Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen?
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 185 - 186 (sequence 1)
- Language
- German
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185 Was bedeutet in der Schöpfungsgeschichte die Gottesebenbildlichkeit des Menschen 186 WAS BEDEUTET IN DER SCHOPFUNGSGESCHICHTE DIE GOTTES¬ EBENBILDLICHKEIT DES MENSCHEN. Von R. E. May, Hamburg. I. Goethe sagt einmal: „Alles Vernünftige ist schon gedacht worden, est ist nur die Kunst, es wiederzudenken." Dennoch findet sich, obgleich die Bibelerklärung Jahrtausende alt ist, nirgendwo diejenige Erklärung für die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, die mir die nächstliegende zu sein scheint Und da ich sie mit guten Gründen zu stützen vermag, wage ich' es, trotz des Goetheschen Ausspruches, der mich der Gefahr aussetzt Unvernünftiges vorzubringen, sie vorzutragen. Zugleich' aber will ich mich mit den bisherigen Erklärungen auseinandersetzen. Wie mir von sachverständiger Seite versichert wird, enthält der Talmud nirgendwo eine Aeußerung zu unserem Thema. Der erste, von dem wir wissen, daß er sich' dazu geäußert hat, scheint Rasch'i (1040—1105) gewesen zu seh?, und zwar scheint es, daß er dabei seine persönliche Meinung wiedergibt. Er drückt sich' aber so unklar und widersprechend aus, daß nicht recht zu ersehen ist, was er gemeint hat. Während er zu V. 26 „bezalmenu" erklärt: „nach1 göttlicher Form" („bidefus sch'elanu"), erklärt er zu V. 27 „bezaknau": „in der Form, die für ihn gemacht ist", also für den Menschen („bidefus heasui lo"), und zu den folgenden Worten des Verses „bezelem elohim. bara ötho": „Die für ihn bestimmte Form, war auch' die Form des Schöpfers". „Kidmutenu" (V. 26) erklärt er aber deutlich mit „Einsicht und Verständnis". Auch1 nach Aben Esra1) (1093—1167) ist die Ebenbildlichkeit geistig aufzufassen. Und zwar scheint es, daß dieser doch recht allgemeine Ausdruck — denn was kann nicht alles unter geistig verstanden werden — von ihm im Gegensatz zu denjenigen ausgesprochen wird, die die Ebenbildlichkeit („Zelem") körperlich aufgefaßt haben. 'Wir werden in dieser Auffassung durch Maimonides (1135—1204) bestärkt, der in seinem (um das Jahr 1190 verfaßten) Moreh-Nebuchim2) sagt: „Es haben von lange her verschiedene Denker die Meinung gehabt, daß „Zelem" im. Hebräischen die Gestalt und Umrisse eines Dinges bezeichne. Dieses würde dann auf die Verkörperlichjung Gottes hinführen. „Zelem" bezieht sich *) Komentar zur Genesis. 2) „Der Begriff von „Zelem" ist der Begriff der Wesenheit durch Weisheit und Wissen". nur auf die natürliche innere Form, nämlich dasjenige, was das Wesen eines Dinges ausmacht, nur auf die spezifische Form, nämlich das der Vernunft eigentümliche Denkvermögen3), nicht aber die äußere Gestalt und Form." Trotzdem aber finden wir — erstaunlicherweise — bei keinem geringeren wie S. R. Hirsch eine eher der letzteren Auffassung zuneigende Erklärung. In seinem Kommentar zur betreffenden Stelle bezieht er sich auf den Jeschurun4), wo es bei ihm heißt: „wir wollen einen Stellvertreter in einer uns entsprechenden Hülle bilden, (d. h. in einer Hülle, die wir für unsere Erscheinung auf Erden wählen würden, wenn wir auf Erden erscheinen wollten"). Diese Erklärung, die mir von Kommentatoren solcher Religionsbekenntnisse verständlich wäre, bei denen das Erscheinen Gottes auf Erden in menschlicher Gestalt einen Bestandteil der Religion bildet, scheint mir für einen jüdischen Kommentator die abwegigste zu sein und ist mir bei einem Kommentator der geistigen Fülle eines Hirsch1 unbegreiflich. Sehen wir uns den Wortlaut der Schöpfungsgeschichte etwas näher an: „Im Anfang schuf Gott". Das erste, was wir von der Gottheit erfahren, ist: Gott schuf. Und dann hören wir von ihm, durch alle Schöpfungsperioden hindurch, den Ausdruck der Befriedigung: „Und Gott sah, daß es gut war", eine Befriedigung, die beim Uebersch'auen des ganzen Schöpfungswerkes noch eine Steigerung erfährt: „Und sieh'e!, es war sehr gut!" Die erste Eigenschaft, die wir von der Gottheit kennen lernen, ist also die Schaffensfreude! Logischerweise ist ja auch die Lust zum Schaffen dte Voraussetzung für das Schaffen; dann aber muß ebenso logischerweise das Gelingen des Werkes Befriedigung gewähren. Bevor Gott aber den Ausdruck seiner hohen Befriedigung über das ganze Schöpfungswerk äußert, verkündet er die Absicht, den Menschen zu schaffen „in unserem Ebenbilde, nach unserer Aeh'nlichkeit" und wiederholt nach Ausführung dieser Absicht nochmals, „im Ebenbilde Gottes schuf er ihn, Mann und Weib schuf er sie". Beide also sind trotz Verschiedenheit der Gestalt im Eben-, bilde Gottes geschaffen. Aber bevor noch diese 3) Aehnlich Mendelsohn (Bir zur Stelle). «) VIII, S. 526.