme ist auch seines Lebens nicht sicher; an Gott denkt kein Mensch, an das kommende Strafgericht glaubt niemand. Wer die Macht besitzt, wähnt sich zu allem berechtigt. Wenn Gott vom Himmel herabschaut, um das lebende Geschlecht an-