Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 173 - 174 (sequence 3)
- Language
- German
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173 Mose 174 seitige. Aus ihnen aber ist im Laufe der Jahrhunderte ein besonderes Volk erwachsen, aus ihnen bildeten sich die israelitischen Stämme. Die Väter waren aus Haran, aus Mesopotamien gekommen, aber die Wiege des Volkes stand am Nil, dort haben sich die Stämme gebildet. Hebräer waren sie noch, als sie kamen, Israeliten waren sie bereits, als sie das Land verließen, in der ägyptischen Provinz Gosen, in der sie lebten, haben sie eine mächtige Entwicklung vollendet. Ausdrücklich bezeugt die Bibel diese allmähliche Reife zu einer höheren Stufe des geschichtlichen Lebens in jenen kurzen Worten, die durch die Haggadah auch den weitesten. Kreisen bekannt geworden sind: „Ein umherirrender Aramäer war mein Vater. Er zog nach Ägypten und ward dort zum Volke/* Dort, in Berührung mit der Welt der Pharaonen und im Gegensatz zu ihr, wurden sie, was sie wurden. Das ägyptische Volk war groß und der Bewunderung würdig. Heute noch zeugt für sie ihre ernste Religion, die von dem Gedanken an Tod und Gericht beherrscht wird. Sein Ruhm ist seine feierliche religiöse Kunst mit ihren erhabenen Grabbauten, ihren Pyramiden, Sphinxen und Obelisken, aber auch seine großartige Mathematik, die in Plato das Verlangen erweckte, es möchten doch die Freien unter den Hellenen soviel davon lernen, wie in Ägypten im allgemeinen die Schuljungen wüßten. Sie hatten eine hochentwickelte Gesellschaftsordnung, aufgebaut auf starren Kasten, es herrschte der Stand der Priester und über dem Ganzen schwebte göttlich verehrt der Pharao. In dieser alten, uns fremden, aber gewaltigen Kultur wuchsen nun die hebräischen Stämme auf, die Enkel jener verirrten Aramäer, deren Wiege am Euphrat gestanden hatte, die Kinder Israels, des ersten Einwanderers, die Israeliten. Sicherlich haben sie viel dort gekernt, und sie hatten von dort mehr mitgenommen, als nur die Erinnerung an die Fleischtöpfe des gesegneten Landes. Darum gebietet auch Mose dem Volke, es möge den Ägypter nicht verabscheuen, weil es Gast gewesen sei in seinem Lande. Aber so viel sie auch annehmen mochten, -Ägypter wurden sie deshalb doch nicht, sondern sie bewahrten sich ihre eigentümliche Art, und der Talmud rühmt ihnen nach, sie seien inmitten von Mizrajim doch kenntlich geblieben. Und die Gesetzgebung von Mose ist durch den großen Nachdruck ausgezeichnet, mit dem sie sich gegen das ägyptische Wesen wehrt. Sichtlich hatte der Hebräer eine tiefe Abneigung gegen das Volk, in dessen Mitte er doch Jahrhunderte geweilt hatte, ohne sich mit ihm zu verschmelzen, und die Abneigung wurde wohl von der anderen Seite redlich erwidert. Die Hebräer waren als Hirten den Ägyptern ein Gräuel, aber sehr viel ägyptisches Wesen war auch den Hebräern ein Abscheu. Als zu den Zeiten von Joseph alles ägyptische Eigentum an Grund und Böden Domanium -des Pharao wurde, behielten nur die Priester ihr Land. In der Thora ist umgekehrt der Stamm der Priester, der Stamm Levi, der einzige gewesen, der von vornherein Äcker und Felder überhaupt nicht besitzt. Gewiß mochte die Vergötterung der Tiere, zumal des Stieres, nicht ohne Eindruck auf die Hebräer bleiben. Und als sie sich ein goldenes Kalb gössen und verkündeten, dies sei der Gott, der sie aus Ägypten herausgeführt habe, mochte wohl die Erinnerung an den Apis sie treiben, dessen Kult sie in Pithom und Ramses oft gesehen hatten. Aber sie schüttelten diese Gedanken und Erinnerungen, die sie aus Ägypten mitgebracht hatten, wie eine unbegreifliche Verirrung leicht von sich ab. Das zweite Gebot: „Du darfst Dir kein Bild machen und keinerlei Gestalt von dem, was im Himmel oben und auf Erden unten ist", gilt manchem als ein Protest gegen die ägyptische Religion. Und zu den großen Grundzügen der Thora zählt die dringende Mahnung: ,,Nach den Taten des Landes Ägypten, in dem Ihr gewohnt habt, dürft Ihr nicht tun." 11- Hunderte von Jahren schon sitzen die Söhne Jacobs in Gosen, freundlich zuerst aufgenommen, dann aber unter schwerem und anscheinend hoffnungslosem Druck. Da wird ihnen um das Jahr 1600 vor Christus der Befreier geboren und mit Mose kommt das Licht in ihre dunkle Welt Der Bericht von wunderbaren Fügungen und Zufällen begleitet die Erzählung von seiner Geburt. Nach dem wahnsinnigen Gebote des Pharao soll er, wie alle anderen jüdischen Knaben auch, im Nil ertränkt werden. Aber Gott lacht über die Pläne der Menschen. Sie gedenken es böse zu machen, er aber fügt es zum guten. Sie sind überzeugt, ihre Zwecke zu verfolgen, und wissen es gar nicht, wie sehr sie im Dienste der göttlichen Fügung stehen. Pharaos Gesetz führt das jüdische Kind gerade dahin, wo der Herrscher es gewiß nicht haben will, an seinen eigenen Hof. Und dort wächst Mose auf wie ein vornehmer Ägypter. Er lernt alle Weisheit der Priester und der Zeichendeuter, und da er später seinen großen Kampf mit ihnen ausficht, übertrifft er sie alle und kann noch mehr zaubern als sie, so daß sk in Schande die Waffen vor ihm strecken müssen. In welche Schule er gegangen ist, verrät uns schon sein bloßer Name, der Name Mose. Zwar rühmt der Midrasch jenem Geschlechte nach, sie hätten während der Knechtschaft in Mizrajim ihre Namen nicht geändert und sich dadurch ihren Anspruch auf Erlösung verdient. Aber in Wahrheit haben nicht alle ihre hebräischen Namen beibehalten, und die Geschichte in ihrer Ironie hat es gefügt, daß gerade Mose einen ägyptischen Namen führt. Denn Mose bedeutet „der Sohn". Er ist merkwürdigerweise gerade aus der Zusammensetzung mit ägyptischen Götternamen bekannt, mit denen er häufig verbunden ist. Ist doch der berühmte Ramses der Moses, der Sohn des Ra, des Sonnengottes, und Tutmoses