Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 21 (1921)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
- Article
- Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit
- Date
- 1921-05-01
- Page
- Seite 135 - 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2583875-2584101-2584104-2607320--18209-2607348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
135 Die vier Erzieher der Menschheit zur Gerechtigkeit 136 dem gleichen Gesichtswinkel betrachtet werden sollen, unter dem sie sich' selbst beurteilen; und nur wenn sie unter gleichem Gesichtswinkel betrachtet werden, kann von Gerechtigkeit gesprochen werden. Es liegt eben in der menschlichen Natur, daß die Menschen sich für besser halten als die gleichwertigen anderen: „Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr den Balken in deinem Auge?3) Otto Ernst bringt einmal, gelegentlich einer Erklärung für den Antisemitismus, folgendes Beispiel: Nehmet Men-' sehen gleicher Art und Qualität; steckt die Hälfte in blaue, die Hälfte in gelbe Uniform. Dann wird es bei allem, was von den einzelnen Gelben geschieht, bei den Blauen sehr bald heißen: „ja, ja, die Gelben", bei allem, was von den einzelnen Blauen geschieht, bei den Gelben heißen: „ja, ja, die Blauen". Daß das Beispiel dem Leben abgelauscht ist, wissen wir von jedem Tanzboden, auf dem —- vor dem Kriege — Infanteristen und Kavalleristen sich begegneten — und sich befehdeten. Und beide waren doch Angehörige desselben Volkes und derselben Klasse. Diese, in der menschlichen Natur liegende, niedrigere Einschätzung des „anderen" muß durch ein größeres Aktivum auf seiner Seite ausgeglichen werden, wenn der Vergleich in den Augen des Beurteilers balanzieren soll, wenn er das Bewußtsein haben soll, ihn gerecht zu beurteilen bzw. im gegebenen Fall die Ueberzeugung, daß ihm (dem anderen) Unrecht geschehen ist oder geschieht.. Das für diesen Zweck erforderliche größere Aktivum eines Volkskreises ist durch hohe ethische Postulate allein nicht zu erreichen. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", ist eine Vorschrift von hohem ethischem Wert. Im praktischen Leben aber ist sie von geringer Wirkung, weil sie keine Anweisung enthält, wie sich der Mensch, im einzelnen vorliegenden Falle dem Nächsten gegenüber zu verhalten habe. ' Andererseits ist es aber auch ein Ding der Unmöglichkeit, daß Vorschriften der Religion oder des Staates — Anweisungen darüber geben könnten, wie sich' der Mensch in jedem einzelnen Falle, in jeder Lebenslage, dem Mitmenschen gegenüber verhalten solle. Dazu sind die Verhältnisse zu verschieden, ist das Leben zu bunt, zu vielseitig. Wohl aber ist es möglich, Richtlinien aufzustellen und Beispiele anzuführen, die für die Lebensführung maßgebend sein sollen. Solche Richtlinien stellt das Judentum für seine Angehörigen auf. Es sei z. B. an die mosaischen Sozialgesetze erinnert, die die Verpflichtung gegenüber den Witwen und Waisen, gegenüber dem verarmten Bruder, dem Armen bei der Ernte, gegenüber den Angehörigen :<) Matthäi, 7,3. fdes besitzlosen Lehrstandes, einschärfen. Es sei an das Beispiel vom Verhalten gegenüber demjenigen erinnert, dessen Esel seiner Last erlegen ist, an die Verpflichtung, dem Fremden gleiches Recht zu gewähren wie . den Angehörigen des eigenen Volkes. Solche Hinweise auf die wichtigsten und häufigsten konkreten Fälle, sind für das praktische Leben die notwendige Ergänzung eines abstrakten Grundsatzes, wie er vorstehend angeführt ist. Das häufige öffentliche Verlesen dieser Richtlinien war und ist von eminenter erzieherischer Bedeutung" für die Judenheit, der selbst seine Feinde zugeben, daß sie sich1 ihrer Angehörigen in ganz anderer Weise annimmt, als es in nichtjüdischen Kreisen Brauch ist. Mir selbst ist mehrfach vorgekommen, daß Nichtjuden, die mich in einer Notlage um Rat fragten, mir auf die Frage, ob sie keinen Bruder oder Sc^h wager hätten, der ihnen helfen könne, antworteten : „Jawohl, aber bei uns ist das nicht so wie bei Ihnen, ich weiß, bei Ihnen geschieht das". Die großen Gebiete der Wohltätigkeit und Nächstenhilfe sind ja aber nicht die einzigen, auf denen die Judenheit ihrer nichtjüdischen Umgebung voraus ist. Man lese nur, mit welch' starken Worten Fritz Reuter, gelegentlich" der Schilderung des Verhältnisses zwischen dem Moses und seinem Sohn in „Ut mine Strorntid", seinen Glaubensgenossen ans Herz legt, sich ein Beispiel daran zu nehmen, wie bei den Juden die Kinder ihre Eltern ehren. Es ist bekannt, wie in jüdischen Kreisen ganz anders das Geheimnis gewahrt wird, das für den anderen von Wichtigkeit ist. Ist dies auch zum Teil die Wirkung größerer Mäßigkeit im Trinken, so ist doch auch diese die Wirkung einer viele Generationen hindurch stattgehabten Erziehung zur Mäßigkeit auf allen Gebieten des Lebens, die wiederum eine Ausstrahlung der vielen Vorschriften ist, die Entsagung und Selbstbeherrschung mit sich bringen und dadurch allgemein angewöhnen, und daher im Gefolge haben, daß die Juden aller Länder mit denjenigen Strafgesetzen verhältnisrnäßig wenig in Konflikt geraten, deren Verletzung mit Zügellosigkeit verbunden ist. Allgemein formuliert kann gesagt werden: wenn der Höherstand der Juden im Vergleich zu ihrer nichtjüdischen Umgebung auch eine notwendige Voraussetzung für ihre Aufgabe ist, ein ,Clement" der Erziehung der Menschheit zur Gerechtigkeit zu sein; und wenn sie diese Aufgabe auch rein passiv erfüllen,-so bringt doch der hierfür erforderliche Hochstand der Judenheit, der seine Wurzeln im Judentum hat, eine hochgradige Aktivität derselben mit sich. Und es darf hinzugefügt werden — umes praktisch auszudrücken: diese 'Aktivität macht sich auch für die Juden selbst