Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 137 - 138 (sequence 3)
- Language
- German
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137 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 138 glänzend bezahlt. Haben wir für ihren Höherstand — zu dem auf manchen Gebieten mit beiträgt, daß sie wissen, sie müssen sich mehr anstrengen, um das gleiche zu erreichen wie ihre nichtjüdischen Mitbürger — auch nur einige wenige Beispiele angeführt, so genügten sie doch, um ins Licht zu rücken, wieviel besser sich die Juden dabei stehen: Allgemein anerkannt — auch bei Nichtjuden — ist das bessere Verhältnis der Ehegatten zueinander. Schon vor nahezu einem halben Jahrhundert hörte ich mit Stolz in einem über Sibirien gehaltenen Vortrag eines bekannten christlichen Weltreisenden, der in einem großen gefüllten Saal vor ganz überwiegend christlichen Zuhörern sprach, die Worte: „Die nach Sibirien Verbannten begleitet die Frau bei den Mohämedanern nie, bei den Christen selten, bei den Juden immer!" Wo das Kneipenleben Volkssitte ist, hat der Jude selten die Angewohnheit, regelmäßig die Kneipe zu besuchen und dabei die Frau zu Hause zu lassen. Bekannt ist von den Juden die größere Sorgfalt der Eltern für die Kinder, die größere Achtung und Rücksicht der Kinder gegenüber den Eltern4), die größere Pietät gegenüber Verstorbenen, überhaupt die stärkere Entwicklung des Gemüts. Kein Jude bringt es fertig zu sagen: „wenn mein Alter morgen stirbt". Allgemeinanerkannt ist die große jüdische Wohltätigkeit, weniger allgemein bekannt, daß sie unverhältnismäßig groß in den unteren Einkommensklassen ist. Das „jüdische Gemüt" kommt auch in einer allgemeinen Erscheinung des Geschäftslebens so gut wie regelmäßig zum Ausdruck. Daß ein wirtschaftliches Unternehmen durch Unglück oder verkehrte Spekulation zugrunde geht, ist ein alltägliches Vorkommnis. Der Nichtjude macht sich in solchem Falle gewöhnlich nichts daraus, dem Betroffenen — einerlei ob Christ oder Jude — die Fortsetzung des Unternehmens unmöglich zu machen, der Jude aber bringt es in der Regel nicht übers Herz, ihm durch zu hohe Forderung die Fortführung des Unternehmens zu verunmöglichen — einerlei ob der Unternehmer Jude ist oder nicht Der Jude denkt an die Familie des Unglücklichen. Das ist das übereinstimmende Urteil erfahrener Chefs großer Handelshäuser. Das Bewußtsein seiner höheren Kultur verliert der Jude mit dem Schwinden der religiösen Ueberzeugung noch lange nicht. Ich war mit einer vor einigen Jahren leider verstorbenen christlichen Frau — christlich nur der Geburt nach —, die geistig und seelisch außerordentlich hoch stand, sehr befreundet, so daß wir uns über alles mög- 4) Und die Beziehungen zwischen clen Ehegatten und zwischen Eltern und Kindern umfassen bei 00o/o der Menschen mindestens 95°/o der Beziehungen überhaupt. liehe aussprachen. Besonders häufig führte uns gemeinschaftliche genossenschaftliche Arbeit zusammen. Zu» dem Genossenschaftskreis, dem wir angehörten, gehörte auch ein Herr Kohn, ein alter iMann, der verheiratete Söhne und Töchter hatte. Diese waren, wie der Vater und meine Freundin, Sozialdemokraten und gehörten auch gesellschaftlich derselben sozialen Klasse an. In religiöser Beziehung teilte dieser ganze Kreis den bei Sozialdemokraten vorherrschenden Unglauben. Meine Freundin hatte vollkommen recht, wenn Sie behauptete, in religiöser Beziehung hätte nichts dem im Wege gestanden, daß Köllns Kinder sich mit Nichtjuden verheirateten. Wenn das nicht geschehen sei — sie hatten wohl größtenteils nichtjüdischen Umgang — so läge das daran, daß sie sich als Juden für was Besseres hielten. Das verargte sie dem Kohn und seinen Kindern und es verletzte sie. Ist der Mensch an Opferwilligkeit gewöhnt, sind erst mal die seelischen Widerstände überwunden, die ihr entgegenstehen, dann bleibt er nicht bei materiellen Opfern stehen, dann findet er sich auch leicht bereit, Zeit und Arbeitskraft zu opfern. So kommt es, daß Juden unverhältnismäßig häufig durch die Stimme ihrer nichtjüdischen Mitbürger und Berufsgenossen in wirtschaftliche, wirtschaftpolitische und politische Körperschaften gewählt und berufen werden, dadurch — in gar keinem Verhältnis zur Zahl der Juden in der Bevölkerung — ohne ihr Zutun in einflußreiche Stellungen gelangen und daß den Juden dadurch' häufig der Vorwurf gemacht wird, s i e regierten das Volk. Selbst in England, wo in dieser Beziehung noch verhältnismäßig viel Vorurteilslosigkeit besteht, wird dieser Tage, wie es heißt, der Staatssekretär für Indien, Mr. Montagu, den Tories geopfert werden, weil er Jude ist, und es dieser Partei zu viel ist, daß gleichzeitig der Vizekönig, der Staatssekretär und der High Com missioner (Sir William Meyer) von Indien Juden sind. Da auch' der High Commissioner für Palästina, Sir. H. Samuel, Jude ist, glaubt die „Morning Post" feststellen zu müssen, daß „beinahe das ganze Reich im Osten in jüdischen Händen" ist. Lieber soll es also von weniger tüchtigen Leuten regiert werden. Wir, in Deutschland, wissen von dieser Denkweise noch ein ganz anderes Lied zu singen. Als im Deutschen Reich zum erstenmal ein Liberaler Minister wurde (Dernburg) und es sich traf, daß er von Juden abstammte, meinte ein Konservativer im Reichstag: es müsse noch erst untersucht werden, wieviel Generationen schon getauft seien. Bekannt ist auch, daß die jüdische Wohltätigkeit sich nicht auf die Glaubensgenossen beschränkt, auch in Ländern nicht, wo die Unterstützung eines Juden aus einer Kasse der Allgemeinheit eine