Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Probleme des Judentums
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 235 - 236 (sequence 5)
- Language
- German
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235 Der Rabbi von Bacherach 236 meiner Arbeit, und der andere befaßt sich mit seiner Arbeit/' Dieser in seiner Schlichtheit überwältigende Ausspruch des Talmud ist die Grundlage der sozietären Ethik des Judentums. Ich möchte dabei das bekannte Wort Hill eis anwenden: „Das ist die ganze Lehre; alles andere ist die Erklärung dazu — geht hin und lernt." In unserer Zeit glaubte man, dem Judentum dadurch einen besonderen Wert verliehen zu haben, daß man dessen ethischen Gehalt mit dem bekannten Lehrsatz Kants in Verbindung brachte: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne." Man hat aber dabei übersehen, daß Kants Postulat sich lediglich an das Individuum wendet und nichts von der gesellschaftlichen, Moral enthält. Es wäre eine lohnende Arbeit, die sozial-ethischen Lehren des jüdischen Schrifttums in ihrem vollen Inhalt und in ihrer praktischen Anwendung zusammenzufassen und sie dann auf eine Formel zurückzuführen. Ich finde vorläufig keine schönere Formel als die oben zitierte: „Ich bin ein Geschöpf, und der andere ist auch ein Geschöpf; ich befasse mich mit meiner Arbeit, und der andere befaßt sich mit seiner Arbeit." Daß alle so denken und danach handeln, daß nicht nur die Klassenkämpfe beseitigt werden, sondern auch die Klassen selbst, dahin zielen die Bestrebungen der sozietären Ethik im Judentum. DER RABBI VON BACHERACH. Kein Werk Heinrich Heitfes hat wohl die Gemüter so sehr gepackt und bis auf den heutigen Tag in Bewegung versetzt wie die wundersame Legende vom Rabbi von Bacherach, die der damals noch junge Student als eine Art Apologethik seines Judentums geschrieben, da er gerade seinem Glauben durch die Taufe den Rücken gewendet hatte. Heine wollte wohl damit dokumentieren, daß ihm der Austritt nur eine äußerliche Formensache war; doch hatte er sich darin bitter getäuscht und litt späterhin gar sehr unter dem .nicht recht vorbedachten Jugend* streich. Sein Rabbi von Bacherach offenbart aber seine jüdische Seele und den hohen poetischen Geist, dessen Schwingen sich hier übermächtig entfalten, so sehr, daß sie plötzlich er* lahmen und er nicht mehr die Kraft zur Vollendung des Werkes findet. In* mitten der höchsten Span* nung bricht der Faden plötz* lieh ab, und die Erzählung bleibt Fragment. Zitternd bleiben wir im Ungewissen, wie sich das Geschick dieser Gehetzten, Gejagten, Ge* plagten und Verzagten voll* endet; schaudernd sind wir der rasch sich entwickelnden Erzählung gefolgt, haben mit Bangen und Grauen das Entsetzliche hereinbrechen sehen, unsere guten Wünsche den Fliehenden mit auf den Weg gegeben und gehofft, daß sie dem Henkerbeile entrinnen, das mit blu* £$m wmts1: P§f ^ryp*&>*' I. BUDKO, Berlin Holzschnitt aus „Der Rabbi von Bacherach tiger Verfolgung ihren Spuren folgt. Diese Un* gewißheit erhöht noch die Wirkung der unheim* liehen Stimmung des Werkes. Auch heute noch gilt Heines Rabbi von Bacherach als eines der lebendigsten Werke des Meisters, das ein jeder kennt, jeder mit derselben Spannung liest und mit tiefer Ergriffenheit aus der Hand legt, da der Dichter uns den Fortgang der Erzählung verschwiegen. Viele Fragen entstehen — doch als Grundton bleibt das Erlebnis von Ent* setzen, Verfolgung, Seelenqual und einer bewun* dernswerten Gottergebenheit wahrer Frömmigkeit. Zu einer neuen, in muster* gültiger bibliographischer Ausstattung des Euphorion* Verlages zu Berlin herge* stellten Ausgabe der Dich* tung hat Joseph Budkp einige Holzschnittillustrati* onen geschaffen, die ganz aus ihrem Geiste empfun* den sind und als eine neue bedeutende Schöpfung des hervorragenden Schwarz * weiß * Künstlers zu gelten haben. Vier ganzseitige Blätter, ein halbseitiges, ein Titelblatt in Holzschnitt und je eine Initiale zu den drei Kapiteln schmücken das in ausgewählter Drucktype sorgfältigst gesetzte Büch* lein. Der Rabbi erscheint auf all diesen Blättern in den verschiedensten Ge* mütsverfassungen, in seinen durchfurchten Gesichtszügen lesen wir die ganze Ge* '^>~~ ..■•■„■■■■'■'■'■ ';-:,%;/*/ ■'-^l^^ ,r-&*£^> "'■'/) ^i^Pt***' /fS '::x<rr**r- 'j^gJ^