Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 139 - 140 (sequence 4)
- Language
- German
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139 Die vier Erzieher der'Menschheit zur Gerechtigkeit 140 seltene Ausnahme ist5). Wir wollen nicht „in die Ferne schweifen" und Anerkennungen aufführen, die der jüdischen Wohltätigkeit von nichtjüdischer Seite früher gezollt worden sind. Ich will nur ein Beispiel anführen, das mir gerade bekannt wird, währenfd ich dies schreibe: Ein großer Teil des Werkes für die Rückbeförderung der sibirischen Kriegsgefangenen wird von Juden geleistet. Das Ge!ld, welches in Amerika für die Deckung der 'Kosten des Transportes aufgebracht worden ist,, kommt hauptsächlich aus jüdischen Quellen. Die 'ganze Aktion ist durch die Initiative des jüdischen Joint Distribution Commitee zustande gebracht worden und die Vertreter des jüdischen Komitees sin/d an. Ort und Stelle bemüht, um die Rückbeförderung möglichst gut zu organisieren. Die Oktobernummer der Zeitschrift „IsraePs Messanger" (des in englischer Sprache erscheinenden zionistischen Organs in China) berichtet, daß die jüdische 'Gemein'de in Shanghai ein Komitee eingesetzt hat, um den Kriegsgefangenen beizustehen, welche auf der „Scharnhorst" in ihre Heimat zurückbeordert werden. Am 10. Oktober wurden sie von diesem jüdischen Empfangskomitee bewirtet, mit Kleidung versehen usw. Hierbei wurde kein Unterschied in: bezug auf Nationalität oder Konfession gemacht „Jsrael's Messanger" veröffentlicht den Dankbrief, den die jüdische Gemeinde von Shanghai von 5) Eben erhalte ich den „Bericht über die Geschäftstätigkeit des Hauspflegevereins in Hamburg für das Jahr 1920", eines Vereins, dessen Aufgabe es ist, Kranken, insbesondere Wöchnerinnen, die Haushaltungsführung abzunehmen. Die Juden haben für diese Zwecke ihre eigenen Vereine, und es ist unwahrscheinlich, daß dieser allgemeine Verein jemals von Juden in Anspruch genommen ist. Besagter Bericht begründet die Tatsache, daß das Jahr mit einem größeren Saldo als das Vorjahr abschließt, mit den Worten: „Dieses günstige Ergebnis ist darauf zurückzuführen, daß dem Verein im verflossenen Jahre (die und die mit Namen der Spender aufgeführten) Beträge zugewendet worden sind." Von ihnen (vom Staatszuschuß abgesehen) sind von vier Namen zwei jüdische, während eine dritte Spende von mir veranlaßt worden ist. Die Namen dieser Spender kommen nicht „an die große Glocke". In dies?m Ausnahmeverhältnis können die Juden nicht an der allgemeinen Wohltätigkeit teilhaben — namentlich nicht in einer Stadt wie Hamburg, wo der Reichtum nicht in jüdischen Händen ist. Aber alle Sammlungen beweisen, daß die Juden, nicht nur im Verhältnis zur Zahl der Einwohnerschaft, sondern auch im Verhältnis zu ihrem Einkommen, stärker an Akten der Wohltätigkeit beteiligt sind als die nichtjüdischen Kreise. Allerdings geben sie (im allgemeinen) für alkoholische Getränke wesentlich weniger aus. Ein gewisser Zusammenhang zwischen beiden Erscheinungen dürfte wohl vorhanden sein. Ich. glaube nicht, daß der Abstand zwischen jüdischer und nichtjüdischer Wohltätigkeit noch so groß ist wie früher, wo es in jüdischen Kreisen ein geflügeltes Wort war: „Esew gibt Maaser von Stroh/' Aber eine Abhandlung, welche die Vorzüge der Judenheit zeigen will, darf sich nicht auf die Erscheinungen einer kurzen Zeitspanne beschränken. dem Vertreter des Joint Distribution Committee erhalten hat. Dieser Dank schließt den Abschiedsgruß von Major Uhlig ein, dem kommandierenden Offizier des 2200 Mann starken Heimkehr-Detachements der „Scharnhorst", das, wie dieser, zum größten Teil aus Ungarn stammt. Major Uhlig sagt: „Es hat einen tiefen Eindruck auf uns gemacht, daß wir nach sechs Jahren der Gefangenschaft, als wir zum erstenmal wieder mit der Außenwelt in Berührung kamen, wie Menschen und wie Weiße behandelt worden sind. Es ist ferner tief in unser Bewußtsein eingeprägt und soll nie vergessen werden, daß es in erster Reihe das Verdienst des jüdischen Volkes ist0), daß uns solche Wohltaten erwiesen wurden/' Ebenso wie in Shanghai haben in Sibirien, Japan, Singapore die jüdischen Gemeinden den Heimkehrern hilfsbereit zur Seite gestanden. „Das überrascht uns natürlich nicht", bemerkt dazu die „Jüdische Rundschau" vom 18. Januar 1921, „es würde uns nur überraschen, wenn in der Heimat auch: nur eine einzige nichtjüdische Stelle Kenntnis davon nähme und daraus irgendeine Lehre ziehen würde". Mag die J. R. mit ihrer Vermutung recht haben oder nicht: wer wohltut tut sich selber wohl. Der jüdische Wohltätigkeitssinn, die jüdische Menschenliebe, sind „Lohn, der reichlich lohnet". Sie gehören mit zu den Vorzügen der Judenheit. Dasselbe ist der Fall bezüglich des speziell religiösen Lebenswandels des diesen führenden Teiles der Judenheit. Es darf in dieser Hinsicht hier auf die im „Jesch'urun" veröffentlichten Aufsätze des Verfassers „Sabbatruhe und Freiheit"7) und „Gesetzesfreude"8) verwiesen werden. Es darf auch1 hingewiesen werden auf den Optimismus der Juden, der z. B. — im Gegensatz zu den Nichtjuden — so häufig bei lebensgefährlichen Erkrankungen von Verwandten und Freunden im Vertrauen zu deren Lebenskraft in die Erscheinung tritt. Wenn das vergleichsweise bessere Verhältnis zwischen den Gatten, die größere Fürsorge der Eltern für die Kinder und der Kinder für die Eltern, die größere Unterstützungsbereitschaft für Verwandte, die größere Hilfsbereitschaft für die Religionsangehörigen der ganzen Welt, den Satz illustrieren: „denn sie ist euer Leben", so illustrieren die folgenden Zahlen den Nachsatz: „und die Länge eurer Tage". 6) Ich muß es der „Jüdischen Rundschau" überlassen, ob ihre Uebersetzung aus dem Englischen mit Verdienst des jüdischen Volkes" richtig wiedergegeben ist oder ob es nach dem Originalbrief vielleicht einfach ,,Verdienst der Juden" heißen müßte. Der Verf. 7) 1919, Nr. 3/4. «) 1919, Nr. 9/10.