Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
- Article
- Probleme des Judentums
- Date
- 1921-09-01
- Page
- Seite 231 - 232 (sequence 3)
- Language
- German
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231 Probleme des Judentums 232 werden, weil er in der letzten Zeit, wie leider vieles andere, in Vergessenheit geraten ist. So« weit die Vergangenheit in Betracht kommt, genügt eine philosophische Behandlung der jüdischen Geschichte, um erkennen zu lassen, was das jüdische Volk im Laufe der Jahrtausende gewesen ist. Und wenn es für die Zukunft nach einem sittlichen Zweck seines Daseins forscht, so tut es das, was jeder gesittete Mensch tut oder wenigstens tun soll. Die banale Redensart von der Selbstverständlichkeit der nationalen Existenz, und daß das jüdische Volk nicht anders zu leben brauche als das französische, englische, polnische usw., kann uns nicht irre führen. Denn es wäre auch für die genannten Völker und für die ganze Menschheit viel besser, wenn sie ebenfalls nach einem sittlichen Zweck ihres Daseins geforscht hätten und weniger auf Länderraub, Unterdrückung, Ausbeutung und ähnliche „zivilisatorische" Bestrebungen ausgegangen wären. Die ganze Kontroverse, die zuweilen tragikomisch wirkt, rührt davon her, daß zwei Elemente des Judentums, die beide zusammen noch immer nicht das ganze Judentum bedeuten : Nationalismus und Religion miteinander verquickt werden. Es ist wahr, daß, wenn das Judentum lediglich -Nationalismus wäre, der Jude Tals Angehöriger des jüdischen Volkes nicht zu fragen brauchte, warum er dies sei — natürlich vorausgesetzt, daß er natjonaljüdisch fühlt. Aber dann entsteht die Frage: Wie ist es, wenn der Jude nicht mehr nationaljüdisch empfindet? Mit dem Schlagwort Assimilantentum oder Assimilationsstreberei, mit dem man so schnell bei der Hand ist, darf die Sache nodi lange nicht als abgetan gelten. Denn der nicht nationale Jude kann sich zum Weltbürgertum bekennen, wie es seit dem 18. Jahrhundert die besten Vertreter aller Völker getan haben. Nicht im nationalen Egoismus ist das Menschheitsideal zu suchen, sondern im Weltbürgertum, in der Verbrüderung aller Völker und ihrem Zusammenschluß zu einer Völkerfamilie. Im Judentum ist dieser Gedanke nicht neu, vielmehr iist dies das Ideal der Prophfeten, das im ganzen jüdischen Schrifttum, auch im offiziellen Gebet, seinen deutlichen Ausdruck gefunden hat. < Nun 'wird aber die Gegenfrage aufgeworfen: iWie ist es, wenn der Jude aufhört, jüdischreligiös zu denken und zu empfinden? Ist das Judentum nur Religion, dann müßte vor allem entschieden werden, was heutzutage als jüdische Religion verstanden werden kann? Auf diese Frage können wir sehr verschiedene Antworten hören, und überaus verwirrend wirkt die Tatsache, daß stets die eine Partei der anderen die Zugehörigkeit zum Judentum absprechen zu dürfen glaubt. Unsere Orthodoxen haben es oft ausgesprochen, daß die liberal denkenden Juden, zumal alle, die das Zeremonialgesetz praktisch für aufgehoben halten, als von der jüdischen Gemeinschaft ausgeschieden zu betrachten seien. Und für liberal denkende Juden ist vieles, was den Orthodoxen als integrierender Bestandteil des Judentums gilt, bereits überwunden und eigentlich auch unjüdisch'. Diese Gegensätze durch den Nationalismus zu überbrücken, ist bis jetzt nicht gelungen und wird wohl auch kaum je gelingen, da der Nationalismus selbst keineswegs auf so fester Grundlage beruht und ebensowenig die ganze Judenheit vereinigt, wie vorgegeben wird. Eine richtigere Lösung des Problems ließe sich' nur finden, wenn man das Judentum so definiert, wie es sich geschichtlich entwickelt hat. Es war ein verhängnisvoller Irrtum, daß man das Judentum in den engen Rahmen einer Religion hineingezwängt hat. Denn leicht läßt sich aus einer Religion eine Kirche machen, und eine Kirche kann man verlassen. Man muß sogar noch weitergehen und sagen, daß in unserer Zeit die meisten Menschen die Kirche bereits verlassen haben, gleichviel ob die formelle Austrittserklärung abgegeben wurde oder nicht. Viele, die in der Kirche geblieben sind, gehören ihr doch nicht an, die Massen sind ihr fremd. Denn sie empfinden nicht mehr religiös und noch weniger kirchlich. Und was die Gebildeten betrifft, so braucht dies gar nicht mehr gesagt zu werden. Es ist ein trauriger Notbehelf und zugleich' eine arge Heuchelei, wenn man von der Religion spricht, die dem Volk, d. h. den unteren Massen, erhalten werden müsse — zumal da es doch nicht wirkt. Das Judentumauf eine solche Grundlage stellen, heißt in Wahrheit, es in aller Form aufgeben. Aber das Judentum war niemals eine Kirche und auch niemals eine Religion im landläufigen Sinne. Diejenigen, die es dazu machen wollten, die es auf ein solches Minimum herabzudrücken bestrebt waren, haben ihm den größten Schaden zugefügt. Aus einer lebensvollen Lehre, die einen so reichen Inhalt hat, wurde ein armseliger Katechismus gemacht; das ganze Judentum wurd^ für den Synagogenbesuch, der selbst vom Standpunkt des Talmud unwesentlich ist, zugestutzt und eingerichtet. Daß dieses inhaltslos gewordene Judentum keine sittliche Aufgabe in der gesamten Menschheit zu erfüllen hat und erfüllen kann, muß zugegeben werden. Deshalb wurde das moderne Judentum in eine Verteidigungsstellung zurückgedrängt; es ist nicht bloß geduldet, sondern fühlt sich selbst so. Aus dieser Quelle entspringt die Scheu vor jedem selbstbewußten Auftreten; daraus erklären sich1 die peinlich wirkenden Rechtfertigungsversuche, die Entschuldigungserklärungen für das eigene Dasein. Daß der Missionsgedanke in unserer Zeit der Lächerlichkeit anheimgefallen ist, dies liegt nicht am Judentum, sondern an seinen Verkleinerern. * * *