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Ost und West · 1921-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1921) · p. Seite 189 - 190

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1921)
Article
Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
Date
1921-07-01
Page
Seite 189 - 190 (sequence 3)
Language
German
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189 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 190 Haupt—Seite der Forderung „Sozialisierung des Arbeitsprozesses". Die andere Seite, die sich auf den Nutzen aus dem Arbeitsprozeß bezieht; kommt bei ihm erst in zweiter Linie. Ein charakteristisches Beispiel Safür, daß die menschliche Natur von der Arbeit an sich nicht zu befriedigen ist, sondern nach schöpferischer Arbeit verlangt, findet sich in einem Zeitungsartikel über Straßenbahnen, mit der Ueberschrift: „Neubauten, ein Mittel zur Steigerung der Arbeitsfreude"5). Dort wird ausgeführt: „Ein Beispiel von der gewaltigen Verteuerung des Straßenbahnbetriebes liegt aus Breslau vor, wo die Stadtverordneten soeben 600 000 M bewilligten — nur für die Anschaffung von sechs neuen Anhängewagen. Die Stadt Breslau hat aber auch aus einem ganz besonderen Grunde geglaubt, diese Ausgabe wagen zu sollen: nämlich um die Arbeitsfreude ihres Personals zu erhöhen. Dieses ist der ewigen Flickarbeiten müde und geht, wie der zuständige Dezernent mitteilte, mit wahrem Feuereifer an den Neubau der sechs Wagen, die in der eigenen städtischen Werkstatt hergestellt werden. Für die Psychologie der Arbeit ist diese Tatsache sicherlich von höchster Bedeutung. Es mag sicherlich eine der Ursachen der Depression in ,der Arbeiterschaft sein, daß ihr vielfach das belebende Moment des Neuschaffens nicht geboten werden konnte." Wir haben oben die Auffassung Hirschs vorgetragen, nach' der die Gottesebenbildlichkeit des Menschen den Sinn haben soll, daß er in solcher Hülle gebildet sei, wie Gott sie für sein Erscheinen auf Erden wählen würde, wenn er auf Erden erscheinen wollte. Wir können nach unseren bisherigen Ausführungen jetzt sagen: „umgekehrt wird ein Schuh daraus". Die EbenbildJichkeit des Schöpfers, der Schaffensdrang des Menschen, seine Schöpferaufgabe, vernotwendigte gewisse Formen, Eigenschaften und Gaben. Vor allen Dingen mußte er mit Werkzeugen ausgestattet sein, mit denen er die geplanten Werke ausführen konnte. Dazu bedurfte es der oberen Extremitäten, deren Bewegungsfreiheit nicht durch andere Extremitäten, deren Funktion als „Werkzeug" nicht durch andere Funktionen behindert , werden durfte. Aus letzterer Vorbedingung ergab sich, daß das „Werkzeug" nicht zugleich (wie beim Affen) der Fortbewegung dienen durfte, aus ersterer Vorbedingung, daß außer der Mindestzahl (zwei) von Fortbewegungsextremitäten keine anderen Extremitäten vorhanden sein durften. Aus beiden Vorbedingungen zusammen ergab sich die Notwendigkeit der aufrechten Gestalt und aus dieser die Notwendigkeit des nach oben gerichteten Antlitzes bzw. Kopfes. Eine weitere Folge der Schaffensaufgabe war die Begabung mit einem Denkvermögen, das allerdings nicht nur dem Menschen eigen ist, das aber zur Erfüllung seiner Schöpfungs- und Schaffensaufgabe weiter reichen mußte als beim Tier, mit dessen viel begrenzterem Aufgabenkreis. Es soll also nicht bestritten werden, daß die geistige Begabung des Menschen größer ist als .diejenige des Tieres; sie unterscheidet sich aber nur dem Grade, nicht dem Wesen nach von der geistigen Begabung des Tieres. Und daß diese Auffassung auch den Propheten nicht fremd war, beweist die Stelle in Jona6), wo der König von Niniveh befiehlt, daß Mensch' und Vieh fasten, sich in Sack hüllen und Gott anrufen sollen. Die Gottesgleich hei t ist in keiner Beziehung erreichbar. Wenn die geistige Begabung von Mensch und Tier nur dem Grade ,und nicht dem Wesen nach verschieden ist, kann nicht im Gegensatz zum Tier die Gottebenbildlichkeit des Menschen in seiner Geistigkeit liegen. Eine dritte Folge, welche die Schöpferaufgabe des Menschen mit Notwendigkeit für seine Begabung hatte, war die Sprache in Wort und Schrift. Der Einzelne vermag nur in geringem Umfange zu schaffen. Das Schaffen im großen — in dem Maße, wie es zur Ernährung, Bekleidung und Behausung des Menschen notwendig ist — erfordert die Organisation der Arbeit. Für sie ist, wo sie nicht triebhaft erfolgt, wie bei der Biene, die Sprache eine Vorbedingung. Auf einem Jahrtausende alten ägyptischen Bilde, das veranschaulicht, wie die Riesenbaublöcke einer Pyramide transportiert wurden, sehen wir eine schier endlose Kette von Männern an einem Seil ziehen. Wir sehen sofort: das sind die „Arbeitsbienen", die nach bestimmten Plan hantieren, dessen Schöpfer wir nicht sehen. Wir empfinden beim Anblick: ohne Sprache ist die Arbeit nicht zu organisieren, ohne Sprache und schriftliche Behelfe ist die technische Grundlage des Baues nicht zu schaffen. Ohne Sprache und ohne Schrift konnte die Schöpfung des Einzelnen und die Schöpfung einer Generation nicht von anderen Einzelnen und späteren Generationen weiter fortgeführt werden, würde es keinen menschlischen Fortschritt geben. Sprache und Schrift ermöglichen erst eine Schöpfertätigkeit der Menschheit als Ganzes. Sie erst ermöglichen eine endlose Schöpfertätigkeit des Menschen, die das Bestehende zu immer größerer Vollendung führt, für eine wachsende Zahl von Menschen die lebensnotwendige Arbeitszeit verringert und die so gewonnene für Lebens- 5) „Hamburgischer Correspondent", Mittagsblatt vom 4.August 1920. <0 Kap. 3, V. 7 u. S.

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