Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 187 - 188 (sequence 2)
- Language
- German
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187 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlicbkeit des Menschen 183 Verschiedenheit einer körperlichen Ebenbildlichkeit im Wege ist, ist ihr im Wege, daß bei einer Ebenbildlichkeit mit der Gottheit, bei der Strenge mit der die Thora jede Verkörperlichung der Gottheit perhorresziert — eine körperliche Ebenbildlichkeit überhaupt nicht gemeint sein kann. Also eine geistige? Wenn darin allein die Ebenbildlichkeit bestände, wäre auch das Tier im Ebenbilde Gottes geschaffen. Ich sah noch erst vor kurzem, wie ein von einem Hunde begleitetet junges Mädchen diesem an einer Straßenecke durch eine Handbewegung ein Zeichen gab, in entgegengesetzter Richtung als sie kamen, umzukehren. Der Hund zögerte; offensichtlich, weil er seine Herrin weiterbegleiten wollte. Eine nochmalige energische Handbewegung genügte aber, um den Hund zu bewegen, in der Richtung, aus der er gekommen war, allein zurückzukehren. Der Hund hatte also verstanden, was seine Herrin von ihm verlangte. Warum verstand der Hund? Weil er Verstand hat. Und bei manchen Tieren ist dieser so scharf, daß sie schlaue Mittel, ja Rachepläne ersinnen und ausführen. Das Geistige allein kann also die Ebenbildlichkeit des Menschen zur Gottheit nicht ausmachen. Welche Eigenschaft ist es denn, die die Ebenbildlichkeit des Menschen zur Gottheit begründet? Offenbar diejenige Eigenschaft, die wir von letzterer zuerst kennen lernen: Die Schaffenslust. Sie ist dem Tiere fremd, der Mensch' aber kann ohne Betätigung nicht leben, wenigstens nicht als Mensch leben, so zwar, daß nächst der physischen Qual, die über begrenzte Stärke und Dauer hinaus kein lebendes Wesen ertragen kann, die Unmöglichkeit jeglicher Betätigung für ihn die härteste Strafe ist, die, bei schweren Verbrechern angewandt, in der Regel dahin führt, daß der sie erleidende unter das Niveau des Tieres herabsinkt, indem er den Verstand verliert. Wenn das im äußersten Maße nicht bei allen Individuen der Fall ist, die lange in Einzelhaft ohne Beschäftigung gelassen werden, so dürfte dies daran liegen, daß diese sich einer uns unbekannt gebliebenen Beschäftigung hingegeben haben. Bekannt ist ja die Geschichte des beschäftigungslosen Einzelgefangenen, der seinen Wärter im Zorn darüber erschlug, daß er ihm seine einzige Beschäftigung raubte: eine Spinne, die ihm Gesellschaft leistete. Nicht das Schaffen an sich, das heißt die Anwendung physischer Kraft bei Ausführung eines geplanten Werkes, ist das der menschlichen Natur unumgänglich Notwendige, sondern die Tätigkeit des Geistes, die bei jedem Werk dem Sch'affen vorangeht und die Anwendung der physischen Kraft bei Ausführung des Planes begleiten muß. Und analog der Schöpfertätigkeit ist auch beim Menschen der Geist der einzige Produktionsfaktor; alles andere, wie Naturprodukte, Arbeitskraft, Kapital sind nur Produktionselemente, die der menschliche Geist zur Schaffung von Gütern verwendet. „Es ist der Geist, der sich den Körper baut" —- — auch beim Menschen, und dieser Geist ist lebendiger Geist ü«n nötrj (»nischmat chajim"), beseelter Geist, der nicht ruhen kann, sondern nach Betätigung lechzt, (ein Drang, der Gewähr dafür bietet, daß auch jener Geist nicht ruht, dessen Kind er ist, jener Geist, von dem der Psalmist singt: it?" x^i 013^ („lo janum welo jischän".) Dieser Betätigungsdrang des menschlichen Geistes ist in den letzten Jahrzehnten, und insbesondere im letzten Jahr, ein schweres volkswirtschaftliches Problem geworden. Vor etwa zehn Jahren verlangten australische Arbeiterorganisationen eine Verkürzung des Arbeitstages mit der Begründung, daß die Mechanisierung des Arbeitsprozesses die menschliche Arbeit zu einer so „geistestötenden" Beschäftigung gemacht habe, daß der Geist — nicht der Körper — sie nur noch bei verkürzter Arbeitsdauer ertragen könne! Sie verlangten also die Verkürzung der Arbeitszeit nicht um Körper und Geist eine Verlängerung der Ruhe zu verschaffen, sondern — man kann getrost sagen im Gegenteil — um dem Geist die Möglichkeit einer längeren Betätigung bei anderweitiger Beschäftigung außerhalb des Arbeitsprozesses, bzw. der Berufstätigkeit, zu ermöglichen. Die Schaffensfreude wird eben beim Menschen — ganz im Ebenbilde Gottes — nicht bewirkt durch Anwendung der physischen Kraft, sondern durch Anwendung der geistigen. Nur insofern das Planen und Ausführen seiner täglichen Beschäftigung — eventuell in Ausübung seines Berufes — seinen Geist beschäftigt, .befriedigt diese gleichzeitig auch sein Betätigungsbedürfnis. Scheinbar ist der Geist das Mittel, um die physische Arbeit bewerkstelligen zu können, in Wirklichkeit aber ist die physische Arbeit das Mittel, um den Geist zu beschäftigen. Wäre die Arbeit an sich das Ideal, dann wären Biene und Ameise und nicht der Mensch das Ebenbild Gottes. War der Arbeiter zur Zeit handwerksmäßigen Betriebes Herr des Arbeitsprozesses, so sind heute große Massen der Arbeiterschaft Sklaven der Maschine, deren Gange zu folgen der Arbeiter gezwungen wird; er hat seine Selbständigkeit verloren^, seine Freiheit. Er kann sich nicht mehr betätigen, kann nur noch erzwungene Bewegungen ausführen, die keine geistige Tätigkeit erfordern, ja keine geistige Tätigkeit gestatten! So wurde er zum Arbeitstier. Dagegen bäumt sich sein Menschentum auf, und dies kommt zum Teil in der Forderung des Mitbestimmungsrechtes über den Arbeitsprozeß zum Ausdruck. Der Arbeiter will wieder selbständig, will wieder schöpferisch tätig sein; sich betätigen. Das ist die eine — die