Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 7)
- Language
- German
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181 Josef Israels 182 Abschied bittet, wenn seine Kraft erschöpft ist, so fleht Mose um seinen Tod. ,,Warum hast Du Deinem Knechte so Böses angetan, und warum habe ich nicht Gunst gefunden in Deinen Augen, daß Du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? Wenn Du es aber so mir antust, dann erschlage mich doch, wenn ich Gunst gefunden habe in Deinen Augen". Eine schwere Trauer muß in ihm gelebt haben. So hat ihn Rembrandt dargestellt in dem Augenblicke, in dem er die Tafeln zerschmettert. Mit einer ungeheuren Kraftanstrengung hebt er die heiligen Urkunden des Bundes mit Gott empor. Aber nicht Zorn und nicht Grimm beherrschen in diesem Augenblick sein Auge, sondern tiefes Leid, die dunkle Trauer des Mannes, der in dem Symbol seines stolzen Triumphes nun mit eigenen Händen sein Lebenswerk zerbricht. So könnte denn wohl aus seinem Munde die Klage des Hiob gekommen sein, die er ja auch nach einer Auffassung im Talmud gedichtet haben soll: ,,Habe ich die Kraft von Stein? Oder ist mein Leib von Erz?". Aber wahrlich, er hatte diese Kraft und war ein eherner Mann. Auch dieser Prophet, den der Ewige erkannt von Angesicht zu Angesicht, mußte Bescheidenheit lernen. Auch ihm sind nicht alle Wünsche erfüllt worden, und er mußte manches, woran sein Herz hing, in sich begraben. Nach der Offenbarung am Sinai schwang sich seine Seele hoch empor, und er wagte die Bitte: Lasse mich doch Deine Herrlichkeit schauen und tue mir Deine Wege kund!". Aber selbst ihn weist Gott in seine Schranken zurück: ,,Du kannst Mein Angesicht nicht schauen, denn kein Mensch kann leben, der Mich schaut. Vom Rücken her magst Du mich schauen, aber Mein Antlitz kann nicht erschaut werden". In einen tiefen Verzicht drohen deshalb Jahre später seine letzten Worte an sein Volk auszuklingen: „Das Verborgene ist Sache unseres Gottes". Doch gleich rafft er sich wieder auf und findet den Weg ins Leben. In der Wirksamkeit auf Erden mit dem Blick auf den Willen Gottes zeigt er den Trost für alles, was uns versagt bleibt, wenn er hinzufügt: ,,Das Offenbare bleibt dennoch uns und unseren Kindern, daß wir erfüllen alle Worte dieser Lehre". Aber die größte Enttäuschung, der bitterste Schmerz harren seiner am Ende seines Lebens. Der Eintritt in das gelobte Land wird ihm versagt, und er stirbt an seinen Pforten. Nur schauen, nicht aber betreten darf er das Land, das den Vätern zugesagt ist. Mit diesem harten Schicksal hat er sich, nicht abgefunden, sondern immer wieder Gott um die Gnade angefleht, die Fluren von Kanaan betreten zu dürfen, nachdem Er einmal begonnen, ihm seine Größe und seinen ausgestreckten Arm zu zeigen. Es war umsonst, und seine Bitte blieb ihm versagt. Mit dem Blick auf das Land der Väter, das er den Kindern errungen, ist er gestorben, heimgegangen in seiner vollen Kraft. Sein Auge war nicht stumpf geworden, und seine Frische war nicht gewichen. Er stieg hinauf auf den Berg Nebo, und er kehrte nicht mehr zurück. Den Menschen war er entschwunden, ein Knecht Gottes, der von seinem Herrn heimgerufen wurde, nachdem seine Sendung erfüllt ist. Niemand kennt sein Grab, und was irdisch an ihm war, war auf immer verschollen. Für alle Tage aber blieb unseren Vätern und bleibt unseren Kindern sein Geist und sein unsterbliches Vermächtnis. JOSEF ISRAELS. Zu seinem zehnjährigen Todestag (12. August). Von Dr. Karl Schwarz. Zehn Jahre schon sind es, daß er von uns gegangen, und doch steht er lebendig vor unserem Geist, der * große Meister, der bei Lebzeiten von seinem ganzen Volke und weit über die Grenzen seines Landes hinaus geliebt und verehrt wurde, Wohl kein Künstler des 19. Jahrhunderts konnte sich solcher Popularität erfreuen, kaum einer fand bei der Mitwelt so viel uneingeschränkte An* erkennung wie er. Wir kennen Israels nur als den ehrwürdigen Greis, wir können ihn uns gar nicht anders vor* stellen. Auch seine Kunst hat etwas Patriarcha* lisches für uns; sie ejjphlt von alten, vergangenen Tagen, ist so voller Innerlichkeit und Beschaulich* keit, hält sich ganz fern von dem Getriebe des modernen Lebens, daß man sie sich kaum in unsere Zeit hineindenken kann. Wo finden wir in der Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts einen Künstler, in dem sich alles zu so wundervoller Harmonie vereint, der, frei und selbstsicher in seinem Schaffen, so ver* ständnisvoll dem Wirken anderer begegnete, sich eine so warme Begeisterungsfähigkeit allem Schönen, sich selbst gegenüber so schlichte Bescheidenheit wahrte? Josef Israels ist der klassische Vertreter der holländischen Kunst im 19. Jahrhundert. Er hat eine Kultur, wie man sie bei keinem seiner Zeit*