Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 179 - 180 (sequence 6)
- Language
- German
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179 Mose' 180 doch einander so fremden Bestimmungen aus den Gesetzen von Mose und von Hammurabi. wie tief Mose in der Kulturwelt des alten Orients wurzelt, und wie weit er sich davon entfernt hat, wie sehr auch seine Thora Bedeutung für alle Ewigkeit verlangt und fordern darf. Iii. Was auch Mose geschaffen hat, er hat es durchgeführt gegen den verzweifelten Widerstand seines Volkes. Er war ja keiner jener „Führer", die selber die Geführten sind und knieen vor der Majestät der Masse. Eigentlich hat er erst das Volk geschaffen und aus Stämmen und Familien seine Einheit zusammengeschmiedet. Nach seinem eigenen Worte und in Wahrheit ist er mit ihm schwanger gegangen und hat es geboren. Sein Volk hat sich wütend gegen ihn gewehrt, hat ihn gehaßt und verleumdet. „Es fehlt wenig, und sie werden mich steinigen", hat er einmal geklagt. Er war zu Zeiten der verhaßteste Mann im ganzen Lager. Jenes Schicksal, das dem Jesajah, dem Sacharjah und noch so manchem andern unter seinen Jüngern, den Propheten, beschieden war, der gewaltsame Tod durch das Volk, dem alle ihre Arbeit und ihre heiße Liebe galt, lauerte oft auch auf ihn. Er brauchte das ganze mächtige Selbstgefühl, das ihn vor allen anderen Menschen auszeichnete, um seiner ungeheuren Aufgabe gewachsen zu sein. Dieses beispiellose Selbstvertrauen aber äußerte sich in einer doppelten Form, als die tiefste Demut und als die höchste Energie, Die Schrift rühmt ihm nach, er sei der bescheidenste aller Menschen gewesen. Und in der Tat, er legt keinerlei Wert auf irgendwelche Ehrung, er ist wie unempfindlich gegen persönliche Beleidigung und ganz frei von Neid. Nur diese reine, von Mißgunst und Ehrsucht freie Seele kann sich wünschen, daß das ganze Volk des Ewigen aus lauter Propheten bestehe, und daß in ihrer Mitte der Ewige sein möge. Er ist in sich so unbeirrt und so ganz fest gegründet, daß er die Bestätigung seines Wertes durch die Menschen nicht braucht und nicht verlangt. Und so ist es gerade die höchste innerste Stärke, die ihn zum bescheidensten aller Menschen macht. Mit dieser Demut aber verbindet sich eine gleich beispiellose Kraft und Freiheit von Rücksicht. Mose war kein Mann des Friedens. Neben ihm lebte einer, sein Bruder Aharon, der die Friedensliebe und die Güte selber wan Gegen seinen Willen und gegen seine bessere Überzeugung hat er ja dem Volke schließlich, während Mose auf dem Sinai weilte, das goldene Kalb gegossen, und eben durch diese Liebe zum Frieden, durch diese Scheu vor einer festen Beharrlichkeit, durch diese gütige Nachsicht das schwerste Unglück über die Stämme gebracht. Mose aber war ein Kämpfer, und hat sich mit einer furchtbaren Gewalt durchgesetzt. In seinem Wesen tritt ein Zug gewaltig hervor, sein ungeheurer Zorn. Wie er in seiner Jugend einen Ägypter erschlagen hat, wurde schon erwähnt. Das Alter, hat ihn nicht milder gemacht. Als das Volk das goldene Kalb verehrt, versammelt er rasch den Stamm Leyi um sich und gäbt ihm die Losung: „Erschlage jeder seinen Bruder, seinen Freund und seinen Verwandten". Aber durch diese eherne Strenge allein heilt er das schwere Unglück und ist in seinem gewaltigen Zorn der Wohltäter seines Volkes, mehr, als Aharon mit aller seiner Müde und Freundlichkeit. Noch erhabener ist seine Erscheinung einen Augenblick vorher: „Als er sich dem Lager näherte und das Kalb und die Reigentänze sah, da entbrannte der Zorn von Mose und er warf aus seinen Händen die Tafeln weg und zerschmetterte sie unten am Berge0. Niemals war er mehr der getreue Knecht Gottes, als in diesem Augenblick, da er die Offenbarung lieber vernichtet, als daß er sie seinem Volke übergäbe, das ihrer nicht würdig ist, und durch nichts hat er die Thora mehr in den Herzen des Volkes befestigt, als durch die Trümmer, in die er sie geschlagen. Das hat auch der Talmud erkannt, wenn er es ausspricht, manchmal könne die Vernichtung der Thora ihre wahrhafte Erhaltung sein, und der Midrasch, wenn er behauptet, Gott habe dem Mose dafür gedankt, daß er die Tafeln zerbrochen habe, und das jüdische Volk, das nach der talmudischen Überlieferung in der Bundeslade neben den erneuerten Tafeln auch die Trümmer der ersten aufbewahrt hat. Ganz anders haben die großen Kritiker der modernen Kultur die erhabene Erzählung der heiligen Schrift aufgefaßt. Als der gütige Schöpfer neuer Werte erscheint das Bild von Mose bei Friedrich Nietzsche: ,,Siehe, hier ist eine neue Tafel; aber wo sind meine Brüder, die sie mit mir zu Tale und in fleischerne Herzen tragen?". Und auch dieses Bild trifft zu. Seinen Zorn und seine Liebe und alle die schwere Bürde, die ihm auf die Schultern gelegt war, hat Mose ganz allein tragen müssen. Er war allein, unverstanden auch von seinen Nächsten, viel angefochten in seiner Familie, verkannt und beleidigt von Bruder und Schwester, nicht glücklich mit seinen Söhnen, von denen wir weiter nichts vernehmen, und die ihm wohl auch nicht geglichen haben. Mit Arbeit ist er überbürdet bis zum Zusammensinken. Ein Verwandter trifft ihn, wie er zu Gericht sitzt, vom Morgen bis in den sinkenden Tag umlagert von den Parteien, und er prophezeit ihm: Du mußt zugrunde gehen. Trotzdem trägt er die Last und die Bürde und den Streit des ganzen Volkes Tag für Tag. Immer ist er mit ihnen vereint durch seine ungeheure Arbeit, aber auch nur durch sie. Sonst hat er nichts mit ihnen gemein und weilt unter ihnen wie ein Fremder. Er wohnt nicht unter ihnen, sondern auch das gehört zu seinem Bilde, daß er seine Zeit außerhalb des Lagers aufschlug. An seiner Arbeit und dem Undank der Menschen hat er bitter schwer getragen, aber er hatte auch die Kraft, seinem Leid und seinen Schmerzen Luft zu machen. Wie ein Staatsmann heute um seine