Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1921-07-01 · Heft 7-8 (Juli-August 1921) · p. Seite 191 - 192

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 7-8 (Juli-August 1921)
Article
Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
Date
1921-07-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2583875-2584101-2584105-2607371--18253-2607402
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

191 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 192 genuß, geistiges Leben und seelische Befriedigung frei macht. Und einen Teil des geistigen Lebens und des Lebensgenusses der Geistigen, bildet hinwiederum die Entwicklung der Sprache selbst. Die Sprache in Wort und Schrift hat sich der Mensch geschaffen, damit sein schöpferischer Geist seine Absichten den ausführenden Händen („hands") mitteilen könne, und damit die kommenden Generationen da weiter bauen können, wo die vorhergegangenen die „Entwicklung', hinterlassen haben, so daß die ganze Menschheit durch die Jahrtausende eine schöpferische Funktion verrichtet, indem die kommende Generation weiter führt, was die vorangegangenen ^geschaffen" haben. Daher der Fortschritt in der Technik, in der menschlichen Behausung, im menschlichen Verkehr, in allen menschlichen Dingen. Auch der Vogel baut sein Nest, der Biber und der Fuchs seinen „Bau1', die Biene ihre Zellen. Aber die Tiere bauen ohne fortschrittliche Veränderung durch die Jahrtausende noch immer, wie vor Jahrtausenden, weil ihnen die schöpferische Ader fehlt. Daß es ihnen nicht an Verstand und Denkvermögen fehlt, beweisen ihre Bauten, deren Kunst oft die Bewunderung des Menschen erregen. Da sie aber nicht schöpferisch tätig zu sein brauchen, bedürfen sie auch keiner Sprache. Der Mensch aber, dessen Drang und Aufgabe das Schaffen ist, baut auch seine Sprache weiter aus, so daß sie nach Generationen so wenig mehr die frühere ist, wie seine Behausung. Wir sprachen in der Einleitung davon, daß der Talmud keine Erklärung der Gottesebenbildlichkeit des Menschen enthalte. Wohl aber enthält er eine Stelle, die mit der von uns vertretenen Auffassung harmoniert. Die Thora begründet das Gebot der Sabbatruhe damit, daß Gott am siebenten Tage mit seinem Schöpfungswerk aufgehört habe. („Ki bo schabat rnikkal melachto ascher bara".) Die Gottesebenbildlichkeit des jüdischen Menschen soll sich also auf das Unterbrechen seiner Schöpfungstätigkeit am siebenten Tage mit erstrecken. Dementsprechend ist nach dem Talmud auch nur die schöpferische Tätigkeit am Sabbat strafbar, und nicht die Tätigkeit, die Arbeit an sich. Das maßgebende Beispiel, das der Talmud hierfür anführt, lautet:7) „Wer eine Grube gräbt, nur weil er der Erde bedarf, macht sich nicht strafbar/' Die Erde war schön geschaffen, das Herausnehmen derselben ist also keine schöpferische Tätigkeit. Ist das Entstehen der Grube bei dieser Manipulation, wenn auch eine unvermeidliche, doch eine nicht beabsichtigte Wirkung gewesen, so hat keine schöpferische Absicht bestanden und dieselbe Arbeit ist straffrei, die strafbar ist, wenn sie auf das Schaffen einer Grube abzielte. Hiermit jst also anerkannt: nicht die Arbeit an sich ist dasjenige, was die Sabbatheiligung verletzt, sondern nur die schöpferische Arbeit. Nicht in der Arbeit an sich liegt die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, sondern erst in der schöpferischen Arbeit. Auch das Tier arbeitet, aber es verrichtet keine schöpferische Arbeit. Schöpferisch arbeitet nur der Mensch. Und er ist nicht nur bewußt schöpferisch tätig, er empfindet solchen Drang zur schöpferischen Tätigkeit, daß' er sich' ihm nicht entziehen kann und ihm nicht entzogen werden kann, ohne daß auch sein Menschentum dabei zugrunde geht. Nicht der Verstand „ist der Vorzug des Menschen vor dem Tiere", den besitzen Menschen und Tiere in sehr verschiedenem Grade, aber den Drang zur schöpferischen Tätigkeit besitzen auch die Menschen mit geringerem Verstand und haben ihn immer besessen, während auch die Tiere mit scharfem Verstand ihn nie besessen haben. Nicht im Verstände liegt die ' Gottesebenbildlichkeit des Menschen,, sondern im Trieb zu schöpferischer Tätigkeit und darin, daß der Verstand des Menschen auf sie gerichtet ist. Derjenige, der nicht an die Schöpfung glaubt,, oder die Thora für Menschenwerk hält, wird natürlich „den Spieß umdrehen" und sagen: Weil der Schaffenstrieb nächst der Befriedigung der natürlichen Bedürfnisse — vielleicht gar noch vor ihnen — der stärkste menschliche Trieb ist, hat der Mensch „seinem" Schöpfer diesen Trieb imputiert und ihn an die Spitze seiner Schöpfung: und an die Spitze seiner Schöpfungsgeschichte gestellt. Aber dann erst recht ist mit der Gottesebenbildlichkeit der Schaffenstrieb des Menschen gemeint. 7) Beza, S. 8.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.