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Ost und West · 1921-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1921) · p. Seite 125 - 126

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
Article
Der beginnende Aufbau
Date
1921-05-01
Page
Seite 125 - 126 (sequence 5)
Language
German
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125 Der beginnende'Aufbau 126 Weiterung ihres Bodenbesitzes angewiesen sind, erklärte sich bereit, ein Drittel des erforderlichen Kapitals selbst aufzubringen, verlangte aber, die anderen zwei Drittel von der „ORT" kreditiert zu bekommen. Zwecks Durchführung dieser Angelegenheit werden zur Zeit Verhandlungen zwischen der „ORT", der „ICA" und dem amerikanischen „JOINT" geführt. Bei den beschränkten Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, konnte die „ORT" für das letzte Jahr nur anderthalb Millionen Mark an landwirtschaftlichen Krediten (in Form von Maschinen, Inventaren, Saaten) bewilligen. So kam es, daß neben den jüdischen Kolonisten, die eigenes oder gemeinschaftliches Land bearbeiten, eine bedeutende Zahl landwirtschaftlicher Proletarier entstand, die während der Erntezeit gegen Tagelohn auf fremdem, auch nichtjüdischem Boden arbeiten. Ueberblickt man die Entwicklung, die diese Bewegung in einer so kurzen Zeit und unter so schwierigen Verhältnissen durchgemacht hat, so kann man sich der staunenden Bewunderung für die Zähigkeit dieser seit Jahrhunderten getretenen und besonders von den schaurigen Ereignissen der letzten Jahre so arg mitgenommenen Massen nicht erwehren. Wie hat sich das litauische und weißrussische jüdische Städtchen verändert! Zur Sommerzeit befindet steh .fast die ganze Bevölkerung auf den Feldern; im Morgengrauen ziehen Scharen von Burschen und Mädchen mit Sensen und Rechen hinaus und kehren abends zurück, den Markt" und das Synagogengäßchen mit Felddüften und munteren neuen Klängen erfüllend. Der Großvaier der ostjüdischen Literatur, Mendele, und sein „Enkel" Scholem Aleichem, hätten ihr „Tunejadewke" und „Kassilewke" schwerlich wiedererkannt. II. Viel schwerer vollzieht sich der Wiederaufbau des jüdischen Handwerks. Die vom Wilnaer Komitee der „ORT" veranstaltete Umfrage beweist, in welchem Grade hier der Krieg, die bolschewistische Praxis und die polnische Okkupation zerstörend gewirkt haben. Mehr als je ist jetzt ein planmäßiger gesellschaftlicher Eingriff erforderlich. Aber es handelt sich nicht mehr wie in den früheren Jahren nur darum, die Qualität des jüdischen Handwerks zu heben, um Schulgarten der „Ort" in Wilna. dadurch seine Widerstandsfähigkeit zu stärken, sondern vielmehr um dessen Aufbau auf neuen Grundlagen. Auch hier bewegt sich aus praktischen Gründen die Initiative in der Richtung der genossenschaftlichen Produktion. . Der individuelle Aufbau des Handwerks ist bei der herrschenden Teuerung des Werkzeugs und des Rohmaterials wie auch bei den Schwierigkeiten, diese Sachen überhaupt zu bekommen, außerordentlich erschwert. So taten sich die jüdischen Handwerker zur Bildung von Arbeiterproduktivgenossenschaften und genossenschaftlichen Werkstätten aller Art unter Mitwirkung der „ORT" in allen größeren Städten zusammen. In Wilna allein bestehen gegenwärtig 17 solcher Vereinigungen. Außerdem haben sich Produktivgenossenschaften zur Versorgung der bestehenden jüdischen Konsumvereine gebildet. Den genannten Werkstätten gewährt die „OtRT" technische Hilfe durch ihre speziellen Konstrukteure und Ingenieure. Sie hilft ferner beim Einkauf von Rohstoffen und stellt Maschinen und Werkzeuge auf Abzahlung zur Verfügung. Eine viel breitere Tätigkeit wird auf dem Gebiete der professionellen Bildung entwickelt'. Auch hier versucht man neue Wege y.u beschreiten. Die Handwerkerschulen, die bereits vor dem Kriege bestanden, hatten ihre Aufgabe nicht ganz erfüllt. Zwar haben diese Schulen einem Teil der jüdischen Jugend technische Bildung angedeihen lassen, sie vermochten aber nicht, diese Jugend dem tatsächlichen Arbeiterberuf zuzuführen, so daß die neue Generation der Handwerker nach wie vor aus den sogenannten Lehrlingen hervorging, .nicht aber aus den Absolventen dieser Handwerkerschulen. Außerdem wurden diese Schulen schon vor der deutschen Okkupation nach Zentralrußland evakuiert, eine Neuaufrichtung wäre bei der jetzigen Lage ohnehin mit großen Schwierigkeiten verbunden. Hier sieht sich die „ORT" vor einer Reihe von Aufgaben gestellt. Es gilt erstens das technische Niveau der bereits vorhandenen Handwerker durch Verbreitung von Fachkenntnissen zu heben und für die modernen Arbeitsmethoden durch die Gründung von Musterwerkstätten zu interessieren. Zweitens müssen x neue Schichten der. jüdischen Bevölkerung und besonders der heranwachsenden Jugend zu produktiven Berufen herangebildet werden. Das ist deshalb besonders

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