Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 177 - 178 (sequence 5)
- Language
- German
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177 Mose 178 seines gewaltigen Knechtes. Er war immer Gott nahe, voller Sehnsucht ,seine Wege zu schauen. Vierzig Tage und vierzig Nächte weilt er auf dem Sinai, Brot ißt er nicht, und Wasser trinkt er nicht. Das Irdische mit seinen Sorgen und Bedürfnissen bleibt hinter ihm zurück, und er ist eins mit Gott. Da er aber wieder zu den Menschen heruntersteigt, ist er ein anderer geworden. Strahlen schießen aus seinem Antlitz, und das Volk kann das Leuchten, das von ihm ausgeht, nicht ertragen. Darum trägt der Gewaltige seitdem eine Hülle um sein Haupt, wenn er sich den Menschen zeigt. Wenn er aber mit dem Ewigen spricht, dann nimmt er die Hülle ab. Dieses wunderbare Bild der Schrift hat den großen Michelangelo tief getroffen, als er seine Statue des Mose schuf. In langen gewaltigen Windungen fließt von ihm sein Gewand herab. Er hatte sein Haupt damit umwunden, als er drunten bei den Menschen weilte, jetzt aber ist er hinaufgestiegen zum Ewigen und redet mit ihm von Angesicht zu Angesicht. Die Religion, die er verkündet, soll sich in einem neuen Geiste äußern. So ist seine Sehnsucht: ,,Wer gäbe doch, daß das ganze Volk des Ewigen aus lauter Propheten bestände, und daß in ihrer Mitte der Ewige wäre". Aus seiner Seele heraus sprechen seine Jünger, die späteren Propheten, ein Jesajah, wenn er den Anbruch der messianischen Zeit für den Tag ankündigt, da die Erde der Erkenntnis voll sein wird, wie Wasser das Meer bedeckt, ein Joel, wenn er den Tag verheißt, „da ich meinen Geist ausgieße auf alles Fleisch, daß Eure Söhne und Eure Töchter weissagen und Eure Jünglinge Gesichte haben". Ja, Moses Geist beherrscht auch die christliche Kirche, wenn sie am Pfingstfest die Ausgießung des heiligen Geistes feiert. Was ist sie denn anders, als seine Sehnsucht: ,,Wer gäbe es, daß das ganze Volk des Ewigen aus lauter Propheten bestände und in ihrer Mitte der Ewige wäre!" Überall knüpft er in seiner gewaltigen Neuschöpfung an das Alte an, an die Offenbarung, die den Vätern geworden ist. Im Herzen der zehn Gebote befiehlt er die Ehrfurcht vor Vater und Mutter und verheißt, als Lohn das Land, ,,das Gott Euren Vätern verheißen hat", und noch in seinen letzten Worten erinnert er feierlich an den Bund, den der Ewige mit den Vätern geschlossen hat. Die Überlieferung der Vorfahren, die Zucht, in der die ihnen folgenden Geschlechter aufgewachsen sind, der gemeinsame Erbbesitz an Lehren, Überzeugungen, Erinnerungen und Lebensordnungen sind der Boden, in den Mose seine Saat auswirft. Darum bedeutet er keinen völlig neuen Anfang, wohl aber Erhöhung und Vollendung des Gegebenen. Seine Stellung zwischen der Vergangenheit, die er antrifft, und der Zukunft, zu der er auf bereits urbar gemachtem Boden den Grund legt, wird durch jenes Wort der Verkündigung bezeichnet, durch das sich ihm Gott unter seinem neuen, nun erst ausgesprochenen Namen offenbart: „Ich erschien dem Abraham, dem Isaak und dem Jacob als El Schaddai, als allmächtiger Gott, aber mit meinem Namen Adonai habe ich mich ihm noch nicht kund getan", """Mose ist Gesetzgeber, und in Gesetzen bringt er den neuen Geist zur Verwirklichung und das eigentümliche geistige Wesen der Seinen zum Ausdruck. Auch hier begann er sein Werk nicht in einer Wildnis, sondern hatte auf jeden Fall in einer bereits geordneten Welt seinen großen Bau des Rechts aufzurichten, schöpfend aus bereits vorhandenen Quellen., oft aber auch im Gegensatz zu den bereits herrschenden Ideen. Großartige Systeme des Rechts waren damals seit Jahrhunderten mindestens schon errichtet und Babel hatte seit langem schon seinen Kodex des Hammurabi, den uns die Gunst des Schicksals vor wenigen Jahrzehnten geschenkt hat, und der uns immer wieder mit neuem Staunen, mit tiefer Bewunderung erfüllt. Die Ähnlichkeiten wie die Verschiedenheiten zwischen dem mosaischen "Gesetz und dem imponierenden Werke des babylonischen Königs sind mit Händen zu greifen, ihr eigentliches Verhältnis zueinander aber ist ein großes Rätsel. Hat Mose den Hammurabi gekannt? Oder gab es ein ursemitisches Recht, dessen Ausfluß die beiden großen Werke sind? Wir wissen es nicht und können an dieser Stelle die Frage nicht entscheiden. Willig hat Mose Gedanken und Ideen aufgenommen wo er sie gefunden hat und auf jeden guten Rat gehört. Die Schrift selber erzählt wie er auf den Antrieb eines Fremden Richter und Beamte eingesetzt hat. Trotzdem blieb er der Selbständigkeit des jüdischen Wesens und seiner Art treu. Wie stark der Gegensatz gegen die Seele Ägyptens in der Thora hervortritt, haben wir bereits gesehen. Und seitdem wir das Recht von Babel etwas besser kennen, erscheint uns manche Bestimmung von Mose in einem neuen Lichte als ein Protest gegen den Geist der Chaldäer. Das Gesetzbuch des Hammurabi schließt: „Wenn ein Sklave zu seinem Herrn spricht, Du bist nicht mein Herr, so wird ihm sein Herr, sobald man ihn als seinen Sklaven überführt, sein Ohr abschneiden". Auf dem Grunde dieses Satzes aus einem alten Sklavenrecht hebt sich nun in ungeahntem Glanz die Forderung im fünften Buch Moses ab: 'Du darfst den Knecht nicht seinem Herrn ausliefern, der sich zu Dir gerettet hat von seinem Herrn. Bei Dir soll er bleiben in Deiner Mitte an dem Ort, den er erwählt an einem Deiner Tore. Du darfst ihn nicht bedrücken." Das ist eine Regelung des Fremdenrechts, das sich auch unsere helle Gegenwart noch zum Vorbild nehmen dürfte. Noch denkt sie nicht daran, es zu erfüllen, sondern sie weist die Fremden, die ihr lästig sind, aus, mag sie sie auch zurückstoßen zu den Herren, vor deren Haß und Druck sie geflohen sind. Und mehr als viele Worte zeigen diese einander verwandten und