Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 245 - 246 (sequence 5)
- Language
- German
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245 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 246 Klassen dieser Art die Aufstellung von Tischen und Stühlen. Daß das die der Absicht entgegengesetzte Wirkung hat; davor verschließt sich die englische Oeffentlichkeit. Die gute Absicht befriedigt sie. Und so wird der Konsum -— der durchweg ein solcher stark alkoholischer Getränke ist — in den englischen Kneipen Selbstzweck. Das Glas wird — stehend — schnell hinuntergegossen. Dann verläßt der Trinker das Lokal, um eventuell bald wieder dorthin zurückzukehren. (Es dürfen nur 1—2 Gläser hintereinander verabfolgt werden.) Mir ist es immer so vorgekommen, als ob die Reihe der am Sonntag vor den Kneipen auf die Oeffnungszeit Wartenden in der englischen Kleinstadt größer gewesen sei als in London. In der Kleinstadt sind die Verbindungen nach außen seltener und ebenso die Veranlassung zu Besuchen von Freunden und Verwandten, weil man bei den geringen Entfernungen sich' auch an Arbeitstagen trifft und daher der Anreiz zu Sonntags- und Feiertagsbesuchen fortfällt. Es sind in England ganz überwiegend — in viel größerem Maße als in Deutschland — Männer, die diese Lokale aufsuchen, und so trennt der Zeitvertreib des Alkoholgenusses die Familienmitglieder auch' räumlich. Noch schlimmer ist es, wo Frauen ihm fröhnen. Da das Gesetz den Kindern das Betreten der Kneipen verbietet bzw. den Erwachsenen verbietet, sie mit Kindern zu betreten, sieht man — namentlich im Osten Londons — nicht selten Kinder, die noch1 kaum gehen können, bei Wind und Wetter und ohne Rücksicht auf Verkehrsgefahren vor der Kneipe auf die in ihr „beschäftigte" Mutter warten. Auf das Gros des englischen Volkes trifft diese Sittenschilderung natürlich ebensowenig zu, wie es richtig wäre zu glauben, daß das deutsche Volk den Sonntag überwiegend in der Kneipe zubringt. Aber beides ist doch leider bei einem großen Teil des Volkes der Fall. In höheren Ekikommensklassen, in denen die Sitten verfeinert sind, sind auch die Genüsse einschließlich der Trinksitte entsprechend feiner. Hier werden — und das in Deutschland vielleicht mehr noch als in England — während und nach der Tafel feine Weine und Spirituosen genossen, und zu solchen Gelagen hat man natürlich an Sonn- und Feiertagen, wo die Berufspflichten ruhen, mehr Zeit als an Wochentagen. Außerdem werden Whist, Skat, Bridge oder was sonst gerade Mode ist, auch Billard, Kegel, Tennis usw. gespielt — alles Beschäftigungen, bei denen durch die Spielregel der Geist sich betätigen muß. Es werden Theater, Kinos, Singspielhallen und Tanzlokale besucht — Unterhaltungen, die der Engländer, infolge seiner religiösen Erziehung halb verächtlich, halb entrüstet, mit „continental Sunday" bezeichnet — es wird auch Kunst und Natur „gekneipt", wie chärakteristischerweise der vulgäre Ausdruck lautet. Ein kleiner Teil des Volkes geht auch zur Kirche. Auch! Ich habe in Spanien am Sonntagvormittag Damen der feinsten Gesellschaft — junge und alte (nur keine häßliche darunter) — in schwarzem Kostüm lange, lange in der Kirche auf den Knieen liegen sehen, die am Nachmittage desselben Tages in heller und buntester Toilette auf der Tribüne des größten und doch1 überfüllten Stiergefechtsplatzes der Welt (er faßt 20000 Personen), vor Extase nicht wußten, was alles sie dem Toreador in die Arena hinabwerferi sollten, der seinen Stier nach1 vielen Qualen unter eigener Lebensgefahr kunstgerecht erlegt hatte4) — ein ganz eigenartiger „Oneg Schabibath". Dort geht nicht etwa nur ein kleiner Teil der Bevölkerung zur Kirche, namentlich besucht die feine Frauenwelt sie allgemein — aber ebenso allgemein auch' den Stiergefechtsplatz —- wenn auch der Priester am Vormittag noch so eindrinjglich. gepredigt hat gegen „el diablo". Am Tage vor dem Stiergefecht werden die spanischen Pfandhäuser überschwemmt vom Hausrat der kleinen Leute. Selbst das letzte Bett wandert dorthin, wenn der Spanier nur so den Eintrittspreis für dieses grausige Schauspiel gewinnen kann, das in der Regel gerade am Sonntage stattfindet — ähnjich wie bei uns die Rennen, Regatten, Wettschwimmen usw. Bei einem militärischen Festspiel, das aus Anlaß der Genesung König Alfons' XIL von schwerer Krankheit — natürlich ebenfalls ( am Sonntag — veranstaltet wurde, und das dem, namentlich1 bei solchen Anlässen in Spanien unvermeidlichen Stiergefecht voranging, bestand eines der Spiele darin, daß — in der Art, wie wir es als Kinder im Karussell getan haben — die tüchtigsten Reiteroffiziere des spanischen Heeres in gestrecktem Galopp mit einer Lanze nach Ringen stachen5), die an einer langen farbigen Schleife befestigt waren. Diese waren bestickt von den Damen der Gesellschaft, und der Offizier, der sie sich1 erstach, erwirkte damit das Recht und die Pflicht, auf dem abends stattfindenden Ball mit der — ihm meist unbekannten — Dame zu tanzen, die die Schleife gestiftet bzw. bestickt hatte. 4) Es wäre verkehrt zu glauben, daß diese Stierfechter .etwa besonders rohe Menschen seien, die geistig vielleicht auf dem Niveau von Schlachtergesellen ständen. Das Stiergefecht ist ein Kampf des Geistes gegen die rohe Kraft. Der Toreador muß nicht nur körperlich, sondern auch geistig höchst mobil sein. Mit demjenigen, von dem hier die Rede ist, saß ich tagsdarauf beim Glase Wein zusammen. Es war ein höchst vornehmer, eleganter Offizier, durchaus ein Mann von feinen Sitten. Die Zuschauer, die an diesem grausigen Schauspiel Vergnügen finden, scheinen mir viel tiefer zu stehen als diejenigen, die für den Geisteskitzel, Geschicklichkeit gegen rohe Kraft zu setzen, ihr Leben in die Schanze schlagen. 5) Der Terminus technicus hierfür ist „Caroussel" und von diesem Ringestechen der Reiter hat das hölzerne Caroussel seinen Namen.