Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Maser
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 211 - 212 (sequence 2)
- Language
- German
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211 Maser 212 Simon Levi in Peru und Mexiko besaß. Als dann das Geld endlich kam, geschah es nicht auf einmal, sondern in Raten, so daß selbst gut unters richtete Leute dem Gerücht über die großen Summen widersprachen. Und damals existierte in Kopenhagen noch keine scharf durchblickende Einschätzungskommission, die einen ehrlichen Mann ohne Bürgerbrief hinderte, über seinen Reichtümern still zusammengekauert zu hocken, ohne dafür Steuern zu entrichten, oder ihn obendrein noch im ,»grünen Buch" veröffentlichte. Also wurde Levis Wunsch erfüllt. Aber als dann die ganze Erbschaft oder der größte Teil davon eingetroffen war, machte sich Levi einer großen Inkonsequenz schuldig. Er hatte durch Neid und Schadenfreude, durch sämtliche Stimmungen, die bei dem Wechsel der Gerüchte entstanden, viel gelitten. Er war aus der Schicht, aus der Menschens klasse herausgerissen worden, der er bisher, wenn auch nicht aus Freundschaft, so doch aus jener Kameradschaft, die durch gleiche Verhältnisse ents steht, angehört hatte. Einmal war er ihnen zu reich geworden, ein andermal war er nur eine Seifenblase mit den Farben des Reichtums; dann wieder folgte eine Art Achtung, die einem, vers mögenden Manne sozial gezollt wird; aber sie war nicht von Freundschaft und Verkehr begleitet; er hatte einen Rang in einer höheren Klasse bes kommen, aber nur einen titulären Rang, die Person blieb draußen, die war und blieb der kleine Kommissionär ohne Bildung und Einfluß. Vers letzt wie er dadurch war, wollte er plötzlich den Zauberstab schwingen und in seiner ganzen Herrs lichkeit hervortreten. Er hatte bei einer Feier 500 Taler für die Armen gestiftet; aus diesem Anlaß wurde er in der Synagoge mit einer Mitzwo geehrt — der Ers füllung einer Zeremonie an der Thora —, und da derartige Angelegenheiten im voraus geregelt werden, hatte er sich auf diesen Tag vorbereiten und einen großen Festschmaus bei sich zu Hause veranstalten können. Es fehlten nur Gäste; aber die lud er in der Synagoge ein. Er wandte sich zuerst, mit Angst und Demut im Herzen, an jenen angesehenen, reichen Mann und bat ihn um die Ehre usw. Der angesehene Mann entschloß sich, da die Einladung in der Synagoge erfolgte, eine Gott wohlgefällige Tat zu tun und sich herabzus lassen; er antwortete mit seiner tiefen Gutturals stimme: „Nu warum nicht? Dies eine Mal? Ich werde kommen 1" Andere antworteten auf takts vollere Weise. Andere wiederum entschuldigten sich. Levi lud auch ein paar Arme ein, alte Bes kannte. Einer von ihnen hatte genau beobachtet, wen er zuerst einlud und erwiderte: „Ich bin zu einfach für Ihren neuen Verkehr. Gleich und gleich gesellt sich gern." Es lag für Simon eine bittere Ironie in den letzten Worten, und wider seine Gewohnheit hatte er keine passende Antwort bei der Hand. Die Gesellschaft begab sich mit ihm nach Hause, und eigentlich verlief alles sehr gut, außer für Simon. Er konnte sich zwar immer wieder sagen: „Ich bin ein Mann von zweimalhundert* tausend Talern"; aber er war nicht imstande, sich persönlich zur Geltung zu bringen und die Rolle eines Gastgebers mit Unbefangenheit zu spielen. Er wußte, daß der Gastgeber wohl der Geringste in seinem Hause sei, aber doch zugleich der Erste, daß er den angesehensten Gast auf angemessene Weise ehren solle usw. Aber jedesmal, wenn er sich dem vornehmen Gast mit dem Recht des Gastgebers nähern wollte, fühlte er sich wie in dem Schatten eines Turmes, der hoch über ihm emporragte, nicht nur im Verhältnis von 500000 zu 200000, sondern durch das Undefinierbare, durch die Autorität vieler Jahre. Unwillkürlich hatte er sich nach Verlauf von einigen Minuten in einer Ecke in ein Gespräch mit dem ärmsten Gast verwickelt. Er fühlte das Schiefe in seiner Stellung und ergriff jede Gelegenheit, das Zimmer zu vers lassen und von allem fortzukommen. Die beiden alternden Geschwister hatten im Schlafzimmer ein paar schreckliche Augenblicke. Man wollte sich an die Tafel setzen, und Simon meinte, daß Gidel hineingehen und den vornehmen Gast zu Tisch bitten sollte. Gidel wollte zwar hineingehen, fand aber, daß der vornehme Mann sie zu Tisch bitten müßte. „Wenn er es aber nicht tut, Simon?" „Wenn er es nicht tut?" sagte Simon, blaß vor Angst und Zorn und außerstande, sich zu bewegen. „Simonleben," sagte Gidel schließlich, „zu Tisch müssen sie! Geh du hinein und sag ihm: „Seid mauchel (Verzeihung), und führe ihn zu Tisch." Simon erwiderte nach einigem Zögern: „Ich will hineingehen zu ihm und sagen: Seid mauchel und wenn er mir nicht mauchel sein will — na, dann lebe ich morgen trotzdem, wenn es der Wille des allmächtigen Gottes ist." BeiTisch konnte natürlich ein Unterhaltungston, wie er auf gemeinsamen Interessen beruht, nicht herrs sehen. So hohe Bedeutung die Religion auch hat, so ladet man sich doch weder in der Kirche, noch in der Synagoge wahllos Gäste ein. Aber es ist in der Regel zwischen zufällig zusammengebrachten Juden etwas Gemeinsames, woran sich die Unterhaltung halten kann, und das ist das Interesse für „polnische" Witze. Eine sonderbare Naivität, mit Schlauheit, Unverschämtheit, treffendem, zündendem Witz und Selbstironie gemischt, scheint vorzugsweise die polnischen Juden zu kennzeichnen, und Anekdoten über sie werden von der Leipziger Messe über all