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Ost und West · 1921-09-01 · Heft 9-10 (September-Oktober 1921) · p. Seite 229 - 230

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 9-10 (September-Oktober 1921)
Article
Probleme des Judentums
Date
1921-09-01
Page
Seite 229 - 230 (sequence 2)
Language
German
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229 Probleme des Judentums 230 Maimonides zu seinem religionsphilosophischen Hauptwerk, zu dem „Führer der Irrenden", mit Aufmerksamkeit lesen, um sein wahres Ziel zu erkennen. Nicht darum war es ihm 2u tun, philosophisch denkende Juden, die am Judentum irre werden könnten, in der jüdischen Weltanschauung zu bestärken, sondern im Gegenteil seine Volksgenossen, die dem Judentum treu anhingen und aus ihm heraus Scheu vor der Philosophie empfänden, von der Uebereinstimmung beider Weltanschauungen zu überzeugen. Der Widerspruch, den Maimonides" noch bei Lebzeiten erfuhr, und der sich später noch heftiger steigerte, mag zum Teil auf Unwissenheit, auf Queruleien zurückzuführen sein, aber in der Hauptsache bildet er einen berechtigten Protest gegen die Herabdrückung des Judentums zu einem philosophisch-ethischen System, das, wie die Erfahrung gelehrt hat, doch nur eine Zeiterscheinung war. Diese Episode in der Entwicklung des Judentums, über die schon viel geschrieben wurde, verdient noch immer eine eingehende Betrachtung, weil ihr Verständnis uns über viele ähnliche Erscheinungen Aufklärung bringt, die alle in einem ursächlichen und inneren Verhältnis zum Grundirrtum des Maimonides stehen und dessen Fortsetzung bilden. Es ist kein Zufall, daß in unserer Zeit Hermann Cohen, von Maimonides ausgehend, dasselbe Ziel verfolgte, d. h. denselben Fehler beging, indem er dals Judentum, dessen ethischen Gehalt, mit Kant in Verbindung brachte. Der Fehler besteht darin, daß man das Judentum in seinem Universalismus nicht erfaßt und es nach einer Einzigen Richtung hin festlegen will. Im Judentum mag vieles gefunden werden, das zu verschiedenen Zeiten als Wahrheit galt — allerdings muß man sich davor hüten, aus dem Auslegen ein Unterlegen zu machten, — aber dies sind einzelne Bestandteile des Judentums, noch immer nicht es selbst. Objektiv-wissenschaftlich soll geprüft werden, wie sich alle geistigen Strömungen zum Judentum verhalten, ohne es damit zu identifizieren. Die kantische Philosophie, auch deren ethischer Teil, kann im Laufe der Jahrhunderte das Schicksal der aristotelischen erfahren. ^Sie auf Gedeih und Verderben mit dem Judentum zu verknüpfen, widerspricht vor allem der geschichtlichen Wahrheit. Maimonides hat bei der Vollendung seines religionsphilosophischen Systems geglaubt, das Judentum für alle Zeiten auf den von ihm gewonnenen Prinzipien fundiert zu haben. Dies galt ihm für so unanfechtbar, daß er jeden Juden, der die Wahrheit jener Prinzipien anzweifeln sollte, für einen verabscheuungswürdigen Ketzer erklärte. Aber die denkenden Männer im Judentum haben sich niemals um dieses Diktat gekümmert. Nicht nur wurden die Grundprinzipien an sich freimütig erörtert und zum Teil als unwesentlich hingestellt, sondern auch die Denkfreiheit wurde gegen Maimonides verteidigt. Es ist sehr bezeichnend, daß gerade der konservativste Religionsphilosoph des Mittelalters, J o sef A1 b o, jede dogmatische Bindung des Judentums mit der größten Entschiedenheit bekämpfte und es offen aussprach, daß ein Jude, der selbst über das Wesen Gottes Meinungen hege und ausspreche, die zu der monotheistischen Grundlage des Judentums in schroffstem Widerspruch stehen, .sich wohl in einem bedauerlichen Irrtum befinde, keineswegs aber als „verabscheuungswürdiger Ketzer" zu gelten habe. i Das Merkwürdige dabei aber ist, daß Josef Albo diese geistige Freiheit, deren Verteidigung im Mittelalter eine große Seltenheit bildet — im Abendland steht sie ohne Beispiel da — mit Aussprüchen aus dem Talmud begründet. * * * Im 19. Jahrhundert hat man von der We 11mission des Judentums zu sprechen begonnen — von der zivilisatorischen Aufgabe, welche das jüdische Volk durch seine Lehre seit dem Auftreten der Propheten bereits erfüllt hat und die es auch in der Zukunft noch erfüllen wird. Den beredtesten Ausdruck hat dieser Gedanke in der schwungvollen Schlußrede gefunden, die Ludwig Philippson im Jahre 1869 auf der Allgemeinen Jüdischen Synode zu Leipzig gehalten hat. Der Missionsgedanke wurde in den letzten Jahrzehnten vielfach variiert und — stark verwässert. Anstelle des jüdischen Volkes, des Trägers des großen Menschheitsideals, wurde die „jüdische Glaubensgemeinschaft" gesetzt, die den Monotheismus zu verbreiten habe. Seit dem Beginn der nationalen Bewegung in der Judenheit ist die Missionsidee in den Kreisen der Nationalgesinnten zur Zielscheibe des Spottes gemacht worden. Achad-Haam hat in einem seiner ersten Aufsätze diese Art von Rechtfertigung für den Fortbestand des Judentums als eine moralische Knechtschaft bezeichnet, welcher die westeuropäischen Juden trotz ihrer angeblichen politischen und gesellschaftlichen Emanzipation verfallen seien. Von dieser „inneren Knechtschaft unter äußerer Freiheit" ist seitdem viel die Rede gewesen. Indessen kann auch der beste Gedanke, wenn er sinnlos nachgesprochen und dann sogar mißverstanden wird, der Lächerlichkeit anheimfallen, ohne daß dadurch seine Unrichtigkeit bewiesen wäre. Die Idee von der zivilisatorischen Aufgabe des jüdischen Volkes, von seiner Weltmission, ist keine Erfindung des 19. Jahrhunderts, sie ist vielmehr die Grundlage des jüdischen Universalismus, der von den Propheten als Postulat aufgestellt wurde und im talmudischen Schrifttum seine Entwicklung, seine praktische Anwendbarkeit, erfahren hat. Wer mit dem jüdischen Schrifttum vertraut ist, wird diesen Gedanken selbstverständlich finden. Er mußte nur deshalb nochmals ausgesprochen

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