Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli-August 1921)
- Article
- Mose
- Date
- 1921-07-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584105-2607368--18238-2607392- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
171 Mose 172 Art ausmalen, und in dem Gemälde, das sie von ihm entwerfen, werden sich die Zeiten selber spiegeln. Auch unsere Gegenwart wird sich nicht mit der Vorstellung begnügen, die frühere Epochen sich gebildet haben. Das neunzehnte Jahrhundert hat sich mit einem neuen Geist der Kritik in die Bibel und besonders in die Thora vertieft. Es hat dem Mose die Gesetze, die ihm zugeschrieben werden, abgesprochen und hat sie als die Schöpfung späterer Jahrhunderte erklärt. Es hat ihm selber gelegentlich die geschichtliche Existenz aberkannt und ihn nicht mehr als eine geschichtliche Persönlichkeit, sondern als einen Mythos erklärt. Wenn das Wahr wäre, dann wäre eben die Geschichte von Mose die gewaltigste Dichtung und der erhabenste Mythos. Aber auch einer der schärfsten und wahrhaftigsten Kritiker, der Vater der ganzen neueren Auffassung vom Pentateuch und von Mose, Eduard Reuß, bekennt, daß er sich schlechterdings ,,nicht veranlaßt finde, an der Existenz des Mannes Mose zu zweifeln". Unsere Zeit hat ferner auch die alten Völker und die Länder, in denen sich seine Wirksamkeit bewegte, Ägypten und Vorderasien, besser kennen gelernt, als es früheren Generationen möglich war. fn vielen großen und kleinen Dingen erscheint ihr deshalb auch die Gestalt des großen Trägers der Offenbarung in einem neuen Lichte. Aber im entscheidenden Punkte sind sich alle Zeiten darüber einig gewesen, was Mose war. In seinem letzten Verse spricht der Pentateuch über ihn das Urteil der Geschichte aus. „Es stand kein Prophet .mehr in Israel auf wie Mose, den der Ewige erkannt hätte, Angesicht zu Angesicht." Ein Prophet war Mose, desgleichen keiner mehr kam in Israel. Die späteren haben sich als seine Jünger und Schüler betrachtet, die nur in seinem Geiste wirken wollten, und als tausend Jahre nach ihm ihre Epoche in der Geschichte abgelaufen war, schloß der Letzte, im fünften vorchristlichen Jahrhundert, Maleachi, ihre Wirksamkeit ab mit der Mahnung: „Gedenket der Lehre Moses, meines Knechtes, dem ich am Horeb für ganz Israel Gesetze und Rechte gegeben habe." Nicht in der Verkündung der Zukurfft liegt sein Ruhm und seine Bedeutung, sondern in einer Kraft und Klarheit der Erkenntnis Gottes, die nachher keinem mehr geworden ist. In Träumen, in Visionen und Gesichten erschien den anderen Propheten das göttliche Licht. Von ihm aber weiß schon der Pentateuch zu sagen, daß er ein anderer gewesen sei. „Nicht so mein Knecht Mose. In meinem ganzen Hause ist er vertraut." Nur in Bildern vermag die Schrift die andere, einzige Art, mit der er begnadet war, auszusprechen. „Es redete der Ewige mit Mose Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann redet mit seinem Freunde." Wir werden uns nicht unterfangen, bis ins Letzte, verstehen und beschreiben zu wollen, was diese geheimnisvollen Worte besagen sollen. Gegenüber diesem erhabenen Menschen gilt selber das Wort, das er vernahm, als er am brennenden Dornbusch den Ewigen schaute: „Ziehe die Schuhe aus, denn der Ort, auf dem Du stehst, ist heiliger Boden/* Er war der Mann der Erkenntnis, aber er genoß sie nicht in beschaulicher Ruhe. Er hat seine Welt geschaffen und umgestaltet und nach dem Bilde des göttlichen Wesens, das er in sich trug, ein Volk gebildet und geformt. Seine große Seele hat er auf immer dem ganzen kommenden Lauf der Entwicklung eingehaucht. So ward der, der in voller Klarheit Gott schaute, der Erzieher seines Volkes und der Menschheit, und darum der Gesetzgeber, der Staatsmann und selbst der Kriegsmann. Schon die alten Geschlechter Israels haben ihn als einen Dichter betrachtet. Eine uralte Überlieferung schreibt ihm den ahnungsvollen, tiefsinnigen neunzigsten Psalm zu, und im Talmud nennt ihn ein Rabbi den Dichter des Buches Hiob. Die biblische Literaturgeschichte mag anderer Meinung sein und diese Angaben bezweifeln oder auch für unmöglich erklären. Aber seiner ganzen Erscheinung und der Art, wie sie sich überall äußert, fügt sich wunderbar diese Vermutung. In allen handelt und spricht Mose wie ein großer Dichter. Als Prophet war er ein Staatsmann, und so ist er der Vater des jüdischen Volkes geworden. In seinen Kämpfen mit eben diesem Volke fragt er im tiefsten Schmerze stöhnend und klagend den Ewigen: Bin ich denn schwanger gegangen mit diesem Volke? Habe ich es geboren? Man kann auf diesen Ausbruch seines tiefen Leides nur antworten; Ja, denn ohne ihn gäbe es kein Israel. Wohl hatten Jahrhunderte an der Vorbereitung dessen gearbeitet, was zu seiner Zeit als jüdisches Volk erstehen sollte, und die Stammväter waren ihm vorangegangen. Sechshundert Jahre vor ihm waren in den großen Völkerwanderungen am Schlüsse des dritten vorchristlichen Jahrtausends die ersten Keime gesät worden. Aber er erst hat, um die Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends, alle Kräfte, die bis dahin gewachsen waren, zusammengefaßt. Er ist wirklich ,,schwanger gegangen mit diesem Volke und hat es geboren." Ein glückliches Schicksal hat es gefügt, daß wir über die Vorgeschichte des israelitischen Volkes heute besser unterrichtet sind, als früher. Die Wellen von Völkern und Stämmen, die etwa um das Jahr 2000 v. Chr. aus Haran über Kanaan und Ägypten sich ergossen, waren uns früher nur aus den Erzählungen der Genesis von Abraham, Isak und Jacob bekannt. Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts aber hat sich der Boden jener alten Welt geöffnet, und seitdem kennen,wir jene vielbewegte"Zeit auch aus anderen Quellen. Die wohlerhaltenen Bilder in ägyptischen Felsengräbern zeigen uns heute noch die Männer jenseits des Euphrat, die mit Weib und Kind und Herden in das Land am Nil einwandern, so, wie Jacob mit seinen Söhnen dorthin gezogen ist. Es waren noch keine Israeliten, es waren erst „Hebräer", das heißt soviel wie Auswärtige, Jen-