Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 243 - 244 (sequence 4)
- Language
- German
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243 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 244 nießen, wie das bei ihren Vorfahren der Fall gewesen ist. Wäre die geistige Befähigung allein in der Rasse begründet, die sich seit einem Jahrhundert bereits stark gerade mit der führenden Schicht der nichtjüdischen Bevölkerung Deutschlands vermischt hat, dann wäre schwer erklärlich, wie es kommt, daß unter den führenden Köpfen immer wieder in auffallendem Umfange Persönlichkeiten eine Rolle spielen, deren jüdische Herkunft noch deutlich' erkennbar ist. Daß diejenigen, deren religiöser Lebensführung sie die geistigen Kräfte mit verdanken, die sie hierzu befähigen, selbst im öffentlichen Leben wenig hervortreten, erklärt sich leicht aus der Schwierigkeit, die Anforderungen desselben mit ihrer religiösen Lebensführung zu vereinen. Soweit es sich1 um Persönlichkeiten handelt, die die angestammte jüdische Religion nicht gewechselt haben, läßt sich ihre Tüchtigkeit ja zum Teil daraus erklären, daß der Jude, wegen der ihm bereiteten Schwierigkeiten, fleißiger und zuverlässiger sein muß als der Nichtjude, um im Wettbewerb zu bestehen. Es handelt sich ja aber in großem Umfange um Persönlichkeiten, die keine Juden mehr sind und denen, im Gegenteil, von Jugend auf die Türen weiter offen standen als denen, die schön als Christen und Kinder von Christen geboren sind. In die gleiche Richtung wie die hervorragende geistige Betätigung von Personen jüdischen Blutes und jüdischer Abstammung weist eine Erscheinung, die sich auf die ganze Menschheit bezieht. Wir Europäer und alle Völker, die von Europa aus andere Länder — wie Amerika, Afrika, Australien — besiedelt haben, sprechen mit Stolz von der „abendländlichen Kultur". Wir haben in erster Linie dabei im Auge die Höhe der Wissenschaft und ihrer Tochter, der Technik, und ihre allgemeine Verbreitung. Wo außerhalb des abendländischen Kulturkreises Völkerschaften die Annehmlichkeiten des Lebens erhöhen oder vermehren wollen — es seien hier nur China, Japan, Indien erwähnt — waren und sind sie genötigt, auf den Errungenschaften der abendländischen Kultur und mit ihrer Hilfe aufzubauen. Auf allen Gebieten der geistigen Produktion ist die abendländische Kultur allen anderen Kulturen weit voraus. Sie war und ist von allen Kulturen die schöpferischste. Neben ihr kann nur die verhältnismäßig kurze arabische. Kultur einen Vergleich aushalten, auf die folgendes Argument ebenfalls zutrifft. Sollte nicht ein Zusammenhang bestehen zwischen geistiger Produktivität in schöpferischer Beziehung und der Sabbatruhe?! Ob letztere am Freitag, Sonnabend oder Sonntag stattfindet, ist für diese Wirkung wohl einerlei. Wie der Boden, dem die entzogenen Substanzen nicht wieder zugeführt werden, nach einer Reihe von Jahren landwirtschaftlicher Produktion wieder ein Jahr ruhen muß, — Sabbatjahr" — soll er seine Fruchtbarkeit nicht verlieren, so scheint auch der geistige Boden in nicht zu langem Abstand einer regelmäßig wiederkehrenden Ruhezeit zu bedürfen, wenn er schöpferische Kraft entwickeln soll. Alles Tun und Lassen des Menschen wird von Lust und Unlust bestimmt. Die Betätigungslust ist nicht die einzige, die sein Tun bestimmt, aber die vornehmste — vornehm sowohl quantitativ wie qualitativ gemeint. Wohl hat der Mensch auch Lust an der Befriedigung der physischen Bedürfnisse. Aber wenn sie befriedigt sind, hört der Genuß auf, und der Versuch1 darüber hinaus zu „genießen", erweckt Unlust, die, sozusagen selbsttätig der Befriedigung physischer Bedürfnisse eine Grenze setzt. Zeitlich sind Schlaflust, Eßlust und sämtliche anderen physischen r Bedürfnisse des erwachsenen Menschen normaliter mit zusammen etwa zwölf Stunden täglich reichlich begrenzt. Da kommen nun die restlichen zwölf Stunden des Tages und erheischen eine andere Betätigung des Menschen. An den Arbeitstagen befriedigt die Berufstätigkeit reichlich das Betätigungsbedürfnis der großen Masse der Menschheit. Kommt aber der Feiertag mit dem Gebot der Arbeitsruhe, dann entsteht die Aufgabe, das Betätigungsbedürfnis des Menschen anderweitig zu befriedigen. Wo diese Aufgabe mangelhaft gelöst ist, sehen wir die traurigen Folgen. -In England, wo Theater und Museen an Sonn- und Feiertagen geschlossen3) und die Bahnverbindungen ins Freie an diesen Tagen — gerade aus religiösen Gründen — schlecht sind, wo es aus gleichen Gründen vielfach verpönt ist, an diesen Tagen Sport zu treiben, sieht man einen großen Teil der männlichen Bevölkerung schon lange vor Oeffnung der Kneipen (die während des Gottesdienstes geschlossen bleiben), vor dem Eingang in langen Reihen „Polonäse stehen". Und diese Kneipen sind in viel größerem Maße ein Unglück für die Bevölkerung, als etwa unsere deutschen Schänkwirtschaften. Diese sind zum großen Teil Stätten, die den Besuchern Gelegenheit bieten, sich gemütlich — ein Wort, für das die englische Sprache chärakteristischerweise kein gleichbedeutendes besitzt, so daß der gebildete Engländer, wenn er es kennt und weiß, daß er verstanden wird, das deutsche Wort gebraucht — um den Tisch zu setzen, häufig, namentlich1 in Süddeutschland, mit ganzer Familie, Stätten, in denen das genossene Getränk nur Mittel ist zum Zweck des Zusammenseins und der Unter- Waltung („Kannegießerei"; —„Bierbankpolitiker"); das englische Gesetz will aber — gerade aus ethischen Gründen — den längeren Aufenthalt in der Kneipe verhindern und verbietet daher in den unteren, 3) Was die Museen anbelangt, hat sich in den letzten Jahren vor dem Kriege eine Aenderung vollzogen.