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Ost und West · 1921-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1921) · p. Seite 115 - 116

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
Article
Religion und Vernunft
Date
1921-05-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 3)
Language
German
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115 Religion und Vernunft 116 in das Judentum, will es idealisieren, soweit es für sein philosophisches Gewissen nötig ist, aber nicht über es hinausführen. So wird sein Gott ein rationales Wesen, der Eine, der Einzige, der Unvergleichbare, der Heilige. „Als Heiliger ist Gott nicht sowohl Vorbild, das ja niemals erreicht werden kann, als vielmehr Urbild, mithin Idee, die für die Handlung die Bedeutung des Ideals hat". So verleugnet auch dieser Gott nicht seine Herkunft aus der kantischen Idee. Das ist nicht der Gott der Propheten, der ergrimmt über sein Volk und es vernichten muß um seiner Gerechtigkeit willen, der durch die Lande schreitet, daß das Blut unter seinen Füßen spritzt und der sich1 dann doch wieder wie eine Mutter über ihre Kinder erbarmt und nur einen Augenblick sein Angesicht verhüllt hatte, dessen Gedanken so viel höher sind als der Menschen Gedanken als der Himmel ist über der Erde. Cohens Gott, ist der Schöpfer. Aber die Schöpfung bedeutet nicht das Erschaffen aus dem Nichts, sondern sie wird hier umgedeutet im Sinne des Cohenschen Begriffes des Ursprungs, sie soll nur bedeuten, daß das Endliche aus dem Unendlichen entspringt und täglich aus ihm erneuert wird, da in ihm selbst keine Schaffenskraft liegt. Die Schöpfung des Menschen aber ist nichts anderes als die Schöpfung seiner Vernunft. Merkwürdig ist auch die Fassung des Begriffs der Offenbarung. Sie kann nicht im alten Sinne bestehen bleiben und bedeutet hier das Ewige gegenüber der Vergänglichkeit aller irdischen Einrichtungen, „das Ewige als die Grundlage der Vernunft". Aber wenn das Ewige die Grundlage der Vernunft ist, so muß es ihr wohl als etwas anderes, Vor- oder Uebervernünftiges, Irrationales vorangehen. Der Schleier des Geheimnisvollen kann also auch hier nicht zerrissen werden, obwohl es heißt, daß die Geschichte erst mit der Vernunft anfange. Es ist hier nicht der Ort, in eine Kritik dieser Begriffe einzutreten, wenn man sich auch fragen imuß: hat es Zweck, die alten Begriffe so umzudeuten, daß sie ihren ursprünglichen Sinn ganz verlieren und ein neuer Wiein in alte Schläuche gefüllt wird? Ist es nicht besser zu sagen: auf dem Standpunkt der Vernunftreligion ist der Betriff der Schöpfung und der der Offenbarung aufzuheben und dann etwa zu zeigen, daß dafür neue Begriffe einzuführen sind, die an die Stelle der alten treten, dem eigentlichen Leben der Religion aber keinen Abbruch tun, im Gegenteil das heilige ewige Feuer, das weiterglimmt, neu aufleuchten lassen, in dem die Schlacken verschwinden, die sich im Laufe der Jahrtausende angesetzt hatten? Denn was sich für Philo und Maimonides schickte, sollte das noch', für unsere Tage passen? Und weiter: darf man überhaupt die Religion auf das Vernunftsmoment beschränken? Ist eine Religion der Vernunft nicht ein Widerspruch in sich selbst? Ist nicht das Unoffenbare, Geheimnisvolle, in keine Worte oder Begriffe zu Fassende ihre eigentliche Kraft; Macht, Stärke? Kann man dies ausschalten, ohne ihr das Leben zu nehmen? Und was ist die Vernunft, vor deren Richterstuhl wir die Religion sich verteidigen lassen? Würde ein Inder zugeben, daß sein Brahman oder sein Nirwana, ein Chinese, daß sein Tao, ein Perser, daß sein Ahura Mazda weniger vernünftig sei als der Gott der Propheten, und hat sich nicht mehr als ein Jahrtausend abendländischer Geistesgeschichte abgemüht, die Vernunftgemäßheit der Trinität zu erweisen? Und ist das Moralische, das wir in keiner Religion missen möchten, das sowohl der Perser kennt, wenn er in seinem Glaubensbekenntnis sagt: „ich schwöre mich ein auf den guten Gedanken, ich schwöre mich ein auf das gute Wort, ich schwöre mich ein auf die gute Tat", wie der Anhänger des Buddha, des Konfuzius, des Laotse, der Jude, der Christ, der Mohammedaner —, ist die Moral das Religiöse oder ist die Religion nicht doch mehr als sie, selbst mehr als ihre Krönung, Erfüllung, Beseligung? Diese Fragen, die restlos vielleicht überhaupt nicht zu beantworten sind, bleiben auch in diesem Buche offen, das sich als Stufe im Aufstieg des Menschengeistes offenbart, aber als Stufe, die in heiligem Ernst erklommen ist und zu der man mit Ehrfurcht emporblickt, selbst wenn man sie nur als Stufe ansieht. Ob sie der kommenden Zeit als Sprungbrett dienen kann, muß die Zukunft lehren. Eines aber ist sicher, in dem, was dieses Buch über Gott und Mensch, über die religiöse Liebe, die Versöhnung, Tod, Unsterblichkeit, Gebet, Messias und über die Tugenden sagt, findet sich so viel Schönes, daß seine Stimme nicht ungehört verhallen, sondern in vielen Herzen wiederklingen wird. Es liegt eine Abgeklärtheit über dem Buch, die nur die Todesnähe zu erzeugen vermag, und der Gedanke des Friedens ist sein natürliches Ende. „Der Messianismus ist und bleibt die Grundkraft des jüdischen Bewußtseins. Und der Messias ist der Friedensfürst. Und das höhe Lied besingt auch im Namen schon die Heldin der Liebe als die Jungfrau des Friedens, die Sulamith. Und ebenso ist die Psalmenpoesie nicht zwar Hirtenpoesie, aber •Heldenpoesie des Friedens für den Menschen und im Menschen, Was ist der Inbegriff des Menschenlebens im Geiste der Bibel? Der Friede ist es. Aller Sinn, aller Wert des Lebens liegt im Frieden. Er ist die Einheit aller Lebenskräfte, ihr Gleichgewicht und die Schlichtung aller ihrer Gegensätze. Der Friede ist die Krone des Lebens. —

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