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Ost und West · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1921) · p. Seite 247 - 248

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
Article
Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
Date
1921-09-01
Page
Seite 247 - 248 (sequence 6)
Language
German
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247 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 248 Das Schwarz des Morgens, das Rot des -Mittags und der Tanz des Abends sind - der jüdischen Sabbatidee gleich fremd. Auch \die religiöse Jüdin geht an ihrem Sabbat zum Gottesdienst, aber nicht in einer Stimmung, die sie veranlassen könnte, Trauerkleider anzulegen. Durchweg heiter ist der jüdische Sabbat-Gottesdien9t. Seinen Mittelpunkt bildet die Verlesung eines Abschnittes der Thora, jenes „Lebensbaumes", von -dem immer wieder geistiges Leben ausgeht. Dieser Abschnitt beschäftigt den Geist des Teilnehmers am Gottesdienst, bei der Verlesung, bei der Predigt, dann wieder zu Hause, wenn er sich' in die Erklärungen derselben vertieft, oder auch Vorlesungen der Gesetzeskundigen besucht, die vielfach' am Sabbatnachmittag stattfinden. Und diese geistige Beschäftigung bereitet ihren Freunden größeren Genuß, als irgendein leiblicher Genuß «s vermöchte. Und den gleichen Genuß, erhöht durch die Abwechselung, bereitet dem religiösen Juden die Beschäftigung mit den Symbolen der Festtage, von denen ja jeder sein eigenes Symbol hat. Diese Symbole bringen Abwechselung in das Einerlei des täglichen Lebens. Aber das Symbol an sich1 beschäftigt den Geist nur vorübergehend. Bald sind wir seinen Anblick gewöhnt, und dann hat es uns nichts mehr zu sagen. Der Tannenbaum im Zimmer ist gewiß ein schöner Anblick. Er hat ' zwar keine Beziehung zum Weihnachten — nicht einmal zum Christentum — der „Christbaum", aber selbst wenn er sie hätte, würde seine Gegenwart allein die Gedanken des Beschauers nicht lange beschäftigen. Nun geht der Jude hin und macht aus dem Symbol eine Handlung, indem er es durch eine „Berachah" ausdrücklich in Beziehung zum Gegenstande oder dem Ereignis setzt, dem das betreffende Fest gewidmet ist. Er weiht es damit ausdrücklich einer bestimmten Idee, die während der Handlung der Weihe, naturgemäß aber auch nach derselben noch, wenn er das Symbol bewegt, wie beim Lulaw, oder die Sukkah1 betritt, die Mazzoh ißt, die Channukkalichter betrachtet, seinen Geist beschäftigt. Der Kidduschwein ist Wein wie ein anderer Wein, der „Berches" am Wochentage sagt uns garnichts. Ist aber mit dem Bech'er in der Hand und dem Berches vor Augen die Sabbatwerhe ausgesprochen worden, dann erinnern sie diejenigen, die bei dieser Handlung zugegen waren, an die Idee des Sabbats, und alle diejenigen, die jetzt am Kidduschbecher nippen und vom Berches essen, beschäftigt unwillkürlich der Gedanke: heute ist Sabbat. So wird durch' einen konkreten Gegenstand der Geist mit einer abstrakten Idee, wie die Idee der Sabbatruhe, beschäftigt, durch den Schofarton der Geist des Menschen gemahnt, in sich zu gehen, durch die Laubhütte an den Schutz des Himmels, durch' die Mazzoh an die Befreiung aus Aegypten erinnert usw. Und nun verstehen wir auch ohne weiteres, warum der Seder der größte Magnet ist. Seine Anordnungen geben Jung und Alt reichlich Gelegenheit zur Beschäftigung. Betätigungen <rer verschiedensten Art: der Erinnerung in Wort und Lied, der Belehrung in Wort und Tat, der Beschäftigung in Frage und Antwort, und darum verdient derjenige der Tafelrunde das größte Lob, der es am besten versteht, zu unterhalten vom Gegenstand des Festes. Und all unsre Feste begehen wir Juden nicht getrennt von Weib und »Kind. Im Gegenteil, wir laden uns noch1 Gäste dazu, namentlich Verwandte, und machen sie so zu einem Kristallisationspunkt des Familienlebens. Auch wir genießen dabei gern einen Becher Wein und auch mehr. Aber selbst wenn es viere sind, weihen, wir jeden einer Idee und machen so den Genuß des Geistigen zu einem Genuß des Geistes. Mit solcher Betätigung werden allerdings keine zwölf Stunden des Sabbates und Festtages ausgefüllt. Aber die Beschäftigung mit den Symbolen unserer Feste und ihre Weihe bilden doch die Würze unserer Festtage und ihren Mittelpunkt. An sie knüpfen unsere Festgebete an, mit ihnen beschäftigt sich der Abschnitt der Thora, der an jenen Tagen verlesen wird, sie liefern dem Prediger Anknüpfungspunkte. Und alle drei beschäftigen sie „die andächtige Gemeinde". Jeder, der „aufgerufen" wird oder sonst eine „Mizwah erhält", betätigt sich und gibt der Gemeinde Veranlassung, sich' gleichzeitig mit ihm zu betätigen im Geiste des Sabbates und des Festes. Darum ist es gut, daß in großen Gemeinden räumliche Entfernung der Wohnstätten und Zahl der Synagogenbesucher zur Einrichtung mehrerer gottesdienstlicher Stellen nötigen. Da werden dann viele Leute aufgerufen, gibt es an mehreren Steifen» einen Chasan Thora usw., viele Gelegenheiten, sich zu betätigen. Es scheint mir,'daß auch aus anderen Gründen ein Gotteshaus gewisse Dimensionen nicht überschreiten sollte. Von einer Synagoge im alten Alexandrien ist bekannt, daß sie so groß war, daß den Teilnehmern am Gottesdienst durch Fahnenzeichen kundgetan werden mußte, wo der Chasan hielt. Diese Zeichen wurden von den einzelnen Berufsgruppen — die Besucher des Gottesdienstes waren nach Berufen verteilt —- ihren Mitgliedern weitergegeben. Ich kann mir nicht anders denken, als daß unter solcher Organisation die Andacht leiden muß, die, wie mir scheint, mit beeinflußt ist von einem Bewußtsein der Gemeinsch'aftlächkeit, das bei Ueberschreitung gewisser Dimensionen des Gotteshauses doch nicht recht aufkommen

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