Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 175 - 176 (sequence 4)
- Language
- German
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175 Mose 176 der Aloses, der Sohn des Gottes Tot. Wir tragen eben in vielen Worten aus der Fremde, die inzwischen längst Bürgerrecht bei uns gewonnen haben, die Spuren unseres Aufenthalts in aller Herren Länder an uns. So ist auch der Name Mose ein Symbol für innere, bewegende Kräfte der Anpassung in unserer alten una langen Geschichte. Aber er zeigt auch, wie äußerlich diese Anpassung war, und wie wenig sie den echten, den jüdischen Kern berührte. Denn Moses Aufenthalt am ägyptischen Hofe war doch nur ein fremdes Schicksal, und die Lehre" der Priester des Ammon und des Osiris nichts als ein Bildungsstoff, der von draußen her aufgenommen wurde. Sein innerstes Wesen weist dem jungen Hebräer einen ganz anderen Weg. „Als er groß wurde, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah sie bei ihrer schweren Arbeit/4 Er bleibt fremd in der Fremde, darum geht er zu den Seinen. Unter ihnen, mit ihnen und für sie lebt er. Als ein Annehmer seiner unterdrückten Brüder tötet;er einen Ägypter, und nun muß er flüchtig gehen. Er entrinnt in die Wüste, und dort wird der junge Adlige ein Hirte. Die erste ägyptische Periode seines Lebens ist abgeschlossen. In der Einsamkeit hat er Zeit, sein ganzes Leben zu bedenken, und erst spät kommt er zur Erkenntnis seiner Aufgabe. Achtzig Jahre ist er nach der Erzählung der Schrift, als ihm am brennenden Dornbusch in der Wüste die Erleuchtung und die Offenbarung wird. Hier schaut er zum ersten Male Gott von Angesicht zu Angesicht. Wir wissen es nicht, was er geschaut hat. Und wir begnügen uns mit dem Eingeständnis unserer Unwissenheit. Aber der europäische Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts ist nicht das Maß aller Dinge, und was ihm verschlossen ist, mochte wohl offen vor dem Geiste des Propheten liegen, desgleichen keiner mehr aufstand in Israel. Im feurigen Busch offenbarte sich ihm der Ewige, der schon dem Abraham, dem Isak und dem Jacob erschienen war, aber er enthüllt sich unter jenem neuen Namen „Adonai", der seitdem die jüdische Religion auszeichnet, und tut sich ihm kund als das Ewige Wesen. Ich bin, der ich bin! Diese Zusammenfassung einer erhabenen Gotteserkenntnis, die Mose damals vernommen, hat sich dem jüdischen Herzen fest eingeprägt und prangt an den Wänden unserer Synagogen als eine hohe, unerschöpfliche Offenbarung von Gott. Aber in einem Atemzuge mit ihr empfängt der Prophet auch seine politische, seine geschichtliche Aufgabe, das Volk Israel aus Ägypten zu führen und das Volk des Ewigen, ein Reich von Priestern_und ein heiliges Volk daraus zu machen. Er sträubt sich lange dagegen, wie alle Propheten sich gegen ihre Sendung gewehrt haben, er möchte sie zurückweisen und entschuldigt sich mit seiner körperlichen Schwäche, seinem schweren Mund und seiner schweren Zunge. Aber bald kommt er zur inneren Klarheit, und nun kann ihn nichts mehr hemmen. Er verläßt die Herde, die er bisher geweidet hat und geht zu den Seinen, er sucht die 'Menschen und fc&hrt zurück in die Welt Ägyptens, die er vor langer Zeit verlassen hatte.. Hier verkündet die Botschaft von dem Gölte der Väter, der ihre Enkel zur Freiheit berufen hat, ein großer Führer in den Augen der Seinen, ein Volksverführer in den Augen des Pharao. So fordert er für die hebräischen Stämme die Freiheit und setzt sie auch durch im schweren Kampfe mit dem Pharao, reinen Priestern und seine Zeichendeutern. In der Stunde des Auszugs schafft er, der große religiöse Schöpfer, seinem Volke auch das erste religiöse und nationale Erinnerungsfest, die Sedernacht. Sie ist eines jener Gebilde für die Ewigkeit, von denen wir am Eingang sprachen. In der biblischen Zeit schon wurde sie gefeiert, und sie ist dann lebendig geblieben bis auf den heutigen Tagr alle Zeiten ergreifend, ein ewiges Symbol. Aber dem Triumph der Sedernacht folgt auf dem Fuße die Stunde des allgemeinen Zusammenbruchs, die Krisis am Schilfmeer. Hinter sich den Feind, vor sich das Meer, scheint das Volk nur die verzweifelte Wahl zu haben zwischen dem Tod oder der Rückkehr nach Ägypten. Doch Mose bleibt ruhig, ein wahrhafter Führer. ,,Bleibet fest und schauet die Hilfe unseres Gottes!" Indieser Stunde trägt er wirklich sein Volk wie der Wärter den Säugling. Sie sind wie die Kinder, er aber führt sie mit Klarheit und der Energie, der Güte und der Strenge des Vaters. Und so leitet er sie dann durch die vierzig langen und bangen Jahre der Wüstenwanderung. Er schafft alles, an seinen Namen knüpft die Überlieferung das meiste, er ist seinem Volke Prophet, Gesetzgeber und Heerführer. Er allein bleibt auf die Dauer der Träger der Offenbarung, die dem Volke in der Wüste wird. Am Sina: vermag das Volk den erschütternden Ruf des Ewigen nicht zu ertragen, sie möchten vor der gewaltigen Offenbarung fliehen und flehen ihn an: „Rede Du, daß wir hören, nicht aber soll Gott mit uns reden." So wird er zum Sprachrohr des Ewigen. In seltenen Stunden öffnet sich dem ganzen Volke der Himmel. Ihn aber durchströmt ununterbrochen die Nähe des Ewigen. In unseren Tagen hat Lesser Ury es unternommen, ihn uns in einer Stunde zu zeigen,, in der ihm Gott sich offenbart. Er läßt uns die ungeheuere Einsamkeit und Öde des Sinai schauen. Nirgends ein Mensch, kein Baum ist zu sehen, nur erhabene, gewaltige, schweigende Natur. Mitten in ihr aber steht barfuß und bloßen Hauptes Mose, selber wie ein. Berg anzusehen und die hohen Riesengipfel beinahe überragend, und lauscht der Stimme, die ihm wird, eine majestätische Gestalt mit demütig geneigtem Haupt.. Gott selber ist nicht dargestellt, denn der Judemacht sich kein Bild von Gott. Mehr aber als irgend eine Figur, die die Phantasie, des Künstlers bilden könnte, verkündet ihn dieses gespannte, schweigende, .empfangende Lauschen