Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Maser
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 209 - 210 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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209 Maser 210 MASER. Erzählung Meier Aaron Goldschm (Aus dem Dänischen) II. dt „Nu müßte es mit zollgroßen Lettern an mir geschrieben stehen: Hier kommt ein Mann mit zweimalhunderttausend Talern, — dann wollten wir sehen! Was wollten wir sehen? Nichts wollten wir sehen! Sie würden fragen: „Simon, wo sind die zweimalhunderttausend Taler?" Seine Nachbarn, kleine Leute wie er selber, begrüßten ihn mit dem Wunsch für einen guten Sabbat. Da der eigentliche Gottesdienst noch nicht angefangen hatte, war noch eih bißchen Zeit, ein* ander zu fragen, wie die Woche verlaufen sei. Einer zuckte gemütlich die Achseln und sagte, man müsse mit dem zufrieden sein, was einem vergönnt werde. Ein anderer stöhnte über die schlechten Zeiten. Ein dritter erzählte, daß er am vergangenen Tag ein unerwartet gutes Geschäft gemacht und zwanzig Taler verdient hätte. — „Bar?" fragte Simon Levi. »Ja/* - „Pscht, — das ist mehr, als ich von mir sagen kann!** Diese Zweideutigkeit amüsierte ihn, aber ihm war sonderbar zumute: wie einem Königssohn, dessen Abstammung entdeckt worden ist, und dessen Geburtsbeweise beim Könige zur Entscheidung waren, oder wie einem Vogel, dessen Flügel wuchsen, und der bald hoch fliegen würde, zum allgemeinen Erstaunen derer, die ihn für einen kleinen, buckligen Kommissionär gehalten hatten. Wie es uns oft geht, wenn wir uns etwas für uns selber wünschen, (Jas Herz scheint, vor inner* licher Liebe zu Gott, der uns das Ersehnte geben kann, zu schwellen, — so wurde Simon religiös ganz gerührt und versprach in großen, aber un* bestimmten Zügen, was für ein Mann er der Synagoge und der Gemeinde werden wollte. Da kam ein Mann herein, von dem er wußte, daß er eine halbe Million besaß. Es war ein an* ansehnlicher, starker Mann, selbstbewußt anzu* sehen, aber zugleich mit einem Ausdruck von Ernst und Frömmigkeit im Gesicht. Er ging nach seinem Platz am Gebetpult. Eine Jungfer, die von der Galerie aus ihren Liebhaber eintreten sieht, hätte ihm nicht mit größerer Aufmerksamkeit folgen können als der der kleinen scharfen Augen Simon Levis, die jeden Schritt dieses Mannes verfolgten. Er wurde nicht mit sklavischer Ehrerbietung empfangen. Niemand nickte ihm tiefer zu als er jemandem; aber trotzdem lag in dem vertraulichen Blick, mit dem die Vornehmen grüßten, in der Achtung, die gleichsam in der Atmosphäre des Mannes lag, etwas, wovon Simon Levi sagte, daß es nicht durch zweimalhunderttausend Taler oder mehr erworben werden könnte, sondern gleich* zeitig durch Geburt, Familienverhältnisse und die Wirksamkeit eines ganzen Lebens bedingt ist. Am nächsten Morgen fuhr er zu den alten Caröes, um etwas zu erfahren. Er wollte sich, wie es schien, der Entscheidung auf möglichst weitem Umweg nähern. Sie antworteten, daß zwar eine Anfrage gekommen wäre, da aber Ferdinand und seine Frau verreist wären, wüßten sie weiter nichts, als daß Ferdinand jedenfalls eine Erbschaft aus Südamerika zugefallen sei. Levi holte tief *\tem. Hier trat ihm also die Sache in Gestalt der Wirklichkeit entgegen: Er sagte: „Ich frage, weil es mich interessiert, daß Herr Caröe reich wird, und weil ich bei dieser Gelegen* heit auch etwas abbekomme." „Teilen Sie nicht gleich mit Ferdinand?" fragten sie. „Ich bekomme ja was; aber drüben in Amerika sind große Halunken, und ich bekomme nur zwanzigtausend Taler. Auch ganz schön! Ich bin sehr zufrieden!" Die leichtgläubigen Caröes nahmen das für Wahrheit, und Levi war überzeugt, daß, wenn die Sache von dieser Seite erzählt würde, sie nach seinem Wunsch ausfiele. Aber er konnte nicht verhindern, daß sich das Gerücht in Kopenhagen bald verbreitete und nicht nur die Wahrheit berichtete, sondern sie weit übertrieb. Als kluger Mann wollte er nicht gegen den Strom schwimmen, wenn er am reißend* sten war. „Jawohl," sagte er, „ich werde erben eine Million. Wollen Sie mir geben neunmalhundert* tausend Taler dafür?" Wenn jemand kam und fragte, ob es nicht zweimalhunderttausend Taler wären, dann erwiderte Levi: „Wollen Sie mich foppen? Gönnen Sie mir nicht mehr als zweimalhunderttausend Taler? Es sind dreimalhunderttausend Taler, und Stallung und Wagenremise und alles frei. Bitte besuchen Sie mich, wenn ich meine Wagenremise bekommen habe." Schlau war er, aber er hatte auch mit ge* rissenen Leuten zu tun, die die Spur nicht so leicht verloren, auch wenn er versuchte, sie auszulöschen. Verschiedenes kam indessen hinzu, was die Leute unsicher machte. Lange dauerte es, ehe das Geld wirklich eintraf, so lange, daß man schon anfing, über die Gold* und Silberminen zu lächeln, die