Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584106-2607428--18299-2607458- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
249 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 250 kann. In diesem Glauben bestärkt mich die Peterskirche in Rom, die, mit ihren rund 190 m Länge bei 140 m Breite des Innenraumes, als Gebäude einen überwältigenden Eindruck macht, in deren einem Winkel man aber nichts davon merkt, was im anderen vorgeht. (Der ganze Tempelplatz in Jerusalem mißt nur 160 m Länge bei 125—155 m Breite.) Nebenbei bemerkt: Der allfreitäglich'ei Minchah- und Marib - Gottesdienst an der westlichen Tempelmauer, ist, wenn auch nicht „abendländischen" Andachtsbedürfnissen entsprechend, der ergreifendste, dem ich je beigewohnt. Er findet aber nicht einheitlich statt, sondern an der ganzen Mauer entlang in Sektionen, die von den einzelnen Nationalitäten gebildet werden: Polen, öalizianer, Spaniolen usw. Man merkt hier nichts von einem „Am achad". Auch sonst nicht in Jerusalem. Meine Erfahrung stammt aus dem Jahre 1906. Ob sich diese Verhältnisse seitdem gebessert haben, weiß ich nicht. Der regelmäßigen geistigen Beschäftigung mit höheren Dingen am Sabbat und hohen Erquickung an den jüdischen Feiertagen, ist die heitere Gemütsstimmung zu verdanken, die der religiöse Jude in der Regel aus dieser Sphäre ins Alltagsleben mit hinübernimmt, und sie wiederum ist die Basis, von der aus er gleichzeitig „seinen Packen und seine Sorgen von sich legt", wenn er sich anschickt, „Prinzessin Sabbat" oder den Festtag zu begrüßen im Pflichtbewußtsein „wehajita ach sameach": Du sollst dich freuen trotz alledem. Die Schilderung Heines von der seelischen Verfassung des wirtschaftlich und sozial auf unterer Stufe stehenden jüdischen Hausierers, der am Freitagabend mit seinem Packen zugleich1 seine Sorgen von sich1 gelegt hatte, traf derzeit auf die große Masse der Juden zu. Diese Stimmung ist auch' heute noch in weiten jüdischen Kreisen heimisch. Sie hat in grauer Vorzeit schon zur Prägung eines hebräischen terminus technicus geführt, für den keine andere Sprache einen gleichwertigen Ausdruck besitzt: „Oneg Schabbath"*3). Er beweist, daß das Judentum die schwierige Aufgabe gelöst hat: Wie ist an dem Tage, wo die Berufstätigkeit ruht, der Betätigungsdrang der Menschen zu befriedigen. Der geistig Hochstehende — und der geistig noch Frische — hat keine Schwierigkeit, die nicht vom Genießen in Anspruch genommene Zeit des Sabbats und der Festtage zu verbringen. Hier G) Er wird wohl übernommen sein aus Iasaia, 5S, 13. handelt es sich aber um die Lösung einer Massenaufgabe. Die Massen aber sind intensiver geistiger Beschäftigung weder geistig noch physisch gewachsen. Für sie — und zeitweilig wohl auch für die geistig Höchststehenden — ist eine Art geistiger Betätigung nötig, die nicht zu große Ansprüche an geistige Fähigkeiten und menschliche Energie stellt. Dann aber auch ist bei dieser Massenaufgabe nicht zu vergessen, daß sie nicht gelöst werden kann, ohne auch das Betätigungsbedürfnisder heranwachsenden Jugend zu befriedigen. Für die Massen und die Jugend sind alle die Zeremonien Symbole und gottesdienstlichen Handlungen eine Notwendigkeit. Leichtverständlich und eindrucksvoll verbinden sie mit den Ideen, denen der Sabbat und die Feste gelten, machen insbesondere die Jugend auf den geschichtlichen Ursprung und die religiöse Bedeutung derselben aufmerksam und verbinden die Jugend so mit ihrem Volke und mit seiner Religion. Aber auch' der geistig Höchststehende verlangt nach einer Abwechslung und bedarf einer Ablenkung von intensiv geistiger Beschäftigung,, einer „Ausspannung". Und audV. sie bewirken Zeremonien und Gebete. Sie haben die Fähigkeit, gleichzeitig entgegengesetzt zu wirken: bei dem einen Hinlenkung, bei dem anderen Ablenkung. Zeremonien, Symbole und Gebete haben auch die nichtjüdischen Religionen. Auch die Sonntagsruhe ist vielfach streng durchgeführt. Und doch haben wir — zum Teil an krassen Beispielen — gesehen, wie weit auch in Ländern, wo sie weitgehend durchgeführt und der Besuch des Gottesdienstes allgemein ist, die Sonntagsruhe davon entfernt ist, ein „Oneg" zu sein. Einesteils mag dies daran liegen, daß die gottesdienstlich'en Verrichtungen den Geist des einzelnen nicht genügend beschäftigen, vielleicht nicht über die „Andachtsstunde" hinaus. Andernteils aber daran, daß für den Rest des Tages der menschliche Betäigungsdrang mit Dingen befriedigt wird, die weit davon entfernt sind, im Gefühle des Menschen eine Heiligung des Tages zu sein. Ich denke gezeigt zu haben, daß im Interesse des schaffenden Menschen, ja im Interesse seiner Schöpfungsfähigkeit selbst, die regelmäßige Wiederkehr eines Ruhetages geboten ist, aber auch, wie schwer es ist, dann den Betätigungsdrang des Menschen ohne Schädigung oder Entwürdigung desselben zu befriedigen und wie hervorragend das Judentum diese Aufgabe gelöst hat.