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Ost und West · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1921) · p. Seite 233 - 234

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
Article
Probleme des Judentums
Date
1921-09-01
Page
Seite 233 - 234 (sequence 4)
Language
German
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233 Probleme des Judentums 234 Das Judentum ist die größte geistig-ethische Konzeption in der Menschheitsgeschichte, und da es vereinzelt dasteht, so sieht man sich vergebens nach einer Analogie um. Es mit den zeitgenössischen Religionen zu vergleichen, ist durchaus unrichtig. Das Judentum enthält auch Religion, d. h. diese bildet eine seiner zahlreichen Provinzen; aber es ist viel mehr als Religion und bleibt daher unsterblich und für jeden gesitteten Menschen inhaltsreich, selbst wenn die religiösen Formen aufgegeben werden. Von Anbeginn bildete das Judentum eine „Lehre des Lebens" — eine Lehre, die nicht katechetisch eingeübt wurde, die nicht bloß für die „Stunde der Andacht" bestand, sondern das ganze Leben umfaßte und den Menschen in seinem Denken und Tun in Anspruch nahm. Vom Standpunkt des Judentums gibt es nichts, was jenseits der ethischen Forderung steht. .Nicht nur unsere Beziehungen zu den Mitmenschen werden von diesem ethischen Gesetz geregelt und beherrscht, sondern auch unser inneres Wesen, die Beziehungen zu uns selbst. Die denkbar objektivste wissenschaftliche Forschung bringt das Judentum in Verbindung mit dem Moralgesetz. Denn die Forschung, gleichviel auf welchem Gebiete, hat in erster Reihe der Wahrheit zu dienen; sie muß daher einer lauteren Gesinnung entspringen. Außerdem gehören ihre Ergebnisse nicht dem an, dem sie sich offenbart haben, sondern der Gesamtheit. Es gibt zwei Lehrsätze im Judentum, die vollauf genügen, um es über das Niveau der Religion im landläufigen Sinne zu erheben. Der eine lautet: Lerne die Thora lediglich um ihretwillen; du darfst damit keinen anderen Zweck verbinden, auch nicht einen moralischen. Der andere Lehrsatz lautet: Was du erforscht und ergründet hast, das teile in seinem vollen Inhalt allen anderen mit; du darfst es nicht für dich allein behalten. Wollten wir alles zusammenstellen, was sich im jüdischen Schrifttum an diese beiden Lehrsätze knüpft, so könnten wir damit einen stattlichen Band ausfüllen. Eine Lehre, die solche Postulate aufstellt, in der das Wissen eine solche Bedeutung hat, ist nicht Religion und kann nicht als solche bezeichnet werden. Es war ein verhängnisvoller Irrtum, als man unser „Talmud-Thora" in „Religionsunterricht" umwandelte. Damit begann der Niedergang des Judentums. Solange das Wissen in unserer Gemeinschaft so hoch bewertet wurde, konnte es nicht vorkommen, daß unsere Volksgenossen das Judentum wie einen wertlosen Plunder von sich warfen, daß die kleinste Unbequemlichkeit, die Scheu vor der Gemeindesteuer genügt, um eine Massenflucht aus dem Judentum herbeizuführen. Das Judentum, das eine „Lehre des Lebens" ist, hat sich, wie alles Lebendige, organisch entwickelt, und zwar, wie ich oben gezeigt habe, in voller Freiheit. Auf drei Grundsäulen beruht das Judentum: auf Wissen, Freiheit und Fortschritt. Wer an einer dieser Grundsäulen rüttelt, untergräbt und bedroht den Fortbestand des Judentums. Man sage nicht, die vom Judentum geforderte freie Forschung betreffe nur die Thora. Denn alles ist für uns Thora, alles Wissen hat einem sittlichen Zweck zu dienen: den Menschen sittlich zu heben und die Menschheit sittlich zu befreien. Unter der sittlichen Befreiung haben bereits unsere Alten alles verstanden — die Befreiung von der Unwissenheit, die der Quell alles Bosen und aller Laster ist, aber auch von jeder wirtschaftlichen und politischen Unterdrückung. Unsere Thora, d. h. unser gesamtes heiliges Schrifttum, Bibel und Talmud, lehrt und fordert die völlige Gleichheit aller Menschen, bedingungslos und ohne jede Einschränkung. Eine solche Lehre kann unmöglich in den Rahmen einer Religion hineingezwängt werden. Sie ist eine Weltanschauung, die zwar nicht jeder Mensch erfassen kann, aber nach der zu leben sich jeder bestreben soll.; * * * S c h e 11 i n g sagte einst, daß jede Zeit ihre Schwärmerei habe. Richtiger müßte es heißen: jede Zeit hat ihre geistige Strömung. Es macht dem Judentum Ehre, und es entspricht auch seiner wahren Natur, daß es sich stets mit den Zeitströmungen auseinanderzusetzen versucht. Denn in Wahrheit umfaßt es alles, und alles gehört ihm an. Unsere Zeit ist das Zeitalter der sozialpolitischen Bestrebungen. Bei deren Bewertung muß eigentlich, alles ausgeschieden werden, was nicht einem ethischen Motiv entspringt, sondern der harten Notwendigkeit, weil man eben nicht anders kann. Wird diese Sonde angelegt, wie wenig bleibt dabei, was wir als einen sittlichen Fortschritt bezeichnen dürften. Ich habe mich oben dagegen ausgesprochen, daß man das Judentum mit einem Kulturwert, es sei auch der höchste, restlos identifiziert. Es darf daher nicht gesagt werden, das Judentum bedeute die soziale Gerechtigkeit. Aber zweifellos nimmt diese in ihm einen breiten Raum ein, sie bildet eine seiner Grundlagen. Das Judentum ist der Schöpfer der sozietären Ethik, d. h. es hat zum ersten Male den Gedanken ausgesprochen, daß die Gesellschaft nicht bloß dazu da sei, um den Besitzenden im unangefochtenen Genuß seines Besitzes zu schützen, sondern auch, und dieses im starken Maße, um sich des Besitzlosen anzunehmen, natürlich auf Kosten des Besitzenden, oder richtiger gesagt: die Besitzlosigkeit aufzuheben. Es kommt darauf gar nicht an, ob das, was in dieser Beziehung in der Thora und im Talmud gefordert wird, für unsere Verhältnisse passen und ausreichen würde. Die Hauptsache ist der Geist, den diese Forderungen atmen. „Ich bin ein Geschöpf, und der andere ist auch ein Geschöpf; ich befasse mich mit

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