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Ost und West · 1921-05-01 · Heft 5-6 (Mai-Juni 1921) · p. Seite 113 - 114

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Journal
Ost und West
Volume
21 (1921)
Issue
Heft 5-6 (Mai-Juni 1921)
Article
Religion und Vernunft
Date
1921-05-01
Page
Seite 113 - 114 (sequence 2)
Language
German
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113 Religion und Vernunft 114 Zweifel an der Kraft des menschlichen Intellekts werden laut, eine wenn auch nicht Weltso doch Weltteiluntergangsstimmung macht sich breit, der Begeisterung über die technischen Fortschritte, überhaupt über den berühmten, ewigen Fortschritt des» Menschengeschlechts ist eine große Ernüchterung gefolgt, der Hexensabbat des Weltkrieges hat die Menschenseelen buchstäblich zerrissen und zerfetzt, haltlos taumeln sie zwischen Vergnügen, Arbeit, Verbrechen und lethargischem Nichtstun hin und her; Üa hilft nicht Vernunft, da hilft nur Erlösung. Die Stimmung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der Cohen aufwuchs, war eine andere; es war die Zeit des Materialismus, die Zeit der Wissenschaften, der Naturwissenschaften und der Technik. So wurde die Cohensche Logik eine Logik der mathematischen Naturwissenschaft. Auch seine Ethik glaubte nicht frei das Sittliche entfalten zu können, sondern zu seiner Erfassung und Formulierung sich der Rechtswissenschaft bedienen zu müssen. Was aber konnte ein rationalistisches Zeitalter mit der Religion beginnen? Mußte es sie nicht, wenn es das Moralische als das einzig Wertvolle in ihr erkannte, auflösen? Konnte sie mehr sein als eine Vorstufe zur Sittlichkeit, ein Gängelband, das die unmündige Menschheit leitet, bis sie auf eigenen Füßen zu gehen sich gewöhnt hat? Das war in der Tat Cohens erste Antwort. Die Religion habe nur vorbereitenden Wert vor der Durchführung der Ethik und zwar einmal durch' die Erhaltung der Gottesidee, dann durch' die Aufrechterhaltung des lebendigen Leitgedankens der Pflicht und endlich dadurch, daß sie in der Pietät zur angestammten Religion die Tugend der Treue unterstützt. So hieß es in der Schrift „Religion und Sittlichkeit" (1907). Und gerade dieser letzte Gedanke ist für Cohfen charakteristisch, denn auf allen Stufen seiner Entwicklung hat er, trotz jener Auffassung der Religion als Vorstufe der Sittlichkeit, an der angestammten Religion, in die ihn schon früh sein Vater einführte und der er ursprünglich sein Leben weihen wollte, festgehalten, und so hat ihn der Weg der Zeit, der ihn zur Religion führte, zugleich zu seiner Kindheit zurückgeleitet. — Während noch die eben ■genannte Schrift zu zeigen suchte, daß die Religion neben der Ethik keine selbständige Richtung des Kulturbewußtseins sei, daß es also eigentlich keine selbständige Religionsphilosophie geben dürfe, geht die 1915 erschienene Schrift: „Der Begriff der Religion im System der Philosophie" einen Schritt weiter. Und zwar ist die Formulierung, die hier gefunden wird, sehr merkwürdig. Der Religion wird nämlich „Eigenart", aber keine Selbständigkeit zugesprochen. „Es ist nun wahrlich nicht etwa hier die Meinung", so sagt diese Schrift, „daß die Religion an die Stelle der Ethik zu treten hätte, es handelt sich jä keineswegs um ihre Selbständigkeit. Ihre Eigenart bedeutet ja nur, daß sie als ein Faktor der systematischen Kultur mitzuwirken habe, um die Einheit des menschlichen Kulturbewußtseins zustande zu bringen", und das Neue der Religion sei in dem Begriff des Einzelmenschen, des Individuums gegeben, denn die Cohensche Ethik kennt den einzelnen nur als ein Glied der Gemeinschaft. Daher sei die Eigenart der Religion eine Grundbedingung der systematischen Einheit des modernen Kulturbewußtseins. Noch' weiter geht das neueste, leider erst vor kurzem erschienene Werk Cohens „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" (er selbst pflegte prägnanter zu sagen: geschöpft aus den Quellen des Judentums). Um das vorweg zu nehrnen: es ist ein Buch, das nicht für Jahre und Jahrzehnte, sondern für Jahrhunderte geschrieben ist. Seit dem Erscheinen dieses Buches gibt es wieder eine jüdische Religionsphilosophie, die sich1 neben die christliche stellen kann. Man muß bis auf Maimonides zurückgehen, um eine ebenbürtige Erscheinung zu finden. Es spricht hier ein Mensch' zu uns, der mit allen Fasern seines Wesens am Judentum hängt und dem die Pietät zur überkommenen Religion die Worte leiht, ein Mensch aber, der zugleich tief im abendländischen Rationalismus steckt und der diesen Rationalismus, den Glauben, daß die Vernunft der Schöpfer aller Dinge, daß alles, was nicht vernünftig sei, keinen Anspruch auf Existenz habe, mit der Religion vereinigen will. Kant forderte die Religion vor die Vernunft, und er drang zu einer Religion der Vernunft vor. Wenn auch ihre Hauptoffenbarung das Christen^» tum sein sollte, so war seine Schrift mehr allgemeine als christliche Religionsphilosophie. Bei Cohen aber ist der Zusammenhang zwischen der Religion der Vernunft und dem Judentum ein so enger, daß er eine jüdische Religionsphilosophie schreibt. Es ist unmöglich, den Reichtum dieses Buches hier auch nur andeuten zu wollen. Nur weniges kann ich hervorheben. Auch der um die Wende der Zeitrechnung lebende Philo, der ebenso wie Cohen in sich verschiedene Kulturei?, die griechische und jüdische vereinigt und das alte Testament mit den Augen Piatos liest, kommt zu einer Umdeutung der Schrift. Auch ihm wird die Schöpfung ein zeitloses, übernatürliches Schaffen, ein Schaffen in der Vernunft. Aber Philo trägt in die alten Gedanken ganz fremde Ideen hinein, vor allem die eines Mittlergottes, und führt so als vorchristlicher Christ über das Judentum hinaus. Auch für Cohen wandeln sich die Begriffe unter seinen Fländen, aber er will doch immer zurückführen

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